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StartseiteWissenschaft im BrennpunktManuskript: Das Prion-Prinzip18.11.2012

Manuskript: Das Prion-Prinzip

Erst verdreht sich ein einzelnes Eiweiß. Dann zwingt es seine Nachbarn in eine neue Form. Eine Kaskade setzt ein: Langsam, dann immer schneller wandern die Schäden von Molekül zu Molekül, von Nerv zu Nerv und schließlich von Hirnregion zu Hirnregion. Prionen-Mechanismus nennen das die Wissenschaftler, er hilft zum Beispiel bei der Gedächtnisbildung. Erst wenn sich Prionen unkontrolliert ausbreiten, entstehen Krankheiten wie Rinderwahnsinn und Creutzfeldt-Jakob. Nun mehren sich Hinweise, dass das Prionen-Prinzip auch bei Alzheimer, Parkinson oder Huntington eine Rolle spielt. Derbe Klumpen und Fasern zwischen und in den Nerven - die mikroskopischen Schäden gleichen sich frappierend. Sollten all diese neurodegenerativen Krankheiten tatsächlich auf eine Ursache zurückgehen?

Von Volkart Wildermuth

Die dreidimensionale Struktur von Prion-Proteinen. (picture alliance / dpa)
Die dreidimensionale Struktur von Prion-Proteinen. (picture alliance / dpa)

"I think this is remarkable I think we will be looking back on this meeting as being absolutely extraordinary."

Frühjahr 2012, Paris. Aufbruchstimmung bei Gedächtnisforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel. An diese Konferenz werde man sich einmal als absolut außergewöhnlich erinnern, meint er. Auch die anderen anwesenden Experten sind bester Laune. Traditionell sahen sich die Neurologen einer verwirrenden Vielfalt an Krankheitssymptomen gegenüber. Jetzt zeichnet sich hinter all dieser Vielfalt erstmals ein einheitlicher Mechanismus ab. Er eröffnet neue Wege, schürt aber auch neue Sorgen.

Mathias Jucker: "Also wir stellen uns immer die Frage. Wieso ist Alzheimer nicht infektiös? Man muss immer wieder das gleiche sagen: Es gibt keine Evidenz, dass Alzheimer infektiös ist. Aber vom Mechanismus her müsste man sagen: es sollte infektiös sein."

Auch Stanley Prusiner wirkt euphorisch. Für die Entdeckung des Prion-Prinzips wurde er 1997 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Prionen, das konnte er nachweisen, stehen hinter dem Rinderwahnsinn BSE und der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit des Menschen. Sehr seltene Krankheiten, die das Gehirn nach und nach zerfressen.

"Das Feld explodiert und wir machen wunderbare Fortschritte. Vielleicht führt das endlich zu neuen, wirksamen Therapien."

Jetzt soll das Prion-Prinzip auch bei Alzheimer und Parkinson beteiligt sein; bei der Fronto-Temporalen Demenz und der Muskelschwäche ALS, beim Veitstanz und sogar bei Hirnschäden von Boxern. Eine Ansteckung über den Prion-Mechanismus wird in Paris vorerst als eher theoretisches Risiko gesehen. Ganz real ist dagegen: das Leid der Patienten und ihrer Angehörigen, bei allen neurodegenerativen Krankheiten.

Oliver Peters: "Was Fakt ist, ist, dass die Etablierung von Medikamenten, die die Erkrankung, die chronische Neurodegeneration, bei ihren Wurzeln packen, bislang nicht erfolgreich gewesen ist."

Bei Alzheimer hatten in den letzten Jahren mehrere vielversprechende Studien versucht, den Krankheitsprozess zu stoppen. Doch eine nach der anderen endete mit einem Fehlschlag, so der Neurologe Dr. Oliver Peters von der Berliner Charité. Sollte nun tatsächlich das Prion-Prinzip helfen zu verstehen, was bislang schiefgelaufen ist? Mathias Jucker vom Hertie Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen.

"Vielleicht gibt es nachher tatsächlich Therapien, die für alle Arten solcher Krankheiten wirken könnten, weil der grundsätzliche Mechanismus der gleiche ist."

Spurensuche. Indizien für eine Übertragung von Nerv zu Nerv

"So das ist unser Labor."

Hinter der Tür sieht es am Zentrum für klinische Forschung der Universität Ulm aus wie in vielen biologischen Laboratorien. Gekachelte Tische, Abzugshauben, Waagen, Zentrifugen. Doch dazwischen, darunter, daneben stapeln sich unzählige gut verschlossene Plastikeimer.

"Das sind alle Autopsiegehirne, die zu uns gekommen sind und die werden dann systematisch also untersucht auf Alzheimer Pathologie auf Parkinson Pathologie auf Huntington Pathologie auf ALS Pathologie, also amyotropher Laterosklerose."

Über 7000 Gehirne lagern in Ulm. Nicht nur von chronisch Kranken, sondern auch von eigentlich gesunden Personen, die ein Unfall aus dem Leben gerissen hat. Dr. Kelly Del Tredici-Braak zieht Gummihandschuhe an. Unter der Abzugshaube nimmt sie eine Hirnhälfte aus einem der Plastikeimer. Es riecht nach Formalin.

"Also wenn ich das jetzt sehe, wie das hier in meinen Händen liegt, würde ich sagen, das ist von einem Mann."

Grau sieht das halbe Gehirn aus, außen gefurcht von Wülsten und Falten, zur Mitte hin eher glatt, hinten wie ein kleiner Blumenkohl das Kleinhirn.

"Ich werde das jetzt einfach zuschneiden. Ich muss mir das hier so zurechtlegen, erst brauche ich hier ein Skalpell und dann das große Messer für größere Schnitte. Das ist relativ groß und flach, hat so einen Geräusch, die müssen sehr, sehr scharf bleiben. So jetzt werde ich hier... mein erster Schnitt. Wichtig ist, dass man das gerade macht und dabei keine Strukturen zerstört."

Sorgfältig schneidet Kelly Del Tredici-Braak das Gehirn erst in breite Scheiben und trennt dann einen kleinen Würfel aus dem Schläfenlappen ab. Den Rest des Gehirns legt sie sorgfältig zurück in seinen Eimer

"Das bleibt erhalten und kommt in unsere Sammlung bis wir weitere Blöcke entnehmen müssen oder Proben oder bis dieses Gehirn aufgearbeitet wird und völlig in Serien geschnitten wird. Das heißt, es geht nichts verloren."

Eine Treppe höher sitzt Professor Heiko Braak in seinem Büro. Er ist schon längst im Rentenalter, an der Universität Ulm kann er aber weiterforschen, sein Lebenswerk vollenden. Tausende Gehirne hat der Neuroanatom zusammen mit seiner Frau in dünne Scheiben geschnitten, sie gefärbt, um früheste Krankheitsveränderungen sichtbar zu machen. Heiko Braak greift nach einem Tablett, auf dem mehrere Postkartengroße Glasscheiben liegen. Auf jeder ist ein Schnitt durch ein menschliches Gehirn fixiert. Das Gewebe zeigt Spuren von Alzheimer, dabei war das Gedächtnis dieses Menschen bei seinem Tod noch völlig intakt.

"Da sehen Sie an dieser Stelle so einen kleine braune Färbung, so wie Schmutz unterm Fingernagel, so ähnlich sieht das aus und so beginnt das in der Hirnrinde."

Die braune Färbung zeigt an, wo sich die abnorme Form des Tau-Proteins angesammelt hat, eines der beiden Eiweiße, die das Gehirn von Alzheimer-Patienten verstopfen. Heiko Braak holt den nächsten Schnitt. Die braune Färbung ist kräftiger, breiter verteilt. In diesem Gehirn war der Krankheitsprozess zum Zeitpunkt des Todes bereits weiter fortgeschritten. Bei den letzten Schnitten kann schon der Laie erkennen, dass die Furchen des Gehirns viel tiefer eingegraben sind.

"Das ist also ein Endstadium, tiefe Demenz. Die Frau saß nur noch auf einem Sessel und hatte keine Kommunikation mit anderen mehr, war völlig in sich hinein gesunken und in diesem Zustand ist sie auch verstorben."

Mit viel Geduld konnte Heiko Braak an all den Hirnschnitten nachweisen: Die typischen Ablagerungen entstehen nicht einfach irgendwo, sie folgen einem festgelegten Muster. Der Krankheitsprozess lässt sich in immer wiederkehrende Stadien einteilen, die inzwischen weltweit als Braak-Stadien bekannt sind. Ausgangspunkt ist immer der Locus coeruleus im Hirnstamm, dann breiten sich die Schäden entlang der Nervenbündel erst zum Schläfenlappen aus und dann über die gesamte Hirnrinde. Die beste Erklärung: eine Infektion von Nerv zu Nerv. Braak:

"Das ist eine sehr interessante Diskussion die jetzt vor ein paar Jahren begonnen hat. Es geht immer von einer Stelle zur nächsten, immer wieder auf die gleiche Art und Weise, auch nicht wild durcheinander, sondern stereotyp immer in den gleichen Schritten schreitet es voran und am Ende haben wir dann die komplette Erkrankung der Hirnrinde. Das kann man eigentlich nur durch eine Übertragung von einer Nervenzelle zur anderen erklären."

Spurensuche: eine neue Form von Erreger

Die Schäden bei Alzheimer und auch bei Parkinson breiten sich aus wie eine Infektion. Von einem Bakterium oder Virus ist aber nichts zu sehen. Lange suchten die Forscher deshalb nach einer anderen Erklärung. Vielleicht waren die zuerst betroffenen Hirnregionen einfach besonders empfindlich. Möglich, aber doch weit hergeholt, dachte sich Professor Mathias Jucker. - Was wenn das Naheliegende wahr wäre? Am Tübinger Hertie Institut für klinische Hirnforschung begann Jucker 2003, Mäuse mit Alzheimer zu "infizieren".

Wie eine groß geratene Erdnuss liegt das glatte, steif gefrorene Gehirn der Maus auf dem Kühlblock des Mikrotoms. Immer wieder schneidet ein scharfes Messer dünnste Scheiben ab, die Dr. Yvonne Eisele sorgfältig auffängt.

"Wir haben einen dünnen Haarpinsel, wo wir die Schnitte auch einzeln aufnehmen können und auch auf dem Objektträger auch wieder ausbreiten können, so dass wir auch wirklich alle Strukturen sehen, von dem Gehirn."

Noch kann Juckers Kollegin die Alzheimerschäden nicht erkennen, die dünnen Schnitte sind durchscheinend. Erst die Färbung macht ganz gezielt die Ablagerungen sichtbar. Yvonne Eisele taucht den Halter mit den Objektträgern nacheinander kurz in mehrere Glasgefäße.

"Wir haben jetzt hier eine Alkoholreihe, immer höherprozentigen Alkohol, wo wir die Schnitte nach und nach rein geben, damit sie auch auf lange Sicht die Färbungen stabil bleibt."

Die einzelnen Schnitte gleichen zarten Blüten. Auf den Objektträgern sind je 15 zu sehen, geordnet von vorne nach hinten. Das konservierte Gehirn einer Modellmaus.

Mäuse bekommen kein Alzheimer, dazu ist ihr Leben viel zu kurz. In der Forschung werden gentechnisch manipulierte Nager verwendet, die menschliche Alzheimergene tragen. Auch sie entwickeln keine Demenz, aber in ihren Gehirnen lagern sich die typischen Eiweißklumpen ab, das Beta-Amyloid. Mit solchen Modellmäusen stellten Mathias Jucker und Yvonne Eisele die Infektionstheorie auf die Probe. Ausgangsmaterial war ein Extrakt aus dem Hirngewebe von Alzheimer-Patienten. Diesen Extrakt spritzten die Forscher den Mäusen ins Gehirn oder in die Bauchhöhle. Eisele:

"Dann mussten wir mehrere Monate warten, und dann haben wir gesehen, dass dieses Extrakt vom Alzheimerpatienten im Gehirn von der Maus weitere Beta-Amyloid Ablagerungen ausgelöst hat."

Über Jahrzehnte hinweg war Alzheimer als eine Art neurologisches Müllproblem beschrieben worden: Es bilde sich zu viel von dem Eiweiß A-Beta, das verklumpe zu Beta-Amyloid, das letztlich die Arbeit der Nerven störe. Die Experimente von Mathias Jucker und Yvonne Eisele zeigen: So einfach ist es nicht. Die Eiweißklumpen sammeln sich nicht einfach passiv an. Ihre Bildung ist ein aktiver Prozess. Im Experiment angestoßen durch den injizierten Gehirnextrakt. Normalerweise wohl eher durch zufällige Prozesse, die im Alter häufiger werden. Wenn die Verklumpung aber erst einmal begonnen hat, breitet sie sich wie eine Infektion in den Nerven aus. Das aber sei das Kennzeichen von Prionen, meint der BSE Experte Claudio Soto.

"Das ist ein alter Mechanismus, den wir hier entdecken. Beim Rinderwahnsinn BSE und Creutzfeldt-Jakob kennen wir ihn seit langem, jetzt entdecken wir ihn auch bei Volkskrankheiten. Prionen können in einer verdrehten Form vorliegen. Und sie können diese verdrehte Form auf gesunde Prionen übertragen und sie so umwandeln in giftiges Material."

Prionen sind infektiöse Eiweiße. Sie haben ein Janusgesicht, können in zwei Strukturen vorliegen. Das eine Gesicht ist gutmütig, in dieser Form gehen die Prionen ihren normalen Aufgaben im Körper nach. Extrem selten kommt es aber vor, dass sich so ein Prion umlagert, seine zweite, die gefährliche Struktur annimmt. Gefährlich ist sie, weil sie wie eine Schablone wirkt: sie zwingt die gutmütigen Prionen in der Umgebung ebenfalls in die gefährliche Form. Aus einem verdrehten Prion werden zwei, dann vier und immer so fort, ein Dominoeffekt, der sich langsam aber unaufhaltsam ausweitet. Lange sah es so aus, als sei nur ein einziges Eiweiß auf diese Art tödlich infektiös - eben das Prionprotein, das in seiner gefährlichen Form den Rinderwahnsinn BSE und beim Menschen Creutzfeldt-Jakob auslöst. Die Experimente von Mathias Jucker und Yvonne Eisele legen nun nahe, dass auch bei Alzheimer ein Prion-Mechanismus im Spiel ist. Eisele:

"Ich denke, das ist ganz wichtig, dass wir einfach verstehen, dass diese Aggregate, die man bei den Erkrankungen findet, nicht einfach nur so ein Nebenprodukt sind, die halt irgendwann auftreten und man weiß nicht genau weshalb, sondern wirklich, dass es damit beginnt, dass das normale Protein in diese krankhafte Struktur übergeht, Aggregate bildet, und dass der Auslöser ist, was dann eben schädlich auf die Nervenzellen wirkt."

Spurensuche: Prionprinzip überall

Das Prion-Prinzip wird nicht nur bei Alzheimer diskutiert. Auch bei der Schüttellähmung Parkinson finden sich Ablagerungen. Die sogenannten Lewy-Körperchen bestehen aus dem Eiweiß Alpha-Synuclein. Heiko Braak konnte nachweisen, dass sich auch bei Parkinson die Ablagerungen nach einem bestimmten Muster entwickeln.

"Auch das legt primär nahe, dass da ein Übertragungsmechanismus von einer Nervenzelle zu einer andern Nervenzelle mindestens eine erhebliche Rolle spielt bei dem Voranschreiten des Prozesses."

2009 konnten amerikanische Forscher in der Petrischale die Ausbreitung der verdrehten Alpha-Synuclein Fasern von einer Nervenzelle zur nächsten direkt beobachten. Der wichtigste Hinweis für einen Prion-Mechanismus kommt aber von einer Transplantationsstudie bei Parkinsonpatienten. Dabei wurden gesunde Nervenzellen ins kranke Gehirn übertragen. Doch schon nach wenigen Jahren entwickelten sie ebenfalls Lewy-Körperchen. Angestoßen durch den Prion-Mechanismus, wie man heute vermutet. Während Heiko Braak über Parkinson spricht, geht die Labortür auf, und ein Kollege aus der Neurologie setzt sich neben ihn ans Mikroskop.

"... da sind wir gespannt wie ein Flitzebogen…"

"...Antikörper gut anwendbar…"

"ich finde das jetzt sehr ermutigend…"


"Mich begeistert das Ganze, obwohl man so wenig sehen kann…"

"Ich habe das so in der Nase"

Professor Bernhard Landwehrmeyer ist Leiter des Europäischen Huntington-Disease-Networks. Chorea Huntington, der Veitstanz, ist eine Erbkrankheit, bei der die Patienten im Alter von vierzig, fünfzig Jahren unter massiven Zuckungen zu leiden haben. In ihrem Gehirn finden sich Ablagerungen aus einem Eiweiß namens Huntingtin. Landwehrmeyer:

"Die beste Evidenz, die es dafür gibt, für einen prionenähnlichen Ausbreitungsmechanismus, kommt aus Transplantationsstudien. In diesen Transplantaten ist nachgewiesen worden, dass diese Transplantate ebenfalls Huntington Ablagerungen bilden, zumindest in Grenzfläche zum Gewebe des Erkrankten."

In den letzten zwei Jahren geht es Schlag auf Schlag: Parkinson, Huntington, Frontotemporale Demenz, ALS. Bei immer mehr Krankheiten entdecken die Forscher Hinweise auf das Prion-Prinzip. In Paris tragen sie ihr Wissen zusammen. Der Vater des Prionen-Konzepts, Stanley Prusiner berichtet von vergleichsweise jungen Demenzpatienten, die viele Schläge gegen den Kopf einstecken mussten. Boxer etwa, oder Football Spieler. In den USA wird dieses Phänomen gerade auf den Sportseiten diskutiert.

"Inzwischen wissen wir, das betrifft nicht nur Football- Spieler und Boxer, sondern wahrscheinlich auch Soldaten, die große Explosionen überstanden haben."

In ihrem Gehirn finden sich Zusammenballungen des Tau-Eiweißes, ebenfalls ein Prion-Kandidat. Gelegentlich reichen offenbar starke Erschütterungen des Gehirns aus, um das Janusgesicht von Tau zu offenbaren. Prusiner:

"Wir sehen: Ganz verschiedene Proteine können Prionen werden. Zum ersten Mal entdecken wir Gemeinsamkeiten zwischen ganz unterschiedlichen Krankheiten des Gehirns. Einen einheitlichen Mechanismus, der sehr verschiedene Eiweiße erfassen kann."

Noch vor fünf Jahren galten Prionen als exotisch. Inzwischen finden sie die Forscher auch an unerwarteter Stelle und entdecken: Die Natur hat für den Prion-Mechanismus auch nützliche Anwendungen gefunden. Zum Beispiel in den Nerven der Meeresschnecke Aplysia, berichtete in Paris der Gedächtnisforscher Eric Kandel.

"Wenn man dort ein bestimmtes Prion ausschaltet, können sich die Meeresschnecken nur noch an Dinge erinnern, die höchstens zwei Tage zurückliegen. Sie bilden neue Nervenkontakte, aber ohne dieses Prion verschwinden sie wieder. Das ist ein sehr deutlicher Effekt."

Das Prion wirkt wie ein Schalter. In seiner löslichen Form ist es inaktiv. Sobald es sich aber verformt, bildet es feste Aggregate. Die verstärken diese eine Synapse und stabilisieren so auf Dauer die Gedächtnisspur. Übrigens nicht nur bei der Meeresschnecke, sondern auch bei Fruchtfliegen und Mäusen. Kandel:

"Das ist wundervoll. Warum sollte dieser Mechanismus nur bei Krankheiten greifen. Ich finde, das ist ein extrem interessantes Phänomen."

Konsequenzen: Sind Alzheimer oder Parkinson ansteckend?

Das Prion-Prinzip inspiriert die Forscher. Es wird noch viel Fleißarbeit im Labor bedürfen, bis klar ist, ob es wirklich der zentrale Schlüssel zum Nervenuntergang ist oder doch nur ein kleines Rädchen im Getriebe neurologischer Krankheiten. Aber schon jetzt sorgt der Begriff Prion für Unruhe. Die Prionen-Krankheit BSE hat zur Epidemie unter Rindern geführt, der auch 208 Menschen zum Opfer fielen. Und die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit ist in seltenen Fällen auch bei Hirnoperationen oder über Blutprodukte übertragen worden. Deshalb gelten hier inzwischen besondere Hygienevorschriften. Prionen sind gefährlich. Was bedeutet das nun für Alzheimer oder Parkinson?

"Also wir stellen uns immer die Frage. Wieso ist Alzheimer nicht infektiös? Man muss immer wieder das gleiche sagen: Es gibt keine Evidenz, dass Alzheimer infektiös ist. Aber vom Mechanismus her müsste man sagen: Es sollte infektiös sein. Aber es ist es offensichtlich nicht."

Forscher haben sich das Auftreten von Alzheimer genau angesehen und dabei keine Hinweise auf eine Übertragung gefunden, so Mathias Jucker. Das heißt: die große Mehrzahl der Alzheimerfälle entsteht spontan, zufällig. Unter besonderen Umständen könnte es sehr selten aber doch zu einer Übertragung kommen, fürchtet Professor Claudio Soto. Der Neurologe von der Texas Houston Medical School war an der Entwicklung eines BSE Tests beteiligt und kennt damit die möglichen Konsequenzen des Prion-Mechanismus nur zu gut.

"Wir untersuchen Bluttransfusionen, weil sie in der Medizin häufig vorgenommen werden. Es ist wichtig in Tierversuchen zu prüfen, ob hier eine Übertragung möglich ist."

In seinen Experimenten nutzte Claudio Soto das Blut sehr alter Alzheimermäuse für Transfusionen an junge Mäuse. Und tatsächlich: Mehrere Monate später fand sich in deren Hirnen doppelt soviel Amyloid wie im Gehirn von Kontrolltieren. Das zumindest berichtete Claudio Soto auf der Konferenz in Paris. Schlagzeilen waren vorprogrammiert. Allerdings wollte Soto mit der Presse noch nicht über die Details seiner Versuche sprechen. Erst müssten sie begutachtet und veröffentlich werden. Nur so viel:

"Ja, es gibt vorläufige Hinweise, dass sich Aspekte von Alzheimer über eine Bluttransfusion übertragen lassen."

Das war im Frühjahr. Bislang ist die Arbeit nicht erschienen. Es gibt Gerüchte, die Gutachter wären nicht überzeugt gewesen. Auch Mathias Jucker hat den Vortrag in Paris gehört. Und die dort präsentierten Daten sind auch ihm noch viel zu unklar.

"Bluttransfusion - das ist völlige Spekulation. Da muss man warten, ob es publiziert wird, wie es publiziert wird und dann sich die Daten genau ansehen. Jetzt zu spekulieren, dass so etwas möglich ist und dass es dann auch Konsequenzen hätte für den Menschen, finde ich einfach viel zu früh."

In Deutschland wacht der Arbeitskreis Blut über die Sicherheit der Transfusionen. Sein Vorsitzender ist Professor Reinhard Burger, Präsident des Berliner Robert-Koch-Institutes. Die Experimente von Claudio Soto verfolgt er mit großem Interesse, hält sie aber noch für sehr vorläufig.

"Es handelt sich um Befunde aus einem sehr speziellen Modellsystem, einem speziellen Tiermodell, und wir sehen bisher keine Konsequenzen für Maßnahmen zur Blutsicherheit bei Bluttransfusionen."

Trotzdem bereiten Forscher am Robert Koch Institut gerade selbst Transfusionsexperimente mit Alzheimermäusen vor. Bis hier klare Ergebnisse vorliegen will Reinhard Burger ältere Menschen auf keinen Fall von der Blutspende ausschließen..

"Also der Anteil der älteren Blutspender stellt einen beträchtlichen Teil des Aufkommens an Blutspenden dar. Und Blut für Transfusionen ist ein knappes Gut. Ich glaube, wir sollten uns sehr hüten, wegen eines theoretischen Risikos, was nicht belegt ist, ein sehr reales Risiko zu schaffen, dass also wegen einer Verknappung von Blut lebenswichtige Transfusionen nicht erfolgen können. Also das wäre der falsche Weg. Es fehlen letztlich noch sehr viele Hinweise, die diese Hypothese bestätigen."

Konsequenzen: neue Wege zur Therapie

Gerade Alzheimerpatienten haben die Ärzte derzeit nicht allzu viel anzubieten. Es gibt Wirkstoffe, die die Gedächtnisprobleme um etwa ein Jahr verzögern. Andere Mittel können Begleitsymptome wie Ängste lindern. Das ist viel wert, betont Oliver Peters von der Gedächtnissprechstunde der Berliner Charité. Doch alle Versuche, den Krankheitsprozess selbst zu stoppen sind bislang gescheitert.

"Die Enttäuschung ist da. Das ist ganz klar. Gerade jetzt momentan, wo eine ganz große Immunisierungsstudie sich als nicht erfolgreich gezeigt hat, gibt es natürlich auch eine Enttäuschung."

In dieser Studie sollten Antikörper das Amyloid aus dem A-Beta Eiweiß angreifen. Das haben sie auch gemacht: Die Ablagerungen schrumpften tatsächlich. Trotzdem verschlechterte sich das Gedächtnis der Studienteilnehmer unaufhaltsam weiter. Für Mathias Jucker ist das aber kein Grund, den ganzen Ansatz fallen zu lassen.

"Diese ganze Priontheorie sagt uns ja, dass viele, viele Jahre, Jahrzehnte bevor die Krankheit ausbricht, beginnt es im Gehirn mit gewissen Veränderungen in Proteinen, in Eiweißen. Diese verdrehten Eiweiße haben den Nervenzelltod schon stimuliert, es hat schon angefangen - und das kann man nicht rückgängig machen. Also müsste man doch eine Therapie ganz früh machen, viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, bevor man klinische Symptome hat."

"Also ich bin Diplomingenieur und war da so Größenordnung 40 Jahre im Einsatz in der Kraftwerkspraxis."

Das ist schon lange her, seit 15 Jahren ist Lothar Schefter in Rente. Seine Zeit verbringt er in seinem Kleingarten und im Verein Britzer Mühle.

"Ich bin also diplomierter in Gänsefüßchen Windmüller und kann dieses Ding also anfahren, abstellen und, was wichtig ist, dazwischen noch Mehl mahlen."

Lothar Schefter geht es gut im Ruhestand. Trotzdem fühlt er sich seit einiger Zeit unsicher. Zum Beispiel wenn ihn ein Nachbar grüßt.

"Tach Herr, so weit kommen Sie noch und dann wissen Sie nicht mehr ob er Meyer oder Müller heißt, ja und dann fangen Sie an zu stottern, das ist natürlich auch peinlich. Das kannte man von mir nicht."

Kleine Dinge, die mehr irritieren als behindern. Trotzdem sucht Lothar Schefter Rat in der Gedächtnissprechstunde der Charité. Dort muss er viele Gedächtnistests über sich ergehen lassen, zum Beispiel Geschichten genau nacherzählen. Nach wenigen Sätzen: nur noch Leere im Kopf.

"Es wurde immer gesagt: Ganz schlimm ist es bei Ihnen nicht. Das war mir klar. Eine richtige Macke hatte ich noch nicht, aber für mich, ich konnte mich selbst nicht leiden, und das war mir ein Kriterium, wenn ich mich selbst nicht leiden kann, bin ich stinkig."

Die Ärzte der Charité vermaßen mit Hirnscans die Größe der Gedächtnisregion bei Lothar Schefter und suchten im Rückenmarkswasser nach alzheimertypischen Eiweißen. Offenbar hatte der Krankheitsprozess im Gehirn bereits begonnen, auch wenn Lothar Schefter noch sehr weit von einer echten Demenz entfernt war. Für die Ärzte Grund genug, ihm eine der ersten Studien zur Frühbehandlung zu empfehlen. Inzwischen erhält der Rentner jeden Monat eine Injektion mit einem Anti-Alzheimer- Antikörper.

"Ich hoffe, dass das nicht noch schlimmer wird, sondern dass das wenigstens bleibt. Mit dem hab ich mich jetzt abgefunden, mit dem kann ich leben und die Leute haben ja in der Zwischenzeit auch begriffen, dass ich plötzlich mal ein bisschen ins Stottern komme oder eine Pause einlege."

Studien an Menschen, die noch keine Patienten sind. Das ist Neuland in der Alzheimerforschung, Oliver Peters möchte hier vorsichtig vorangehen.

"Das hat auch etwas mit der Sicherheit der eingesetzten Medikamente zu tun. Jemand der nicht in der klassischen Definition der Krankheit krank ist, den kann man nicht dem Risiko aussetzen, aufgrund von Nebenwirkungen eine Erkrankung zu bekommen, da befinden wir uns im Moment in einem Spannungsfeld, das sich sicherlich in den nächsten Jahren deutlicher lösen lässt."

Die Studie, an der die Patienten der Gedächtnissprechstunde der Charité teilnehmen, steht nicht allein. Die klinische Forschung erlebt derzeit einen Trend zu einer deutlich früheren Behandlung. Die Hoffnung: Den Krankheitsprozess zu stoppen, bevor die Nerven unwiederbringlich verloren sind. Nicht nur bei Alzheimer, auch bei anderen neurodegenerativen Krankheiten eröffnet der Prion-Blick neue Perspektiven. So gibt es erste Wirkstoffe, die direkt den Prion-Mechanismus blockieren, in dem sie die gesunde Form der Eiweiße stabilisieren. Ein solches Medikament gegen das Erbleiden Familiäre Amyloid Polyneropathie ist sogar schon in Europa zugelassen. Auch bei anderen Prionen sollten sich Wirkstoffe entwickeln lassen, die den Dominoeffekt unterbinden. Mathias Jucker ist optimistisch.

"Also eigentlich, das Konzept, das man heute hat, stimmt wirklich mit allem, was wir wissen überein. Wenn es uns gelingt, diese Menschen früh genug zu therapieren gegen diese Verdrehung der Eiweiße, dann sollte nach allem Wissen, was wir heute haben, sollte es eigentlich funktionieren."

Ähnlich wie bei früheren Rückschlägen sind die Forscher schnell aus einer Phase der Enttäuschung in eine neue Aufbruchsstimmung gewechselt. Das zeigte das Treffen in Paris nur allzu deutlich. Oliver Peters mahnt aber, es mit der Euphorie nicht zu übertreiben.

"Es ist sehr wichtig, was die Grundlagenforschung macht, es lässt sich aber nicht immer alles übertragen, was in der Grundlagenforschung gefunden wird."

Niemand kann sagen, ob der neue Blick auf die neurodegenerativen Krankheiten helfen wird, den tödlichen Dominoeffekt frühzeitig zu stoppen, die Nerven zu schützen und das Gehirn gesund zu halten. Das entscheiden nicht Versuche mit Mäusen, sondern klinische Studien an Menschen, und die brauchen Zeit. Trotzdem, das Prionen-Prinzip erlaubt erstmals einen einheitlichen Blick auf das Feld der neurodegenerativen Krankheiten insgesamt. Und das heißt: Wenn es bei einem Leiden Fortschritte gibt, können auch andere Patienten hoffen. Eric Kandel:

"I think this is remarkable I think we will be looking back on this meeting as being absolutely extraordinary."

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