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StartseiteForschung aktuellMediterranes Wetter in Deutschland14.09.2006

Mediterranes Wetter in Deutschland

Zürcher Forscher erwarten Klimaveränderung in Mitteleuropa

Klimaforschung. – Europa wird ungemütlicher. Der Klimawandel lässt den Wüstengürtel nach Norden wandern und verschiebt in der Folge die mediterrane und die gemäßigte Klimazone. Der Mittelmeerraum wird heißer und trockener, in Zentraleuropa wird es eher wie im derzeitigen mediterranen Klima. Diese Prognose haben Schweizer Klimaforscher heute in "Nature" veröffentlicht.

Hitzewellen wird es wohl in Zukunft öfter geben. (AP)
Hitzewellen wird es wohl in Zukunft öfter geben. (AP)

Was auf Europa in Zeiten des Klimawandels zukommt, ist schon länger bekannt. Zu dieser Frage gab es ein größeres Forschungsprojekt in der EU, geleitet von dem Physiker Jens Hesselbjerg Christensen vom Dänischen Wetterdienst:

"”Im Zuge der Klimaerwärmung müssen wir auch mit längeren Hitzewellen im Sommer rechnen. In Südeuropa könnten sie Ende des Jahrhunderts 60 Tage länger andauern als heute, das heißt: Die heiße Jahreszeit verlängert sich praktisch um zwei Monate.""

Einen Trend zu viel heißeren Sommern sehen die Klimamodelle aber nicht nur in den Mittelmeer-Ländern, sondern auch in Ost- und Zentraleuropa. Also dort, wo ein gemäßigtes kontinentales Klima herrscht. Das scheint ein Widerspruch zu sein. Gemäßigt müsste doch eigentlich bedeuten, dass Länder wie Deutschland oder Polen gefeit sind gegen allzu starke Wetterauswüchse. Im Prinzip stimmt das auch. Aber: Es wird nicht so bleiben, wie die neue Studie von Klimaforschern der ETH Zürich jetzt andeutet. Demnach verlieren Zentral- und Osteuropa ihren heutigen Charakter und werden zu dem, was der Mittelmeer-Raum heute ist: eine Übergangszone zwischen dem trockenen Wüstenklima Nordafrikas und dem feuchten Klima der mittleren Breiten. Man könnte auch sagen: Deutschland und seine östlichen Nachbarländer rücken gefühlt nach Süden - sie werden mediterraner. Die ETH-Atmosphärenforscherin Sonia Seneviratne:

"Was wir für Europa herausbekommen, ist, dass sich diese Übergangszone in höhere Breiten verschiebt. Heute befindet sie sich noch im Mittelmeer-Raum, in Zukunft aber weiter nordwärts. Und ganz besonders macht sich ihr Einfluss in Zentral- und Osteuropa bemerkbar."

Das mediterrane Klima ist trockener, und wenn es sich nach Norden ausbreitet, dann heißt das: Auch dort geht vieles zurück: die Niederschlagsmengen, die Bodenfeuchte und ganz allgemein die Wasser-Verfügbarkeit. Das wiederum wirkt sich auf die Außentemperaturen im Sommer aus. Denn zwischen Böden, Vegetation und Atmosphäre gibt es bedeutende Wechselwirkungen. Christensen:

"”Im Mittelmeer-Raum haben die Böden ein starkes sommerliches Wasserdefizit. Es gibt dann nichts mehr, was die Sonne verdunsten könnte, wenn sie vom Himmel brennt. Ihre ganze Strahlungsenergie wird in Wärme umgewandelt. Das verstärkt die Hitzewellen im Sommer, die die Region heute schon erlebt.""

Wenn Wasser verdunstet, hat das einen Kühleffekt. Und der geht verloren, wenn die Böden trockener werden. Sie können dann sommerliche Temperaturspitzen nicht mehr abpuffern. Das verstärkt die Hitze. Wissenschaftler sprechen von einer Kopplung zwischen Land und Atmosphäre. Nach älteren Studien an der ETH Zürich könnte es Ende des Jahrhunderts alle zwei, drei Jahre eine Hitzewelle wie 2003 in Mitteleuropa geben. Jetzt wissen Sonia Seneviratne und ihre Kollegen auch, warum: Weil Bodenfeuchte und Verdunstungsraten nach ihren Klimasimulationen immer mehr an Einfluss gewinnen. Ab dem Jahr 2070 entpuppen sie sich sogar als Haupt-Verstärkungsfaktor für extreme Sommer in Zentral- und Osteuropa. Seneviratne:

"”Ich weiß nicht, ob man unsere Studienergebnisse als gute oder schlechte Nachricht bezeichnen soll. Jedenfalls können sie uns von Nutzen sein. Wir wissen jetzt, dass die Kopplung von Land und Atmosphäre eine sehr große Bedeutung hat. Wenn man das berücksichtigt, kann man die Extremwetter-Vorhersage sicher verbessern. Eine schlechte Nachricht ist dagegen, dass es so gut wie keine Daten zur Bodenfeuchte gibt. In den USA und der früheren Sowjetunion existiert ein Messnetz - in Europa aber nicht. Wir haben deshalb keine Möglichkeit, Veränderungen zu erfassen.""

Auch beim Niederschlag ist mit deutlichen Veränderungen in Mittel- und Osteuropa zu rechnen. Die Regenmengen dürften insgesamt zurückgehen, einzelne Wolkenbrüche aber dennoch extremer werden. Auch dazu wollen die ETH-Forscher bald eine Prognose abgeben. Weitere Klimasimulationen in Zürich laufen bereits.

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