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StartseiteBüchermarktMenschliche Notdurft als Mittel der Erkenntnis20.05.2011

Menschliche Notdurft als Mittel der Erkenntnis

Florian Werner: "Dunkle Materie: Die Geschichte der Scheiße", Nagel & Kimche

Scheißkerl, Scheißbayern, Scheißleben - Fäkalflüche haben in Deutschland Konjunktur. Warum sie bei uns so beliebt sind - das ist nur eines der Themen, denen Florian Werner in seinem Sachbuch "Dunkle Materie" nachspürt.

Von Christoph Vormweg

Ein Sachbuch über die menschliche Notdurft, nicht auf Toilettenpapier geschrieben. (Stock.XCHNG / Nick Leong)
Ein Sachbuch über die menschliche Notdurft, nicht auf Toilettenpapier geschrieben. (Stock.XCHNG / Nick Leong)

Von der Kulturgeschichte der Kuh zur "Geschichte der Scheiße", vom blähenden Klimakiller Rind zur Notdurft der Menschheit: Der Berliner Sachbuchautor Florian Werner mag es geruchsintensiv. Aber keine Bange. Schon der französische Zeichendeuter Roland Barthes wusste: "Geschrieben stinkt Scheiße nicht" - und im Radio gehört natürlich auch nicht. Mehr noch: für den Leser des Sachbuchs "Dunkle Materie" gibt es Einiges zu entdecken. Denn die Existenz der Scheiße wird in unseren westlichen Gesellschaften bevorzugt verdrängt: etwa mit Raumsprays oder eigener WC-Musik.

Mit dem Verdrängten aber tauchen wir sogleich in die abgründigen Zonen der Psychoanalyse hinab. Mit einem Wort: Scheiße ist ein Erkenntnismittel par excellence - das führt uns Florian Werner immer wieder höchst anschaulich vor Augen. Oder um es ganz direkt mit dem zitierten Schriftsteller Jonathan Swift zu sagen: "Wenn wir über den Charakter eines Menschen Auskunft erlangen wollen, dann muss die Frage lauten: Wie scheißt er?" Kein Wunder also, dass Florian Werner die Idee zu seiner "Geschichte der Scheiße" als Jungvater kam: beim täglichen Windelwechseln.

"Diese Auseinandersetzung im praktischen Bereich hat dann natürlich auch zu weiterreichenden Fragen geführt bei mir als Literatur- und Kulturwissenschaftler: dass ich doch fasziniert war, dass eine so, ja doch profane, alltägliche Substanz, dass die doch vermag, so basale und tief greifende und heftige Emotionen hervorzurufen: also eben starke Gefühle des Ekels, aber auch Humor. Es ist ja einfach ein bevorzugter Werkstoff der dummen Sprüche und der Witze und auch der Flüche, das heißt es ist offensichtlich etwas, was den Menschen wirklich in seinem Innersten berührt im wahrsten Sinne des Wortes, aber eben auch im übertragenden. Und das hat mich fasziniert: Woher kommt das? Woher dieser starke Ekel? Woher diese Tabuisierung? Warum ist das der Inbegriff des Schlechten im Prinzip? Das größte Minuszeichen, was wir kennen im Deutschen ist eben doch die Scheiße."

In puncto "Scheiße" kann jeder Mensch ein Wörtchen mitreden: sei es über Verdauungsprobleme, Kotfresser oder Kunstfurzer. Das machte die Recherche für Florian Werner schier uferlos. Statt 230 Seiten, sagt er, wären auch problemlos 500, 1000 oder mehr möglich gewesen. Deshalb wird jeder Leser aus seinen persönlichen Erfahrungen und Lektüren Wissenswertes hinzufügen können. So hätte ich zum Beispiel Anekdoten wie den legendären Erfurter Latrinensturz oder den WC-Notstand am Hofe Ludwigs XIV. nicht links liegen gelassen. Doch Florian Werner wollte sich nicht verzetteln. Ihm ging es darum, Schwerpunkte zu setzen, mit denen sich die je nach Kultur und Epoche so unterschiedlichen Einstellungen zur menschlichen Notdurft klarer analysieren lassen. Um es bildhaft auszudrücken: Sein Buch "Dunkle Materie" erlaubt es, sich gleichsam mit dem Hubschrauber von der heimischen Klobrille zu erheben und das Thema Scheiße aus der Überflugperspektive zu betrachten: historisch eingeordnet und wissenschaftlich aufbereitet. Wir entkommen dem Gestank und erkennen die Zusammenhänge.

"Ich habe eben versucht, das Thema wirklich aus den verschiedensten Blickwinkeln zu fassen zu bekommen: also nicht nur aus der psychoanalytischen Richtung, sondern auch eben aus der kulturgeschichtlichen, aus der theologischen, aus der naturwissenschaftlichen - also so verschiedene Wege hineinzuschlagen in dieses doch relativ wenig begangene Gebiet der Forschung. Und nach so ungefähr einem Jahr, als ich das Gefühl hatte, es zeichnen sich für mich so ungefähr ein Dutzend große Themenkomplexe ab, habe ich dann eben mit dem Schreiben begonnen und versucht, einen Ton zu finden, der irgendwie dem Thema gerecht wird, der also nicht zu ästhetisierend-verkünstelt ist, und gleichzeitig natürlich aber trotzdem eine Sprache, die nicht zotig ist, die jetzt nicht versucht, billig da Krawall und Provokation rauszuquetschen, rauszuschlagen aus diesem Thema."

Marktschreierisch ist Florian Werners "Geschichte der Scheiße" in keiner Weise: vielmehr ein seriöses Sachbuch prallvoll mit Zitaten, statistischen Erkenntnissen und Analysen. Ein paar Dutzend Fremdwörter hätte man gewiss aus dem Verkehr ziehen können. Doch steht die Eingängigkeit nie in Frage. Im Gegenteil: Florian Werner versteht es nicht nur, den essayistischen Fokus immer wieder neu zu setzen, sondern er besticht auch mit wunderbar lakonischen Beschreibungen. Geschont werden wir dabei nicht: weder die Nazi-Methoden zur Erniedrigung von KZ-Gefangenen mit Fäkalien werden unter den Teppich gekehrt noch sexuelle Perversionen. Nicht zuletzt die Beschreibung der Rolle der Scheiße in der Kunst und in den Medien ist höchst aufschlussreich. So lässt sich zum Beispiel eine erhellende Verbindungslinie ziehen zwischen der rasanten Zunahme von medial erzeugtem "bullshit" und dem alten Sponti-Spruch: "Fresst Scheiße! Millionen Fliegen können nicht irren."

"Ich glaube aber, dass analog zu dieser äußerlichen Verdrängung schon das Bedürfnis zu wachsen scheint, darüber zu sprechen, dass irgendwie in sublimierter Form, dass heißt in Witzen, in Flüchen, aber auch in Kunstwerken wieder hervorzuholen und dadurch dann doch wieder präsent zu machen. Also gerade in der Literatur sehen wir, dass plötzlich ganz explizite Titel auf den Bestsellerlisten auftauchen: seien es Bücher wie "Kinderkacke" oder "Scheißkerle" oder der Bestseller von Charlotte Roche "Feuchtgebiete". Also wer hätte das vor einigen Jahren geahnt, dass ein Roman, in dem es ganz zentral um den Anus der Frau geht, dass das ein Bestseller werden würde, der Millionen Exemplare verkauft. Und ich glaube, dass lässt sich schon deuten als eine Gegenbewegung auf dieses völlige Verschwinden der Scheiße aus unserem Alltag."

In jedem Fall: Allein der Kontext entscheidet über den Wert der Scheiße, wie uns Florian Werner vorführt. Im modernen Tiefspüler versenkt, ist sie schlicht wertlos. In Dosen konserviert, wie es der Künstler Piero Manzoni tat, kann sie jedoch Höchstpreise von bis zu 30.000 Euro pro Büchse erzielen.

Florian Werner: "Dunkle Materie: Die Geschichte der Scheiße", Verlag Nagel & Kimche, München 2011, 240 Seiten, 18,90 Euro.

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