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StartseiteTag für TagIrgendwo im Lokalteil 01.03.2017

MissbrauchskandalIrgendwo im Lokalteil

Über katholische Geistliche, die sich sexuell an Kindern vergehen, wurde in Deutschland 2010 ausführlich berichtet. In Italien ist das Thema tabu. Der bekannte Investigativ-Journalist Emiliano Fittipaldi hat nun recherchiert, wie hochrangige Kleriker Täter schützten und danach Karriere machten. Der Vatikan schweigt zu dem Buch - und auch viele Medien halten sich zurück.

Von Thomas Migge

Der italienische Enthüllungsjournalist Emiliano Fittipaldi steht am 16.01.2017 in Rom in seiner Redaktion und hält sein neues Buch "Lussuria", das sich mit Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche beschäftigt. (zu dpa "Wie der Missbrauchs-Skandal im Vatikan weiter brodelt" vom 18.01.2017) Foto: Stefania Fumo/dpa | Verwendung weltweit (dpa / picture alliance / Stefania Fumo)
Enthüllungsjournalist Emiliano Fittipaldi (dpa / picture alliance / Stefania Fumo)

"Ich heiße Diego Esposito. Weil ich keine Antwort erhielt, weder von der Kurie in Neapel noch aus dem Vatikan, habe ich heute morgen mit einem gewaltlosen Protest gegen das Schweigen begonnen: einem Hungerstreik."

Diego Esposito ist ein Fantasiename. Dahinter versteckt sich ein junger Neapolitaner, der als Minderjähriger von einem katholischen Geistlichen mehrfach missbraucht wurde. Jahre später, als er sich mit Hilfe eines Psychotherapeuten bewusst wurde, was er als Kind erleiden musste, brach er sein Schweigen. Doch auf seine Anzeige gegen den Geistlichen, der ihn missbrauchte, gab es keine Reaktion. Diego zeigte deshalb Crenzenzio Sepe an, direkt bei Papst Franziskus. Sepe ist Erzbischof von Neapel. Diego wirft ihm vor, seinen Fall bewusst verschwiegen und unter den Teppich gekehrt zu haben.

"Auch nach zwei Jahren ständigem Insistieren hat die Diözese Neapel nichts unternommen. Weder für mich noch für die anderen Opfer von Priesterpädophilie. Das einzige, was die Diözese getan hat: sie hat den Geistlicher irgendwo versteckt."

Papst Franziskus entschied vor einigen Monaten, dass Bischöfe, die pädophile Geistliche decken und Ermittlungen gegen sie zu verhindern suchen, ihres Amtes enthoben werden müssen. Doch nicht immer wenden sich vermeintliche Opfer wie Diego direkt an den Papst und die Medien. In den meisten Fällen schweigen sie zur Vertuschungspraxis von Bischöfen und Kardinälen im Fall von Priesterpädophilie.

Dem investigativen Journalisten Emiliano Fittipaldi zufolge, der im vergangenen Jahr mit einem Buch zur finanziellen Korruption im Vatikan international für Aufsehen sorgte, ist das Vertuschen von Priesterpädophilie in der katholischen Kirche Italiens immer noch die Norm. Und das, obwohl Benedikt XVI. und Franziskus strenge Vorschriften zum Umgang mit diesem Missbrauch erlassen haben. In den vergangenen zehn Jahren wurden in Italien rund 200 Fälle von Geistlichen bekannt, denen eindeutig Missbrauch gegen Minderjährige nachgewiesen wurde. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher.

Ein Buch voller Namen

Einflussreiche Personen innerhalb der Kirche unterlassen nichts, um dieses Thema totzuschweigen – trotz päpstlicher Gesetze zum Kampf gegen Priesterpädophilie. Davon ist Fittipaldi aufgrund der Arbeiten zu seinem jetzt erschienenen neuen Reportagebuch mit dem Titel "Luxuria" überzeugt:

"Man muss doch nur mal checken, wer in der letzten Zeit einen Karrieresprung machen konnte, um auf diese Weise aus der Schusslinie der Vorwürfe zu kommen. Allein drei der Kardinäle, die im vom Papst geschaffenen Kardinalsgremium zur Reform der Kirchenverwaltung sitzen, sind nachweislich Vertuscher pädophilen Missbrauchs. Eine ganze Menge von Mitarbeitern Bergoglios sind solche Vertuscher".

Starker Tobak. So stark, dass bei diesem neuen Buch der Vatikan entschieden hat, gar nicht zu reagieren - um möglichst wenig Aufmerksamkeit auf Fittipaldi zu lenken. Beim vorherigen Enthüllungsbuch des Autors, zu den undurchsichtigen Finanzaktionen des Vatikans, wurde Fittipaldis, der Reporter beim Wochenmagazins "L’Espresso" ist, vor ein vatikanisches Gericht geladen – und freigesprochen.

Fittipaldis neues Buch ist voll mit Namen. Vor allem Bischöfe und Kardinäle. Der berühmteste dieser Kardinäle ist der Australier George Pell. Gegen den katholischen Würdenträger wird seitens der australischen Behörden ermittelt. Er soll in zahllosen Fällen dafür gesorgt haben, dass Missbrauch von Geistlichen vertuscht wird. Umso unbegreiflicher, meint Enthüllungsjournalist Fittipaldi, dass Papst Franziskus ausgerechnet Pell 2014 zum Präfekten des Wirtschaftssekretariats ernannt hat, zu einer Art allmächtigen Finanz- und Wirtschaftsminister des Vatikans:

"Dass der Papst von diesen Dingen nicht wusste, nun, das ist vielleicht glaubhaft für die erste Zeit der Ermittlungen gegen Pell. Jetzt aber, wo alle Welt weiß, dass der Staatsanwaltschaft in Australien handfeste Beweise für Pells Vorgehensweise vorliegen und auch fünf Zeugen bereitstehen, wieso wird Pell da nicht abgesetzt? Die Unterlagen, die der Staatsanwaltschaft vorliegen, beweisen doch, dass Pell sogar Missbrauchsopfer einschüchtern ließ, damit diese ihre Anzeigen zurückziehen. Den Opfern stand Pell nicht zur Seite".

Gravierende Vorwürfe. Fittipaldi belegt sie in einem hervorragend recherchierten Buch mit Ermittlungsergebnissen und Gerichtsurteilen.

Kultur des Verschweigens

Der investigative Journalist spart im Zusammenhang mit dem Missbrauch katholischer Geistlicher Minderjährigen gegenüber auch nicht mit Kritik den italienischen Medien und eines Großteils der italienischen Öffentlichkeit gegenüber:

"Dieses Thema gelangt in Italien fast nie auf die ersten Seiten der Zeitungen. Das wird fast immer irgendwo im Lokalteil ganz klein behandelt. Auch die meisten Eltern von Missbrauchsopfern sind nicht daran interessiert, dass ihr Fall an die Öffentlichkeit gelangt. Diese Situation finden sie auch in Spanien, in Portugal, in ganz Südamerika. Überall dort gibt es sicherlich genauso viele Missbrauchsfälle wie in Irland, in Deutschland, in den USA. Aber hier bei uns ist die Kultur des Verschweigens immer noch stark. Das klagt sogar Monsignore Charles Scicluna an, Anwalt der Glaubenskongregation!".

Dieses Verschweigen und Vertuschen sei gravierend, meint auch Giacomo Galeazzi, Vatikanexperte der Tageszeitung "La Stampa":

"In Italien ist man diesem Thema gegenüber extrem vorsichtig. Das ist ein sehr großer Fehler. Man muss darüber berichten. Immer. Man kann aber nicht erwarten, dass sich in Sachen Missbrauch die Dinge in der Kirche von heute auf morgen zum Besseren hin ändern".

Galeazzi weist – zu recht – darauf hin, dass Papst Franziskus versucht, seine Kirche an verschiedenen Fronten zu reformieren. Dabei müsse er, so der Vatikanexperte, vorsichtig vorgehen, denn innerhalb der Kurie habe Franziskus nicht nur Gegner seines Reformkurses, sondern auch erklärte Feinde. Die von Franziskus verabschiedeten Normen zum Kampf gegen pädophilen Missbrauch durch Geistliche brauchen, so Gelaezzi, Zeit, damit sie sich in der Weltkirche auch durchsetzen können. Diese Zeit, so der Vatikanexperte, müsse man dem Papst und seiner Kirche schon zugestehen.

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