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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturMisstrauen, Hysterie und Generalverdacht nach 9/1105.09.2011

Misstrauen, Hysterie und Generalverdacht nach 9/11

Dave Eggers: "Zeitoun"

Noch heute, zehn Jahre nach den Anschlägen vom 9.September, erleben die Muslime das Misstrauen der US-Bevölkerung. In seinem Tatsachenroman "Zeitoun" beschreibt Dave Eggers das Schicksal eines Amerikaners mit syrischen Wurzeln, der zur falschen Zeit am falschen Ort ist.

Von Sonja Ernst

New Orleans nach dem Hurrikan Katrina: Dave Eggers kombiniert die Tragödie Katrina mit der Geschichte von Abdulrahman Zeitoun. (AP)
New Orleans nach dem Hurrikan Katrina: Dave Eggers kombiniert die Tragödie Katrina mit der Geschichte von Abdulrahman Zeitoun. (AP)

Zeitoun war entsetzt. Die Ereignisse des Tages machten ihn fassungslos. Man hatte ihn mit vorgehaltener Waffe in einem Haus verhaftet, das ihm gehörte, und zu einem provisorischen Militärstützpunkt gebracht, der in einem Bahnhof eingerichtet worden war. Man hatte ihn beschuldigt, ein Terrorist zu sein, und in einem Freiluftkäfig eingesperrt. Das übertraf selbst die absurdesten Berichte über Polizeiwillkür in Dritte-Welt-Ländern.

Doch all das geschieht nicht in einem Dritte-Welt-Land, sondern im Süden der USA – im Jahr 2005. Abdulrahman Zeitoun – ein erfolgreicher und gläubiger Muslim in New Orleans – überlebt den Hurrikan Katrina. Doch in den USA hat sich nach dem Terror vom 11. September Verlust mit Hysterie vermischt: Ein aufs äußerste verunsicherter Staat nimmt Zeitoun gefangen und beraubt ihn seiner Rechte.

Zeitouns Geschichte hat der US-amerikanische Schriftsteller Dave Eggers in einem bewegenden Reportageroman aufgeschrieben. Drei Jahre arbeitete er an seinem Buch.

Die Zeitouns sind eine syrisch-amerikanische Familie: Kathy, Abdulrahman und ihre vier Kinder. Das Ehepaar führt einen Betrieb für Maler- und Reparaturarbeiten. Sie haben es geschafft: Sie sind finanziell abgesichert; sie glauben an die freiheitlichen Grundwerte der USA. Doch nach dem 11. September zeigen sich erste Risse. Muslime geraten unter Generalverdacht: Beleidigungen und Misstrauen nehmen zu. Dave Eggers erzählt, wie für Kathy Zeitoun, die einen Hijab trägt, der Kopf und Körper bedeckt, alltägliche Erledigungen zum Spießrutenlauf werden. Doch völlig aus der Bahn gerät ihr Alltag am 26. August 2005, einem Freitag. Vor der US-Golfküste zieht ein Unwetter auf – Hurrikan Katrina:

Der Sturm sah aus wie eine weiße Kreissäge, die sich direkt auf New Orleans zubewegte. Auf diesen Satellitenbildern wirkte die Stadt im Vergleich zu dem Hurrikan so klein, wie ein winziger Fleck, der bald von diesem gigantischen Sägeblatt in Stücke geschnitten werden würde.

Doch Katrina wirbelt nicht nur die Stadt durcheinander – sondern auch das Leben der Zeitouns. In einer Mischung aus Recherche, präziser Rekonstruktion und erzählerischer Eindringlichkeit, skizziert Dave Eggers anhand der persönlichen Geschichte der Familie die Irrwege der Bush-Regierung, die auf 9/11 folgten. Eine Ära, die Unrecht im Namen der Freiheit zugelassen habe, wie Eggers schreibt:

Zeitoun hatte immer geglaubt, die Polizei würde zum Wohle der Bürger handeln. Dass das Militär berechenbar wäre, vernünftig, und dass es gleichsam wie in konzentrischen Kreisen von Verordnungen, Gesetzen, gesundem Menschenverstand und schlichtem Anstand unter Kontrolle gehalten würde. Jetzt jedoch musste er diese Hoffnung begraben. Dieses Land war nicht einzigartig. Dieses Land war fehlbar.

Als der Sturm Katrina bedrohlich an Stärke gewinnt, verlässt Ehefrau Kathy mit den Kindern die Stadt. Ihr Mann bleibt. Er will sich um die Häuser kümmern, um die der Kunden und um das eigene. Dann ist die Katastrophe da: Im Sturm brechen die Dämme und New Orleans versinkt im Wasser. Zeitoun überlebt unverletzt und paddelt in seinem alten Kanu durch die überspülte Stadt. Er hilft, wo er nur kann. Er fühlt sich verantwortlich. Doch statt Anerkennung zu bekommen, wird er verhaftet – und findet sich schließlich wieder in einem improvisierten Freiluftgefängnis am Busbahnhof der Stadt.

Wie in Guantanamo war das Gehege unter freiem Himmel, und es schien nirgendwo Sitz- oder Schlafmöglichkeiten zu geben. Es gab nur Käfige und den Asphalt darunter.

Was Abdulrahman Zeitoun nicht weiß: Im Vorfeld des Hurrikans hatte das Heimatschutzministerium gewarnt, Terroristen könnten Naturkatastrophen für ihre Anschläge nutzen. So gerät Zeitoun unter Terrorverdacht. Zwar fehlt jeglicher Verdachtsmoment, doch er ist Muslim und in Syrien geboren. Das reicht, um Argwohn und Paranoia zu nähren, wie Eggers eindrücklich beschreibt: Zeitoun und seine Mitgefangenen werden nicht über ihre Rechte aufgeklärt, keinem Richter vorgeführt und sie dürfen nicht telefonieren. Sie leiden unter Schlafentzug, werden geschlagen und gedemütigt. Diese Zeit der Ohnmacht und Angst beschreibt Eggers minutiös:

Jetzt zielten die Wachen mit dem Pfefferspray durch den Zaun. Sie machten sich nicht mehr die Mühe, die Gefangenen aus den Käfigen zu holen. Durch diese Taktik wurde die Dosierung für den Einzelnen geringer, doch dafür wurde der gesamte Komplex eingenebelt.

Schließlich landet Zeitoun im Hochsicherheitsgefängnis. In einer Einzelzelle. Abgetrennt vom Rest der Welt. Seine Irrfahrt endet erst nach drei Wochen. Nach der Haftentlassung beginnt das Ehepaar für Abdulrahman Zeitouns Rehabilitierung zu kämpfen und reicht Zivilklage ein: gegen die Stadt New Orleans, gegen den Bundesstaat, die Polizei und Behörden. Doch die Ohnmacht überkommt Zeitoun weiterhin. Dave Eggers:

In manchen Nächten denkt er an die Gesichter, die Menschen, die ihn festnahmen, ihn einsperrten, ihn wie ein Tier von Käfig zu Käfig schleppten, ihn wie ein Gepäckstück transportierten. Er denkt an die Menschen, die ihn nicht als Nachbarn wahrnehmen konnten, als Landsmann, als menschliches Wesen.

Die Tragödie Katrina und die Geschichte der Zeitouns: Dave Eggers dokumentiert sie wortmächtig und fesselnd, ohne Pathos und Verbitterung. Mit sachlichem Ton entlarvt er am Schicksal einer einzelnen Familie, das Versagen eines ganzen Systems: des US-amerikanischen Rechtsstaats.

Entstanden ist dabei keine Polemik, keine platte Abrechnung. Sondern ein besonnenes Werk, das den Leser immer wieder in Fassungslosigkeit versetzt. In den USA wurde das Buch zum großen Erfolg – wohl auch, weil sich Eggers nicht für die politischen Grabenkämpfe vereinnahmen lässt. Wer also eine zutiefst verängstigte Nation begreifen möchte, der kommt an der Geschichte der Zeitouns nicht vorbei.

Dave Eggers: "Zeitoun"
Kiepenheuer & Witsch
336 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978-3-462-04299-3

Mehr zum Thema:
Sammelportal 9/11 - Zehn Jahre danach
Andruck 2011-09-05 - Literaturliste zum 11. September 2001 <br>

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