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Mit dem Horrorzeigefinger

Internationale Produktionen beim Berliner Festival "Foreign Affairs"

Von Hartmut Krug

Die Horrorerzählung "We saw Monsters" von Erna Omarsdottir beim "Foreign Affairs"-Festival in Berlin.
Die Horrorerzählung "We saw Monsters" von Erna Omarsdottir beim "Foreign Affairs"-Festival in Berlin. (Bjarni Grimsson)

Das neue Festival der Berliner Festspiele will Plattform sein für den Austausch über die Themen unserer Zeit: Kolonialismus, Konsumismus, Ökologie, Rassismus, etc. Die eingeladenen Künstler sind "Berichterstatter", die Gedanken zur Diskussion stellen. Performance-Kunst ist da das Mittel der Wahl.

Publikumsprobleme hat Foreign Affairs nicht: Die mehrheitlich sehr jungen Zuschauer strömen in die Veranstaltungen. Einen Teil des Publikums haben sich die Festspiele organisiert, indem sie 120 Studierende aus Deutschland und den Nachbarländern einluden. Aber auch die zahlreichen Workshops, Seminare, Lectures und Talks ziehen als "Student Affairs" viel Publikum. Wenn dann noch bei "Tanzscout Berlin" die choreographischen Arbeiten des Festivals von Fachleuten vorgestellt werden, ist die didaktische Vorarbeit am Publikum perfekt. Was dann noch bestehen muss, sind die Performances.

"Schützen" heißt die Arbeit der Choreografin Cecilie Ullerup Schmidt und des Klang- und Lichtgestalters Matthias Meppelink. Das Titelwort wird von den Künstlern in seinen beiden Bedeutungen verstanden: Es geht um das Schießen und um das Behüten. Im leeren weißen Bühnenraum steht die blonde, völlig weißgekleidete Performerin und bittet ihr Publikum, die Augen zu schließen. Dann demonstriert sie mit einer Pistolenschuss-Pose Spannung und Entspannung beim Schießen. "Ready Aim" heißt dieser erste Teil, in dem es um die physische Vorbereitung auf das Schießen geht. Dabei bewegt sich die Performerin kaum. Sie steht die gesamten 70 Minuten ihrer Präsentation meist frontalvor dem Publikum und doziert. Im zweiten Teil "Fire" erzählt von unbemannten Drohnen und das Delegieren des Tötens. Dabei untermalt das Geräusch eines Schusses, gedehnt auf fünf Minuten Rauschen, die Aktion von einigen Jugendlichen. Sie lassen ferngelenkte Spielzeughubschrauber fliegen. Der dritte Teil dieses ungemein unszenischen Vortrags beschäftigt sich unter dem Titel "release" mit den Phantomerinnerungen von israelischen Soldaten an ihre Waffe, die sie einst getragen haben. Und verbindet das mit Körperübungen im zeitgenössischen Tanz sowie mit Aufforderungen an das Publikum, sich zu yogamäßig zu lockern.

Es ist ein eher enttäuschend harmloser Abend, dessen informativer und künstlerischer Ertrag bescheiden bleibt. Auch wenn sein Thema das Schießen ist, werden Tod und Blut nicht erwähnt. Das ist bei Erna Omarsdottirs "Choreographie für Monster, Tod und Teufel" unter dem Titel "We saw monsters" ganz anders. Die Choreographin, die seit Jahren als isländischer Star durch die europäischen Festivals tourt, bedient darin das Horror-Genre. Als Sängerin und Erzählerin schreit sie Horrorgeschichten und flüstert Schauermärchen ins Mikrophon.

Man erfährt von einem Arzt, der Zwillingen einen Krankheitsvirus aus Forschungsgründen eingesetzt hat. Oder von einem jungen, zurückgesetzten Mädchen, das Eltern und Mitschüler ermordet und ihre Herzen an die Wand nagelt. Derweil, nachdem der Trockennebel sich verzogen hat, werfen sich zwei zwillingshafte Tänzerinnen auf den Boden und schütteln ihre langen, blonden Haare, während sie von atmosphärischer Geräusche-Musik eingehüllt werden.

Dieses rhythmische Schwingen der langen Haare aller Darsteller bestimmt auf enervierende Weise den Abend, so wie das spastische Zittern der Figuren. Erna Omarsdottir zeigt eine Vorliebe für plakativ entgleisende Mittel: Da wird heftig grimassiert, wird der Mund weit verzerrt zum lautlosen Entsetzensschrei aufgerissen, wird geschrien, gestöhnt und rumgebrüllt. Eben Horror in akustisch-optischen Endlosschleifen. Die Tanzelemente dagegen sind einfallsreich bis artistisch, so, wenn der Tod mit seiner Sense einen jungen Mann in einem unendlichen, spielerischen Tanz quält. Der ist einer Mutter vom Busen gerissen worden, den er mit seinem Bruder, natürlich, blutig gebissen hatte. Doch die singt weiter.

Meist überdröhnt die Musik die Horrorerzählungen von Omarsdottir. Exzessiv wird mit abgeschnittenen Händen hantiert, - das wirkt ungelenk und unfreiwillig komisch. Wenn zum Schluss ein mit Blumen und Händen geschmückter Altar aufgerichtet wird, ist Zeit für eine Blutschmierorgie mit Engelchen, und Omarsdottir trägt gewalttätigen Gesang bei.

Dieser auftrumpfend bunte Horrorjahrmarkt ist nie schaurig. Man schmunzelt sich als Zuschauer so durch die vielen Wiederholungsljngen des Abends. Vor schlimmen Träumen muss man keine Angst haben. Dazu war alles viel zu sehr Kunst mit Horror-Zeigefinger.

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