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StartseiteSpielweisenDie schwere Leichtigkeit05.07.2017

Mozarts Klaviersonaten mit William YounDie schwere Leichtigkeit

Sie scheinen so leicht und sind doch so schwer. Kaum ein Sonatenwerk wird so unterschätzt wie die Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart. Nun hat der aus Korea stammende, inzwischen in München beheimatete Pianist William Youn einen Zyklus mit allen Mozart-Sonaten abgeschlossen.

Von Christoph Vratz

Ein bisher unbekanntes angebliches Mozart-Porträt ist in der Berliner Gemäldegalerie entdeckt worden. Das 80 mal 62 Zentimeter große Ölgemälde von Johann Georg Edlinger ist wahrscheinlich während Mozarts letztem Aufenthalt in München 1790 entstanden.  (picture alliance / dpa / Staatliche Museen zu Berlin)
Herausforderung für Pianisten: die Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart (picture alliance / dpa / Staatliche Museen zu Berlin)

Musik: Mozart, Sonate KV 309

Ein gebrochener Dreiklang, forsch und kräftig, bildet den Auftakt. Sofort folgt ein zweites Thema, leicht, plaudernd - ein Gegensatz, der hörbar gemacht sein will. Noch viel energischer allerdings sind die Ton-Wiederholungen, die sich daran anschließen.

Wirkte das Gegensatzpaar am Beginn von Mozarts C-Dur-Sonate KV 309 noch ein wenig verhalten in seiner dynamischen Abgrenzung, so arbeitet Pianist William Youn die gerade gehörte Passage umso klarer heraus: wie Trompetenstöße mit Signalcharakter.

Typisch Mozart: Auf knappem Raum durchschreitet er Welten und kommt mit nur ganz wenigen Noten aus. Für die Pianisten bedeutet das höchste Alarmstufe, denn jede kleinste Unsauberkeit, jede mangelnde Rundung fällt sofort auf. An historischen Instrumenten hat der Südafrikaner Kristian Bezuidenhout in den vergangenen Jahren Maßstäbe gesetzt; auf dem modernen Flügel ist die Auswahl an Referenzaufnahmen ungleich größer und breiter.

Aufnahmestart 2012

William Youn hat im Jahr 2012 die erste Folge seines Mozart-Zyklus aufgenommen, nun folgt die fünfte CD als Abschluss, Sie enthält neben der C-Dur-Sonate auch die Sonate KV 284 in D-Dur.

Musik: Mozart, Sonate KV 284

Perlender Anschlag, eine klare Melodieführung, dezent ausschwingende Phrasen, behutsam ausgewählte Akzente – so gestaltet Youn dieses eröffnende Allegro mit Spielwitz und einem dezenten "Brio". Das große Plus dieser Aufnahme – und der vorherigen - ist Youns Natürlichkeit. Wer einen spektakulären Mozart wie bei Bezuidenhout oder (am modernen Flügel) zuletzt wie bei Roberto Prosseda erwartet, wird enttäuscht sein. Umgekehrt bleibt Youn frei von Eigenwilligkeiten. Als Beispiel hier das "Rondeau en Polonaise" aus der D-Dur-Sonate:

Musik: Mozart, Sonate KV 284

Filigranes Tänzeln – William Youn fängt die feine Äderung von Mozarts Stimmen geschickt ein. Zum Vergleich hier nun die Aufnahme mit Fazil Say, der Mozarts Sonaten ebenfalls vor kurzem als Gesamteinspielung vorgelegt hat.

Musik: Mozart, Sonate KV 284 mit Fazil Say

Bei Fazil Say wirkt dieses "Rondeau" melancholisch, schwermütig, von filigranem Tänzeln keine Spur - wie in sich gekehrt, oder: nur wie eine Ahnung von Tänzeln.

Unterschiedliche Interpretationsansätze

Ähnlich deutlich sind die Unterschiede in der c-Moll-Sonate KV 457. Zunächst noch einmal Fazil Say, der das "Molto Allegro" eher als ein "Allegro moderato" deutet. Say zeichnet hier eine Welt, die nicht, wie eigentlich immer bei Mozart, an der nächsten Biegung, ein völlig neues Gesicht bekommen wird. Das ist ein Mozart, der tief im Moll gefangen wirkt.

Musik: Mozart, Sonate KV 457 mit Fazil Say

Nun William Youn, der dieses "Molto Allegro" wie eine Art Initialzündung versteht. Vom Tempo her entschlossen stürzt er sich in die aufsteigenden Oktaven. Vom Anschlag her klingt das jedoch weniger entschlossen und schon gar nicht protestlerisch.

Musik: Mozart, Sonate KV 457

Youn spielt mit einer Noblesse, die mitunter zu vornehm wirkt. Nur selten gibt er seinen Glasbläser-Stil auf, um statt mit Glas- eher mit Billardkugeln zu spielen. Doch Mozart war nicht nur im wahren Leben ein exzellenter Billardspieler. Auch in seinen Kompositionen spielt er sozusagen oft über Bande, unberechenbar und mit unterschiedlicher Wucht. Youn aber wagt eine Spur zu wenig. Diese Sonaten sind keine aristokratischen Werke, sondern in ihnen lauern immer wieder Abgründe. Das gilt besonders für die c-Moll-Fantasie, die oft mit der Sonate KV 457 gekoppelt wird. Die dynamischen Kontraste wirken bei William Youn anfangs eher sanft.

Musik: Mozart, Fantasie KV 475

Tor zur Romantik

Diese Fantasie rückt Mozart in die Nähe Beethovens und schlägt das Tor zur Romantik bereits weit auf. All das will auch hörbar gemacht werden, vor allem wenn das Adagio, fragend, horchend, abrupt umschlägt in ein beinahe orkanhaftes Allegro. 

Man muss nicht erst Friedrich Gulda als Kronzeugen bemühen, um zu erkennen, dass die Oktaven der linken Hand hier mehr Gewicht verlangen als Youn dem Hörer anbietet. Das sind Momente, in denen sein Mozart-Zyklus schwächelt. Als misstraue William Youn Mozart manchmal – oder sich selbst. So natürlich sein Spiel auch ist, so wunderbar perlend sein Anschlag, so organisch seine Tempi, man wünschte sich an einigen Stellen mehr Risiko. Youns Spiel ist verständlich und mit viel inniger Empfindung. Was fehlt, ist Mozarts sibyllinisches Lächeln, sein Stürmen und Drängen, auch mal über die Grenzen des Anstands hinweg. William Youns fühlt sich Mozarts Musik tief verbunden, doch manchmal, so scheint es zumindest, fürchtet er sie auch - zumindest ein bisschen.

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