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StartseiteComputer und KommunikationMusik-Discounter im Visier21.10.2006

Musik-Discounter im Visier

US-Regierung sagt Musikplattform "AllOfMP3" den Kampf an

<strong>Musikfreunde werden "AllOfMP3" bereits kennen, denn das russische Musikportal fällt vor allem durch Discountpreise auf. Weil das Unternehmen jedoch keine Urheber-Gebühren an US-Firmen abführt, macht die US-Regierung jetzt gegen AllOfMP3 mobil.</strong>

Von Klaus Herbst

Musikverlage machen Front gegen den Online-Händler "AllOfMP3". (Stock.XCHNG / Travis Simon)
Musikverlage machen Front gegen den Online-Händler "AllOfMP3". (Stock.XCHNG / Travis Simon)

"Wir bieten die originale Musikdatei im Vollformat. Der Käufer selbst entscheidet über die Klangqualität zum Download."

… so erklärt Unternehmenssprecher Ilya Levitov in Moskau das patentierte Online Encoding. Der russischen Download-Seite AllOfMP3 hat es wegen seiner Nutzerfreundlichkeit weltweite Popularität eingebracht. Beliebige Formate kann man herunterladen: wav, MPEG-1, MP3 mit den verschiedenen Bitraten, WMA, Ogg Vorbis, Muse Pack, MPEG-4 und AAC. Über das gewählte Format bestimmt der Nutzer die Tonqualität. Der Preis richtet sich nur nach der Datenmenge, einzelne Songs werden nicht abgerechnet. Power-Nutzer bekommen 20 Prozent Rabatt. Eine ganze CD kostete bis vor kurzem rund einen Euro fünfzig.

"Unser Geschäftsmodell ist nach russischen Gesetzen völlig legal. Die Plattenfirmen haben einen Handelkrieg gegen uns angezettelt, weil sie Angst haben, wir machten ihnen das Geschäft kaputt macht. In Wirklichkeit richten die Tauschbörsen großen Schaden an. Wir bieten ein preiswertes Qualitätsprodukt und tun das ganz legal."

Täglich ergänzt AllOfMP3 den attraktiv gestalteten Katalog um rund ein Dutzend Titel. International stehen die englischsprachigen Seiten weit oben in der Beliebtheitsskala, oft direkt hinter iPod, in Großbritannien auf Platz zwei. Der Verband der internationalen Phonoindustrie (IFPI) kämpft seit Monaten gegen die westliche Musik aus dem Osten. Denn nur an die russische Verwertungsgesellschaft ROMS führt die Firma Mediaservices Gebühren ab, nicht an fremde nationale Verwertungsgesellschaften, nicht an Plattenfirmen und auch nicht an Künstler. Eine einstweilige Verfügung aus Deutschland konnte nicht zugestellt worden – es lassen sich daraus also keine Ansprüche ableiten. In Großbritannien ist ein Verfahren anhängig – der Ausgang ist ungewiss. Die Vize-Handelsrepräsentantin der USA, Susan Schwab, hat dieser Tage AllOfMP3 zum Haupthindernis für Russlands Beitritt zur Welthandelsorganisation erklärt. Mehrfach sollte gar Präsident Putin den digitalen Musikladen schließen, was Ilya Levitov bestreitet.

"Nein, ich glaube nicht, dass zwischen der russischen Regierung und uns offizielle Kontakte bestehen. Es gibt zwei Gerichtsverfahren, eines gegen unseren früheren Generaldirektor, das andere befindet sich gerade erst in den Anfängen. Wir stimmen mit den russischen Gesetzen voll überein. Ein anderes Ergebnis erwarten wir nicht."

Nach eigenen Angaben führt Mediaservices zwar fünfzehn Prozent Gebühren ab, aber nur an die russische ROMS. Direkt mit einer Plattenfirma hat das Online-Unternehmen bis heute keinen einzigen Vertrag vorgelegt, was auch wohlwollende deutsche Urheberrechtsexperten kritisieren. Der Moskauer Firmensprecher entschuldigt das mit dem massiven öffentlichen Druck durch das – sagt er - Plattenkartell.

"Das haben wir noch nicht probiert, mit Schallplattenfirmen gibt es keine direkten Kontakte. Aber ROMS hat ihnen mehrfach Geld angeboten, aber sie wollen es nicht. Sie weigern sich, uns anzuerkennen. Die Tauschbörsen im Usenet bewirken Millionenverluste, aber wir sind einfacher zu bekämpfen."

Diese Woche verkündete Generaldirektor Vadim Mamotin bei einer Online-Pressekonferenz mit 60 Teilnehmern aus elf Zeitzonen vollmundig: "Natürlich werden wir überleben." Der Firmensprecher Levitov selbst widerspricht dieser optimistischen Perspektive:

"Der Tag geht zu Ende - wir leben noch. Das ist gut. Also gehen wir ins Bett, und morgen geht der Kampf weiter. Die internationale Publicity hat uns die Kunden in Scharen zugetrieben, so dass wir auf Werbung völlig verzichten. Aber Spaß macht so ein Geschäft nicht mehr. Es ist kein ruhiges, stetiges Geschäft, wie wir es uns wünschen. Wir wollen beweisen, dass wir Zukunft haben."

Gerade haben große Kreditkartenunternehmen ihre Finanztransaktionen mit AllOfMP3 plötzlich beendet. Die Russen sind auf eine andere Seite ausgewichen, die iPod nachempfunden ist. Möglicherweise haben die russischen Musik-Dealer das renommierte US-PR-Unternehmen Qoris zu spät mit einer Imagekampagne beauftragt. Zuständig bei Qoris ist PR-Guru Rory Davenport, der schon amerikanischen Präsidenten im Wahlkampf Hoffnung gemacht hat.

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