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StartseiteForschung aktuellInsektengift-Moratorium in der Kritik22.01.2014

NeonicotinoideInsektengift-Moratorium in der Kritik

Zum Schutz von Bienen hat die EU ein Moratorium für bestimmte Pflanzenschutzmittel ausgerufen. Drei sogenannte Neonicotinoide dürfen zwei Jahre lang nicht verwendet werden. Kritik kommt von den Herstellern der Insektizide, aber auch von Wissenschaftlern.

Von Joachim Budde

(picture alliance / dpa /)
Biene in einer Bienenwabe (picture alliance / dpa /)
Weiterführende Information

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Neonicotinoide sind systemische Pflanzenschutzmittel. Sie wirken von innen heraus. Die Pflanze nimmt sie beim Wachsen auf und verteilt sie von der Wurzel bis in die Blätter, also auch in den Nektar und den Pollen. Auf diese Weise kommen Nützlinge wie Bienen mit ihnen in Kontakt. Dennoch stellen sie für Bienen keine Gefahr dar, sagt Dr. Christian Maus, der beim Bayer Bee Care Center in Monheim für die Sicherheit von Pflanzenschutzmitteln zuständig ist.

"Wir stützen unsere Aussagen über die Sicherheit dieser Mittel auf sehr umfangreiche Feldstudien, wo wir eben in verschiedensten Ländern in und außerhalb Europa Proben genommen haben und festgestellt haben, es sind in allen Fällen extrem niedrige Rückstände, Spuren eigentlich, und die haben wir auch im Feldversuch getestet, und keinerlei Effekte gefunden, und nicht nur wir, auch unabhängige Studien, die unter solchen realistischen Freilandbedingungen durchgeführt wurden, haben keine Effekte gefunden."

Bei Bayer Crop Science ist man deshalb verärgert über die Entscheidung der EU-Kommission, den Einsatz dreier Neonicotinoide für zwei Jahre zu verbieten - ebenso beim zweiten großen Hersteller der Substanzen, bei Syngenta. Die beiden Firmen klagen gegen das Moratorium.

Moratorium zu kurz

Unabhängige Wissenschaftler monieren andere Fehler, die das vorläufige Verbot ihrer Ansicht nach hat. Es sei zu kurz angelegt, sagt etwa Randolph Menzel, emeritierter Professor für Neurobiologie an der Freien Universität Berlin:

"Mein Vorwurf an die Kommission ist, dass diese zwei Jahre einfach nicht ausreichen. Man muss tatsächlich dieses Problem in einer breiten Front von wissenschaftlichen Untersuchungen angehen."

Diese Meinung teilt Dr. Christopher Connolly, Neurobiologe von der Universität im schottischen Dundee:

"Zwei Jahre reichen nicht. Zum einen sind Rückstände der Mittel im Boden, die in dieser Zeit nicht verschwinden. Aber es sind auch gar keine unabhängigen Forschungsprogramme aufgelegt, die nach dem Ende des Moratoriums klare Antworten liefern könnten. Die einzigen Leute mit genügend Geld für Forschung sind die Hersteller."

Umstrittene Gefährlichkeit

Was aber macht es so schwierig zu beurteilen, ob die Neonicotinoide nun gefährlich sind für Bienen oder nicht? Für Streit sorgt zum Beispiel die Wirkung subletaler Dosen. Mehrere Studien haben gezeigt, dass selbst diese kleinen Mengen, die die Bienen nicht direkt töten, die Tiere stark beeinflussen können. Sie bringen weniger oder schwächeren Nachwuchs hervor oder sind anfälliger für Krankheiten. Und sie können sich schlechter Gerüche und Geschmäcker merken oder sich orientieren.

Christian Maus von Bayer Crop Science stört sich bei diesen Resultaten allerdings daran, dass sie aus Laborstudien stammen:

"Da gibt es in der Tat einige sehr interessante Studien, die sicherlich einige innovativen Testdesigns für die Grundlagenforschung aufzeigen, die aber allesamt nicht wirklich unter realistischen Freilandbedingungen, nicht unter realistischen Expositionsbedingungen getestet wurden."

Dem hält Christopher Connolly entgegen, dass Laborstudien einen entscheidenden Vorteil gegenüber Untersuchungen in freier Natur haben:

"Laborstudien untersuchen sehr sorgfältig, welche Auswirkungen ein Wirkstoff bei welcher Dosis auf Bienen hat. Eine Feldstudie brächte uns keine definitive Antwort auf die Frage, ob Neonicotinoide sicher sind oder nicht. Weil sie unglaublich groß sein müsste, um alle Risikofaktoren in der freien Natur und die unterschiedlichen Voraussetzungen zwischen einem Feld und dem nächsten abzudecken. Laborstudien erlauben uns zu sagen, ja, es gibt Risiken für Bienen. Und wir können das Risiko des einen Insektizids mit dem eines anderen vergleichen und auf dieser Basis eine intelligente Auswahl treffen. Das ist genau, was wir brauchen."

Christian Maus ist der Ansicht, dass Pestizide zu Unrecht im Fokus stehen:

"Der Hauptfaktor, und das ist eigentlich die übereinstimmende Meinung der meisten Bienenforscher, sind Krankheiten, Parasiten, insbesondere die Varroa-Milbe. Das wurde gerade erst wieder gezeigt durch eine Studie vom europäischen Referenzlabor für Bienengesundheit, das ja eben diese Faktoren untersucht hat, das da sowohl von Forschern als auch von Imkern sogar an erster Stelle Varroa genannt wird."

Christopher Connolly ist aber auch hier anderer Meinung:

"Die Varroa-Milbe ist eine große Gefahr, aber sie ist nicht die Hauptursache des Bienensterbens. Es könnte allerdings sein, das Viren, die diese Parasiten übertragen, eine entscheidende Rolle spielen. Sie könnten ein weiteres Risiko zusammen mit Pestiziden, Krankheitserregern, Parasiten, Nahrungsmangel oder Wettereinflüssen darstellen. Das alles zusammengenommen kann den Ausschlag geben, dass ein Bienenvolk stirbt."

Es bleiben also viele Fragen, und noch gibt es wenig Einigkeit, wie sie zu beantworten sind. Ob das Moratorium den Bienen also wirklich hilft, oder ob Landwirte jetzt statt der Neonicotinoide ältere Pestizide verwenden müssen, die noch mehr Schaden anrichten, wird man wahrscheinlich erst in zwei Jahren wissen - wenn überhaupt. 

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