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StartseiteEine WeltMilliardengrab im Kaspischen Meer12.07.2014

Ölfeld KashaganMilliardengrab im Kaspischen Meer

Die zentralasiatische Republik Kasachstan will zu den zehn größten Erdölproduzenten der Welt aufrücken. An Reserven mangelt es nicht, doch technische Probleme legen das größte kasachische Öl- und Gasfeld immer wieder lahm. Das freut dagegen Umweltschützer.

Von Vanja Budde und Edda Schlager

Das Kashagan-Ölfeld in der Nähe von Atyrau in Kasachstan. (AFP / Pool / Leon Neal)
Das gesamte Pipeline-System des Kashagan-Feldes muss ausgetauscht werden. (AFP / Pool / Leon Neal)
Weiterführende Information

Ressourcen - Lösungsvorschläge für eine global gerechtere Rohstoffpolitik (Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 02.07.2014)

"Das ist ein mobiles Drilling Rig, so eine Anlage komplett mit allem Zubehör, die brauchen zwei Tage, um umzusetzen auf die nächste Bohrung."

Peter Krieger ist schon zu DDR-Zeiten in die damalige Sowjetrepublik Kasachstan gekommen. Seitdem arbeitet er im Westen des riesigen Landes in der Zulieferungsindustrie für die Erdölförderung.

"Der Zaun da oben drum rum, das ist der sogenannte Rig Floor, da spielt sich alles ab. Da ist der Bohrmeister, der steht dann da an seinem Drillometer."

Dieser Bohrturm ist einer von sehr vielen, die bei Atyrau in der Steppe stehen.
Wie so oft wirbelt ein Staubsturm heran: Peter Krieger flüchtet ins Auto, fährt zurück nach Atyrau. Die Stadt am Kaspischen Meer ist das boomende Erdölzentrum Kasachstans.

"Kashagan ist der größte Ölfund der letzten 30 Jahre, weltweit. Neun Milliarden Barrel, das ist schon ein Kracherfeld, ein sogenannter Elefant."

Doch bis heute macht Kashagan immer wieder technische Probleme. Zwar fiel Ende 2013 der Startschuss für die Förderung, doch der Betrieb wurde sofort wieder gestoppt. Der Grund: Eine undichte Pipeline. Längst heißt Kashagan bei den Öl-Managern nur noch "Cash-is-gone", erzählt Peter Krieger: "Das Geld ist weg".

"Dadurch, dass das Projekt acht Jahre hinter dem Plan zurück hängt, haben die ausländischen Shareholder mittlerweile berechtigte Angst, dass die 40 Jahre Laufzeit des Production-Sharing-Agreements nicht ausreichen werden, um die Investments wieder rein zu holen. Also um an dem Feld tatsächlich auch was zu verdienen."

Hilfe aus China

Vier Energiekonzerne aus dem Westen gehören neben dem kasachischen Staatskonzern KazMunaiGaz zum Kashagan-Konsortium: Die italienische ENI, Shell, Total und Exxon Mobil aus den USA. Neuerdings hält auch die China National Petroleum Corporation Anteile. Das nach Rohstoffen gierende China finanziert schon seit einiger Zeit die Erschließung von Öl- und Gasfeldern in Kasachstan mit langfristigen Krediten.

"Dieses System funktioniert ohne die Chinesen nicht. Letztes Jahr waren sowohl die Kasachen als auch die anderen ausländischen Konsortiumsmitglieder froh, dass die Chinesen einsprangen. Nicht nur mit einer Kreditlinie, sondern als Shareholder."

Wo der Fluss Ural ins Kaspische Meer mündet, wiegt sich vier Meter hohes Schilf im warmen Wind, Vögel brüten im Röhricht. Doch das Idyll ist bedroht, warnt Galina Cherneva, Leiterin der regierungs-unabhängigen Umweltschutzorganisation "Globus" in Atyrau. Nicht nur der Stör, berühmt als Kaviarlieferant, sei in Gefahr, denn während des Ausbaus von Kashagan habe man plötzlich bislang unbekannte Schädlinge in dem empfindlichen Binnenmeer nachweisen können.

"Zum anderen haben künstlich aufgeschüttete Inseln und die Installation der Plattform zur Erdöl-Gewinnung die Hydrodynamik im Norden des Kaspischen Meeres verändert. Das hat das ganze Selbstreinigungssystem dieses Ökosystems zerstört."

Pipeline-System muss ausgetauscht werden

Die Familie des Fischers Alexander Mamojkin lebt seit Jahrzehnten hier im Fluss-Delta, in einer Wellblechhütte ohne Strom und fließendes Wasser. Früher sei das Leben trotzdem gut gewesen, sagt der 77-jährige Mamojkin, während seine Frau Evgenija die Fischsuppe fürs Abendessen kocht. Doch die Zeit der reichen Fänge sei nun vorbei.

" Ach, diese Ölarbeiter ... Natürlich haben sich die Fische zurückgezogen, viele sind weg. Die Arbeiter lassen ja ständig Öl entweichen, die Fische aber spüren sofort einen fremden Geruch, deshalb verziehen sie sich."

Das bestätigt auch Umweltschützerin Cherneva, die bei den Mamojkins im Hof sitzt - zwischen zum Trocknen aufgehängten Netzen und geflickten Reusen. Cherneva fürchtet eine Umweltkatstrophe, weil es jetzt dieses neueste Problem mit Kashagan gibt: die undichte Pipeline.

"Man hat uns versichert, dass man extra Rohre für eine sogenannte aggressive Umgebung verlegt. Denn das Kashagan-Öl enthält einen hohen Anteil an Schwefelwasserstoff und ist darum gefährlich. Das Konsortium wusste das alles. Aber, und jetzt spreche ich von Korruption: Es wurden angeblich teure Spezialrohre in Kanada eingekauft. Tatsächlich aber glauben unsere Ingenieure, dass es Rohre aus chinesischer Produktion sind, von schlechterer Qualität. Deshalb haben sie nicht einmal der ersten Druckprüfung standgehalten."

Offshore-Ölförderung, also von schwimmenden Plattformen auf dem Meer, ist teuer und technisch anspruchsvoll. Am entsprechenden Know-how mangele es hier aber, meint Sergej Gorbashov. Er kommt aus Moskau, arbeitet in Atyrau allerdings für den süddeutschen Pumpenhersteller Netzsch, der die kasachische Ölindustrie beliefert.

"In Kasachstan sind die Gas- und Ölleitungen noch unterentwickelt. Es fehlt an Investitionen und qualifizierten Führungskräften. Dazu gibt es aber keine Alternative, weil die Wirtschaft Kasachstans heute völlig von Gas und Öl abhängt."

Das gesamte Pipeline-System des Kashagan-Feldes müsse ausgetauscht werden, räumte jetzt schließlich Kasachstans Minister für die Öl- und Gaswirtschaft, Uzakbai Karabalin, ein. Befund: Totalschaden.
Wann die Förderung wieder beginnen kann, das steht in den Sternen.

 

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