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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Opfer und Täter14.01.2008

Opfer und Täter

Die Stasi und die DDR-Ärzteschaft

Ein Berufsstand, der zur Zeit der Gründung der DDR noch bildungsbürgerlich geprägt war und durch ein tradiertes Standesbewusstsein dem sozialistischen Staat eher kritisch gegenüberstand, waren die Mediziner. Es gab einen regelrechten Exodus, der zu Personalmangel führte. Doch die DDR konnte auf keinen Arzt verzichten. So gerieten die Mediziner ins Visier der Stasi. Das zeigt die Studie "Zielgruppe Ärzteschaft - Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit". Sabine Weber hat sie gelesen.

Der Arztkittel wartet auf seine Benutzung. (AP)
Der Arztkittel wartet auf seine Benutzung. (AP)

"Die Absicht der Studie war, wirklich die Besonderheiten herauszuarbeiten, Die Besonderheiten, weshalb haben Ärzte inoffiziell für die Staatssicherheit gearbeitet.
Der zweite Punkt ist: Was die Aufarbeitung der Verstrickung von Medizinern in das NS-System angeht wissen wir ja, dass das mindestens dreißig Jahre in Deutschland gedauert hat. Und hier wollte man das eben relativ zeitnah machen."

Francesca Weils Studie "Zielgruppe Ärzteschaft" entstand auf Anregung und mit finanzieller Unterstützung des Deutschen Ärzteblattes. 493 Akten konnte die Historikerin zu IM-Ärzten ausfindig machen. Auf dieser Grundlage zeichnet sie ein detailliertes Bild über den Aufbau der Staatssicherheit, die Anwerbung von inoffiziellen Mitarbeitern aus dem medizinischen Bereich und deren bereitwillige Berichterstattung, selbst über intimste Lebensbereiche.

Bereits in den 1950er Jahren hatte das Ministerium für Staatssicherheit, das MfS, begonnen, Mediziner als inoffizielle Mitarbeiter anzuheuern; ab etwa 1970 lässt sich von einem IM-"Netz" innerhalb der Ärzteschaft sprechen. Zwischen drei und fünf Prozent leisteten die Verpflichtungserklärung, womit die Anzahl der IM unter den Medizinern deutlich über dem Landesdurchschnitt lag.

"Also, es ging ja dem MfS prinzipiell darum, in allen Schichten, in allen Berufsgruppen IM zu platzieren. Und unter Ärzten vermutet man natürlich in erster Linie, dass es darum ging, sehr private Informationen über Patienten zu erhalten. Das ist eben nicht der Fall. Das MfS hat zum überwiegenden Teil Ärzte geworben, damit sie über ihre eigenen Berufskollegen berichtet haben. Die IM wurden zum überwiegenden Teil eingesetzt, um zu verhindern, dass Ärzte die DDR verlassen, und damit das Gesundheitswesen ein Stück weit demontieren und dann hatte man die Befürchtung, es ist ja ein sehr sensibler Bereich gewesen, dass da dann gerade Unruhe entstehen könnte. Nicht nur unter den Ärzten, sondern unter der Bevölkerung selbst. "

Bei der Anwerbung der Ärzte zog das MfS, wie Weil ausführlich darstellt, alle Register: Appelle an die staatsbürgerliche Pflicht, Bezahlung oder gar Erpressung. Jeder vierte Anwerbungsversuch war erfolgreich. Die Gründe, die die Mediziner zur Mitarbeit bewogen, wurden von ihren jeweiligen Führungsoffizieren in den Akten festgehalten.

"Die Motive wurden eigentlich nur in drei Kategorien eingeteilt: politische Überzeugung, Wiedergutmachung oder persönliche Beweggründe. Das Hauptmotiv unter den Ärzten war nach Ansicht des MfS politische Überzeugung."

"Deshalb verpflichte ich mich: ehrlich und aufrichtig mit dem MfS zusammenzuarbeiten, ständig meine Einsatzbereitschaft unter Beweis zu stellen, meine ganze Kraft für die Lösung gegebener Aufträge einzusetzen, ständig die gegebenen Verhaltensregeln einzuhalten und über alle Anzeichen von Feindtätigkeiten sofort zu informieren.

So heißt es in der Verpflichtungserklärung einer Allgemeinmedizinerin mit dem IM-Decknamen "Linda Matthes".

"Einen geringeren Anteil nahmen die ein, die aus Wiedergutmachungsgründen geworben wurden, das heißt, die sich politischer, beruflicher oder auch strafrechtlicher Vergehen schuldig gemacht haben und die auf die Art und Weise dann eben erpresst werden konnten. "

Beispielhaft hierfür ist der Fall einer Internistin, die in Untersuchungshaft genommen wurde, weil sie einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Während dieser Haft wurde sie als IM geworben. Ausführlich berichtete sie über eine Mitgefangene.

"60jährige, ängstliche, depressiv-verstimmte, zum Grübeln neigende Frau, äußert suizidale Gedanken. ... Früher sicher leistungsorientierte Frau, kann sich durchschnittlich beschäftigen, liest, hört Radio. ... Hat große Angst vor Vernehmungen, sitzt schon eine halbe bis eine Stunde vorher sprungbereit auf dem Bett und zittert, kann offenbar gar nicht richtig auf die Fragen hören, kann sich schwer konzentrieren, Vernehmer hat viel Geduld, ist sachlich und ruhig ... ; Vernehmer lässt sie ruhig ausweinen."

Der dritte in den Akten angegebene Beweggrund, für das MfS inoffiziell tätig zu werden, war die persönliche Vorteilnahme, etwa durch Beförderung der Karriere.

"Wenn man sich dem MfS verweigert hat und klipp und klar nein gesagt hat oder sich dekonspiriert hat oder irgendetwas, dann hatte man nicht mit Folgen zu rechnen. Das haben kleine Kreise gewusst, vor allen Dingen Personen, die sich in kirchlichen Kreisen aufgehalten haben, wo dann auch der Pfarrer gesagt hat: Wenn Ihr vom MfS angesprochen werdet, das Einfachste ist, Ihr sagt, Ihr habt mit eurem Pfarrer darüber gesprochen, dann habt Ihr euch dekonspiriert, dann ist das MfS nicht mehr daran interessiert. Aber die Masse der Bevölkerung wusste das nicht, das heißt wenn man da nein gesagt hat, hat man natürlich auch befürchten müssen, dass etwas passiert."

Rund ein Viertel der Ärzte spionierte nicht nur Kollegen aus oder lieferte Berichte über die Stimmung in Krankenhäusern und Polikliniken, über Probleme der medizinischen Versorgung und über den Verlauf von Dienst- und Privatreisen - sie erteilten auch Auskünfte über die eigenen Patienten und brachen damit die ärztliche Schweigepflicht. Das war auch in der DDR ein Straftatbestand. Zwar galt die Anzeigepflicht von geplanten Gewaltverbrechen, von so genannter "staatsfeindlicher Hetze" oder von planmäßigen Vorbereitungen "ungesetzlicher Grenzübertritte" als Aufhebungsgrund der Schweigepflicht. Jedoch nur gegenüber staatlichen Institutionen und nicht gegenüber dem MfS. Dennoch:

"Die meisten dieser 116 Ärzte berichteten uneingeschränkt über gesundheitliche Probleme, persönliche Belange und politische Einstellungen von Patienten. Viele dieser Berichte zeichnet die Besonderheit aus, dass sie weit reichende Patientenanalysen enthalten. In ihnen wurden Zusammenhänge zwischen pathologischen Befunden einerseits und Lebensvorstellungen,
-planungen wie -chancen der Betroffenen andererseits konkret dargestellt. ... Aus diesen komplexen Beschreibungen konnten MfS-Mitarbeiter wirkungsvolle Anknüpfungspunkte filtern, die es im Bedarfsfall ermöglichten, auf die jeweiligen Personen maßgeblichen Einfluss zu nehmen."


Neben dem Studium und der Auswertung der Akten liegen Weils Studie auch persönliche Interviews zugrunde. Von 103 angeschriebenen ehemaligen IM-Ärzten erklärten sich 21 zu einem Gespräch bereit.

"Es ging den meisten eigentlich nicht darum, mit mir über ein Thema zu sprechen und damit der Forschung zu dienen; sondern dass man dieses Gespräch genutzt hat, um sich danach auch ein Stück besser zu fühlen. Das hat mich schon etwas frappiert, sag ich mal. Immerhin haben sieben von diesen 21 auch die Schweigepflicht gebrochen und nur einer konnte sich daran erinnern, aber der auch nur, weil er vorher in einem Artikel von mir gelesen hatte, oder sich wieder gefunden hatte. Es war für mich ein Rätsel, wie man das vergessen oder verdrängen kann."

Die inoffizielle Mitarbeiterin mit Decknamen "Kay" fasst im Interview mit Weil zusammen:

"Vielleicht werden Sie den Eindruck haben, dass ich, sagen wir mal, gegen das, was Ihrer Vorstellung vom Arztsein entspricht, verstoßen hätte. Aus meiner Sicht: Ich habe nicht dagegen verstoßen. Ich habe bei weitem nie dagegen verstoßen. Ich habe im Prinzip das, was Kliniktratsch war und was alle hören konnten, weitergesagt. ... Und das, was gesagt wurde, was alle rundum gehört hatten, was Patienten gehört haben, und, und, und, was für jeden zugänglich war, aber ich habe nie einen Kollegen oder irgendeinen Menschen ausgefragt, um das weiterzusagen."

Francesca Weil führt in ihrer Studie nur die Decknamen der inoffiziellen Mitarbeiter an und macht die Klarnamen nicht publik. Als Gründe nennt sie den vornehmlich historischen und weniger politisch aufklärenden Charakter ihrer Arbeit sowie die zufällige Auswahl der Ärzte.

Der dritte wichtige Grund ist, dass es unter diesen 493 Personen sehr, sehr große Unterschiede gibt, was das Berichtsverhalten angeht, was auch die Situation angeht, in der sie sich auf das MfS eingelassen hatten, dass sie also zum Teil erpresst wurden, also richtig unter Druck gesetzt wurden. Das heißt jetzt nicht: ich will mich nicht schützend vor die IM stellen oder relativieren, was diese inoffizielle Tätigkeit für die Stasi angeht, aber es gibt eben sehr große Unterschiede und entweder ich nenne alle Namen oder gar keinen.

Die Ergebnisse der Studie "Zielgruppe Ärzteschaft" sind in der Tat bitter. Wenngleich sich die übergroße Mehrheit der Mediziner in der DDR nicht für Spitzeltätigkeiten anwerben ließ, gab es genügend, die es eben doch taten. Sie alle nahmen eine Schädigung derer, über die sie berichteten, billigend in Kauf, umso mehr, als sie nie erfuhren, welche Folgen ihre Berichte hatten. Und noch etwas musste Weil feststellen: eine beträchtliche Anzahl derer, die so skrupellos das Vertrauen von Kollegen und Patienten missbraucht hatten, sind heute immer noch als Ärzte tätig.

"Zielgruppe Ärzteschaft" ist nicht auf süffige Lesbarkeit aus, es bleibt eine wissenschaftliche Aufarbeitung. Wer boulevardeske Enthüllungen sucht, wird hier sicher schlecht bedient. Es gibt keine Beschreibung vollständiger Lebensgeschichten, keine Darstellung kompletter IM-Vorgänge. Der klare Aufbau und die sachliche Sprache der Studie sowie die zumeist indirekte Zitierweise erzeugen Distanz und lassen den Fakten Raum. Dies allerdings beeindruckt stärker, als es jede marktschreierische Anklageschrift getan hätte.

Sabine Weber über Francesca Weil: Zielgruppe Ärzteschaft - Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Erschienen bei Vandenhoeck und Ruprecht in Göttingen, das Buch umfasst 308 Seiten und kostet 32 Euro und 90 Cent.

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