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StartseiteUmwelt und VerbraucherOxfam: Abkehr der Deutschen Bank von Nahrungsmittelspekulation ist halbherzig20.03.2012

Oxfam: Abkehr der Deutschen Bank von Nahrungsmittelspekulation ist halbherzig

Geldinstitut hat Zwischenbericht vorgelegt

Der scheidende Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann versprach im vergangenen Jahr, die preistreibende Investmentpolitik seines Hauses an den Nahrungsmittelmärkten zu überprüfen. Nun liegt ein Zwischenbericht vor - doch die Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam zeigt sich unzufrieden.

Marita Wiggerthale im Gespräch mit Jule Reimer

An Rohstoffen wie Weizen verdienen Spekulanten prächtig und treiben die Preise nach oben. (AP Archiv)
An Rohstoffen wie Weizen verdienen Spekulanten prächtig und treiben die Preise nach oben. (AP Archiv)

O-Ton Thilo Bode: "Der massive Strom von Kapital, der jetzt in diese Rohstoffbörsen fließt, die gar nicht dafür geschaffen sind, treibt die Preise für Geschäfte in der Zukunft, also in sechs Monaten, hoch, und da sich die Lebensmittelpreise in der Gegenwart an diesen Zukunftspreisen orientieren, sind auch die Preise in der Gegenwart für Mais oder Weizen viel höher, als sie es ohne diesen Kapitalzufluss wären."

Jule Reimer: Das war Foodwatch-Chef Thilo Bode am 18. Oktober vergangenen Jahres hier in der Sendung "Umwelt und Verbraucher" mit dem Vorwurf, Finanzinstitute wie die Deutsche Bank oder Goldman Sachs verursachten beziehungsweise verschärften mit Spekulationen an den Nahrungsmittelmärkten den weltweiten Hunger. Der scheidende Deutsche Bank Chef Josef Ackermann versprach daraufhin, die Investmentpolitik zu überprüfen. Heute kündigte die Deutsche Bank in einem Zwischenbericht an, sie wolle zumindest in diesem Jahr sich auf den Agrarmärkten zurückhalten. Ein Interview zu diesem Thema lehnte das Institut heute ab mit dem Hinweis, es handele sich erst um einen Zwischenbericht, man prüfe noch. Deshalb meine Frage an Marita Wiggerthale von der entwicklungspolitischen Lobbyorganisation Oxfam: Sie gehören ja zu den Kritikern der Deutschen Bank. Was sagen Sie denn zu der heutigen Ankündigung?

Marita Wiggerthale: Ich meine, die Ankündigung zeigt zumindest, dass die Deutsche Bank die Kritik ernst nimmt. Allerdings bedauern wir, dass sie nicht deutlich von der Spekulation mit Nahrungsmitteln abrückt.

Reimer: Wie kommen Sie zu dieser Skepsis?

Wiggerthale: Letztendlich ist es so, dass die Recherchen, die wir zusammen auch mit Misereor mitgemacht haben, ergeben haben, dass die EU [Anmerkung der Redaktion: Frau Wiggerthale meint die Deutsche Bank] praktisch der größte Player im Handel mit börsengehandelten Agrarfonds und Rohstofffonds ist, und die Fonds sind jetzt von dieser Entscheidung überhaupt nicht betroffen. Sie können also das Fondsvolumen weiter ausweiten, oder eben auch Fonds auflegen, die nicht an der Börse gehandelt werden. Auch die sind von der Entscheidung nicht betroffen. Das heißt, die Deutsche Bank hat hier überhaupt nicht entsprechende Schritte unternommen.

Reimer: Das stimmt. – Die Deutsche Bank hat angekündigt, in diesem Jahr keine neuen börsengehandelten Anlageprodukte auf der Basis von Grundnahrungsmitteln aufzulegen. Das heißt, die Geschäfte gehen an anderer Stelle weiter?

Wiggerthale: Ja, genau. Sie können ihre Geschäfte an anderer Stelle weiterführen, noch mehr Geld in die bestehenden Fonds pumpen, oder eben nicht börsengehandelte Fonds neu auflegen sogar. Von daher sind die jetzigen Schritte wirklich sehr halbherzig.

Reimer: Sind denn die Industriestaaten genauso von diesen Preiskapriolen betroffen wie Entwicklungsländern? Wir spüren ja eigentlich die Unterschiede gar nicht so stark, oder?

Wiggerthale: Wir spüren: In Deutschland oder auch in den Industrieländern werden diese Preissprünge nicht so stark wahrgenommen, weil bei uns die Haushalte gar nicht so viel Geld für Lebensmittel aufbringen wie jetzt in Entwicklungsländern. Auch haben Landwirte hier andere Möglichkeiten, sich gegen Preisschwankungen abzusichern, wie es Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in Entwicklungsländern tun können. Von daher sind die armen Menschen in Entwicklungsländern eindeutig viel stärker davon betroffen, wie ja auch die Nahrungsmittelkrise 2007/2008 beispielsweise gezeigt hat, wo 100 Millionen Menschen gehungert haben, weil sie sich eben Lebensmittel nicht mehr leisten konnten.

Reimer: Die G-20-Staaten haben vergangenes Jahr vereinbart, dass sie sich für mehr Transparenz bei den weltweiten Lagerbeständen bei Soja, Weizen etc. einsetze,n und dass sie gegenseitig an ihren Börsen Mengenbegrenzungen, also Positionslimits, für den Handel akzeptieren. Haben denn diese Beschlüsse in der Praxis Wirkung gezeigt?

Wiggerthale: Bis jetzt hat sich da noch nicht viel geändert. Die G-20 hat ja gesagt, dass eben diese Möglichkeit besteht. Das Einzige, was wir sehen konnten, ist, dass beispielsweise an der Londoner Börse jetzt mehr Transparenz hergestellt wurde und wir jetzt seit September letzten Jahres nachvollziehen können, wer welche Position bei Agrarprodukten hält.

Reimer: Vor einem Jahr haben eigentlich die meisten Kreditinstitute unisono betont, ihre Termingeschäfte mit Weizen oder Soja hätten keine Auswirkungen auf die Nahrungsmittelpreise. Diese würden ja nur von der tatsächlich gestiegenen Nachfrage beeinflusst. Hat sich da an dieser Haltung etwas geändert? Das heißt, hat die Ankündigung der Deutschen Bank vielleicht auch so eine Art Signalwirkung?

Wiggerthale: Ich glaube, dadurch, dass die Deutsche Bank so ein großer Player ist, hat das auf jeden Fall Signalwirkung, weswegen das auch umso wichtiger ist, dass sie anerkennt, welche Rolle die Nahrungsmittelspekulation für die Preisentwicklung auf den Weltagrarmärkten spielt. Allerdings ist die Debatte, glaube ich, immer noch sehr zwiespältig und nicht so eindeutig, wie wir uns das wünschen, dass einfach anerkannt wird, dass die Preisentwicklung auf den Weltagrarmärkten nicht nur mit den fundamentalen Marktdaten wie Angebot und Nachfrage sich erklären lassen.

Reimer: Die Deutsche Bank will ihre Investments bei Nahrungsmitteln zügeln – eine Bewertung dazu von Marita Wiggerthale von Oxfam. Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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