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Politik und Poesie

George Oppen: "Die Rohstoffe". luxbooks

Von Anja Kampmann

In Brooklyn engagiert sich Oppen aktiv für die kommunistische Partei, in Brookly erschien auch sein späterer Gedichtband.
In Brooklyn engagiert sich Oppen aktiv für die kommunistische Partei, in Brookly erschien auch sein späterer Gedichtband. (picture alliance / dpa / Tobias Kleinschmidt)

"Die Rohstoffe" heißt der zweite Gedichtband von George Oppen, mit dem er 1962, nach einer selbst gesetzten Schreibpause von 28 Jahren, einen Schritt zurück zur Poesie macht - 1934 war sein erster Lyrikband im Selbstverlag erschienen. Zusammen mit William Carlos Williams und Louis Zukofsky war der junge George Oppen eine zentrale Figur der Objektivisten, deren Ansatz, in dem ein experimentelles Sprechen und politisches Selbstverständnis miteinander einhergingen, dann in den 60er- und 70er-Jahren von jungen Poeten wie Allen Ginsberg aufgegriffen wurde.

Das Vorwort zu seinem ersten Gedichtband schreibt ihm kein geringerer als Ezra Pound, der sich damals auch für junge Dichter wie Hilda Doolittle engagiert. Oppen jedoch verstummt nach seinem Auftakt - aus politischen Gründen. Er stellt die Relevanz eines poetischen Sprechens in den Jahren der Weltwirtschaftskrise radikal infrage. In einem Interview von 1968 blickt Oppen auf diese Zeit zurück:

"Wenn du dich politisch betätigst, widmest du dich einer Sache, die politisch etwas bewegt. Und wenn du dich entschließt, Gedichte zu schreiben, schreibst du Gedichte, nicht etwas, von dem du meinst oder meinen willst, dass es leidenden Menschen helfen kann ... Man könnte sagen ich habe die Poesie aufgrund dessen aufgegeben, was ich Gewissen nennen würde."

In der Konsequenz engagiert sich Oppen aktiv für die kommunistische Partei, arbeitet in New York für die "workers alliance", und organisiert den Wahlkampf in Brooklyn. Und dort erscheint fast dreißig Jahre später der Gedichtband, dem der inzwischen 54-Jährige das Vorwort des französischen Philosophen Jaques Maritain voranstellt: "Bewußt werden wir zugleich uns selbst / wie den Dingen." Der Leitsatz zeichnet vor, was dem Leser in den "Rohstoffen" begegnet; eine unaufwendige Sprache, in der das lyrische Ich möglichst wenig in den Vordergrund tritt, eine Sprache ohne Manierismen, mit einem fast alltäglich zu nennenden Wortschatz. Für Oppen gibt es "kein und niemals ein anderes Ziel der Dichtung als Klarheit." Und das bedeutet auch; keine Abstraktionen oder Chiffren. So schreibt Oppen in dem Gedicht "Return" - "Heimkehr":

Weder Städte noch Wald, nichts davon unser. Und Linda fünf,
Sechs vielleicht, als die grasende Stute
Auf der Weide ihr entgegen kam.
"Pferd", sagte sie, mehr ein Flüstern
Neben dem Straßenrand
Fuhren Wagen vorbei. Kleines, willkommenes Mädchen,
Das Willkommen lernt. Alles andere ist -

Ganz gleich - ganz gleich - in Ferne
Mechaniken, Dauerleistung,
Die Seebrücken der Stadt
Im Meer. [...]


Es gibt den "brandneuen Winter mitten unter Gebäuderiesen"; - die Architektur New Yorks, mit Untergrundbahnen und neuen Glasfassaden, "rechteckig, aufgebäumt / schwarze Fenster" eine neue Architektur, für die komplette Viertel "ausradiert" werden. Doch nie sind die Betrachtungen Oppens losgelöst von einer Perspektive "zwischen den anderen Menschen", wie Paul Auster in seinem Nachwort bemerkt, denn Oppen schreibt von den Orten, an denen er lebt, die ihn ausmachen. Greift auf die Geschichten der Menschen zurück, die ihn umgeben, bleibt meilenweit entfernt von einem simplen Naturalismus. Hier werden Bilder verzahnt, kontrastiert, der "Platz zwischen den Menschen" kann eine Freundin sein, die sich gegen die Zwangsräumung ihrer Wohnung wehrt;

[...] wir selbst/
Inmitten jener Straßen wo Petra, auf einer Schüssel/
Trommelnd die Menschen am Fenster/
Herbeirief wie zur Rettung. Erlass/
So sagten sie dazu, Der Erlass. Petra
Plötzlich entschlossen inmitten ihrer Kinder
In jenen bröckelnden Schlafräumen [...]


Zur Zeit der "Rohstoffe" hat George Oppen bereits prägende Erfahrungen hinter sich: der Kriegsdienst in Frankreich bei der Ardennenoffensive, wo er in einem Graben Zitat: "in diesem grausamen Boden" verschüttet und als einzig Überlebender geborgen wird. "Es gibt ein einfaches Ich in einem Gedicht / Ein Fremdes im Krieg." schreibt er. Zu Beginn des Kalten Krieges wird er als Anhänger der kommunistischen Partei in den USA verfolgt, und so ist er gezwungen, zusammen mit seiner Frau ins Exil nach Mexiko zu gehen, wo er acht Jahre lang als Tischler und Bootsbauer arbeiten wird. Oppen ist alles andere als der klassische Stubengelehrte, als er an den "Rohstoffen" zu arbeiten beginnt, die ein Kondensat dieser Erfahrungen bilden. "Wenig, das er in der Oberfläche seiner Gedichte ruhen lässt", schreibt Paul Auster im Nachwort der luxbooks-Ausgabe. Und so sind auch die Bedeutungsschichten, die der Lyriker und Übersetzer Norbert Lange in zahlreichen Anmerkungen für den Leser freilegt, eine große Hilfe; nicht nur Anspielungen auf Dichter wie Yeats, Shakespeare, Walt Whitman, Pound, Eliot und Brecht arbeitet Lange heraus, er gibt auch Einblicke in Briefe, und Gedanken, die sich Oppen selbst zu seinen Gedichten macht. Die Übersetzung ist großzügig gerade in ihrer Genauigkeit, sie grenzt nicht vorschnell ein, sondern eröffnet mit biografischen Details und Übersetzungsvarianten die Möglichkeit, Oppens Gedichten nahe zu kommen.

Die selbst auferlegte Verantwortung für das poetische Sprechen scheint in den Gedichten Oppens überall hindurch, das Sehen als Akt einer "inneren Hingabe" wird zur Aufgabe. So auch in "An die Erinnerung":

[...] Alles Seiende /
Ist Deines. Die Ursachen, Ursprünge
Sind verloren, hast du sie verloren;
Doch vom Köcher deines Augenlids

Schießen Blumen, die zertrampelt sind
In ihrer Blüte vor uns auf; [...]/ /

Was bezaubert, ist eine Perspektive, die, so scheint es, niemals neutral sein kann, mit Oppen bleibt der Leser nicht, Zitat,
"allein in einem leeren Universum, das die Tage fristet / Wie ein Stein in der Sonne". In aller Kritik an den sozialen Umbrüchen seiner Zeit behält er stets etwas zutiefst Lebensbejahendes. Mit den "Rohstoffen" wurde George Oppen erstmals ins Deutsche übersetzt. Auf der Suche nach einer Sprache, die radikal schlicht bleiben soll, zeichnet er doch ein präzises Bild seiner Zeit und von den Menschen, die ihn berühren.

So auch in "The Image of the Engine" - "Das Abbild der Maschine":

Ich möchte wissen, ob du weißt
wann wir glücklich waren! Obgleich die Reisen alle

Endeten im Ungesagten, die Vorhaben alle
Im Auftakt scheiterten.

Auf dem Gewässer
Grau von Morgen
wird die Möwe ihre Flügel falten
Und sich setzen. Und mit ihren beiden Augen
dort wie auch alle Dinge
Sehen können, wie ein Schiff und jeder seiner Flure
und alle Gefährten versinken.

Bibliografie

George Oppen "Die Rohstoffe"
Aus dem Amerikanischen von Norbert Lange, mit einem Nachwort von Paul Auster
luxbooks Verlag, 2012, 147 Seiten, 22,00 Euro

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