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StartseiteDeutschland heuteEin Dorf auf der Schwäbischen Alb wehrt sich12.06.2017

Protest gegen RechtsEin Dorf auf der Schwäbischen Alb wehrt sich

Es ist die Geschichte eines beispiellosen Zerwürfnisses: In Burladingen auf der Schwäbischen Alb sorgt der Bürgermeister mit offenen AfD-Bekenntnissen in der Bevölkerung und im Gemeinderat für Empörung. Verschiedene Gruppen in der Stadt haben sich jetzt gemeinsam gegen das Stadtoberhaupt positioniert.

Von Thomas Wagner

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Der Ortseingang von Burladingen im Zollernalbkreis. (dpa/ picture alliance/ Thomas Warnack)
Der Ortseingang von Burladingen im Zollernalbkreis. (dpa/ picture alliance/ Thomas Warnack)
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Konrad Bub ist katholischer, Christoph Dinkelacker evangelischer Pfarrer in Burladingen im baden-württembergischen Zollern-Alb-Kreis. Beide sitzen an diesem Abend in ein- und derselben Veranstaltung.

"Mich empört, dass es zu dieser großen Auseinandersetzung zwischen Bürgermeister und Gemeinderat gekommen ist. Und vor allem diese Ausdrücke, die der Bürgermeister zum Teil auch gebraucht hat wie: Gemeinderäte hat er Landeier genannt und solche Ausdrücke."

"Ich denke, man muss die Stimme erheben gegen –Rechts. Man wirft ihm vor, dass er im Amtsblatt sich einseitig geäußert hat. Es ging um Flüchtlinge. Er hat die Gemeinderäte beleidigt, als sie sich um Flüchtlinge gekümmert haben."

"Seit der Bürgermeister sich als AfD- Sympathisant geoutet hat: Ist Burladingen nicht nur rabenschwarz, sondern auch braun, frage ich jetzt mal provokativ in die Runde?"

Artikel im Mitteilungsblatt brachte das Fass zum Überlaufen

Kein Platz mehr frei an diesem Abend im Lindenhoftheater im Burladinger Teilort Melchingen – nur die Hauptperson, um die es geht, fehlt: Harry Ebert, seit 19 Jahren parteiloser Bürgermeister der Kleinstadt auf der Schwäbischen Alb. Parteilos?

"Erst im Herbst begann das damit, dass er sich geoutet hat als Sympathisant der AfD….."

Die Geschichte eines beispiellosen Zerwürfnisses: Rosemarie Steinberg von den Freien Wählern, neben der CDU eine von zwei im Burladinger Gemeinderat vertretenen Parteien, erzählt von der AfD-Nähe des Burladinger Bürgermeisters, die ihr und vielen anderen Lokalpolitikern zwar politisch aufgestoßen ist, an der man aber formal nichts habe beanstanden können. Dann aber folgte ein Artikel im offiziellen Mitteilungsblatt der Stadt, "wo er eben gegen die Flüchtlingspolitik ist, froh ist, dass wir keine haben und dieses Wohnheim für Jugendliche in Hechingen als Armleuchterprojekt hinstellt."

Und das brachte das Fass zum Überlaufen: Ein Wohnheimprojekt für minderjährige Flüchtlinge ein paar Alb-Täler weiter als ‚Armleuchterprojekt‘ zu bezeichnen – geht gar nicht; sich als Bürgermeister in abfälligem Tonfall darüber freuen, dass man keine Flüchtlinge aufnehmen müsse, ebenso wenig, befanden die Gemeinderäte von Freien Wählern und CDU, die der Bürgermeister daraufhin wenig schmeichelhaft mit dem Prädikat ‚Landeier‘ bedachte. Und schließlich ist da noch der Vorfall mit den Alb-Lichtspielen: Als der Betreiber einen Film zeigte, der sich kritisch mit der Nazi-Diktatur auseinandersetzte, wurde das Kino mit Hakenkreuzen beschmiert. Empörung bei Burladinger Vereinen, Empörung bei Burladinger Gemeinderäten – wie aber hat der Burladinger Bürgermeister reagiert?

"Nicht. Das ist negativ einzuordnen, weil Menschen in der politischen Verantwortung, in hohem Amt, haben eine Verantwortung. Schweigen sie dazu, lässt es Raum zu Interpretationen, dass es ihnen gar nicht so viel ausmacht. Und das ist gefährlich."

So Stefan Hallmayer, Intendant des Theaters Lindenhof, der sich seinen eigenen Vers auf das Schweigen des Bürgermeisters nach den Hakenkreuzschmierereien macht. Dessen Veröffentlichungen im Amtsblatt gingen zudem über das Maß des Erlaubten hinaus, glaubt Dörte Conradi von der CDU-Fraktion im Burladinger Gemeinderat:

"Sicher ist natürlich die Verwendung des Amtsblattes für persönliche Meinungsäußerungen mit rechtspopulistischen Äußerungen. Und, natürlich, ist er hier gewählt, zum Wohle der Stadt zu agieren. Und mit solchen Äußerungen, die wir inhaltlich überhaupt nicht teilen und von denen wir uns distanzieren, die er im Januar gegenüber dem Jugendwohnheim geäußert hat, schadet er Burladingen."

Bürgermeister hüllt sich in Schweigen

Längst hat der Landrat des Zollern-Alb-Kreises ein Disziplinarverfahren gegen den Burladinger Bürgermeister eingeleitet. Der wiederum hüllt sich in Schweigen zu den Vorwürfen. Vom Deutschlandfunk schriftlich um eine Stellungnahme gebeten, blieb Ebert eine Antwort bislang schuldig. Allerdings hat er bei aller Kritik durchaus auch Fans in Burladingen: In Leserbriefen bekommt er immer wieder Unterstützung. Und immerhin wurde er vor zwei Jahren mit 80 Prozent der abgegebenen Stimmen im Amt des Bürgermeisters bestätigt, allerdings bei einer Wahlbeteiligung von knapp unter 30 Prozent. Ob ein geplanter Mediationsprozess wieder Vertrauen zwischen Bürgermeister und Gemeinderat herstellen kann, erscheint zweifelhaft. Absetzen lässt sich ein Bürgermeister in Baden-Württemberg selbst durch einen Bürgerentscheid nicht; das sieht die baden-württembergische Gemeindeordnung nicht vor. Was also tun in Burladingen? Manche setzen erst mal auf Schadensbegrenzung. Denn schon macht die Schlagzeile vom "braunen Burladingen" die Runde im Land – und das ist nicht nur für CDU-Gemeinderätin Dörte Conradi auf keinen Fall hinnehmbar:

"Ich halte überhaupt nichts davon, hier einen ganzen Landstrich als braun zu bezeichnen. Das ist nicht so, da werden sie den Leuten auch nicht gerecht. Burladingen ist sehr offen, die Burladinger sind sehr engagiert. Und sie mischen sich auch ein."


Anmerkung der Redaktion: 

Kurz vor der Sendung hat sich der Burladinger Bürgermeister Harry Ebert doch noch mit einer Stellungnahme gemeldet: Er bestätig darin, im Amtsblatt Kritik an einer Unterkunft für jugendliche Flüchtlinge geäußert zu haben und fährt dann wörtlich fort: "Wenn man diese Kritik als rechtspopulistische Äußerung bezeichnen will, dann ist das halt so. Die Reaktionen aus der Bevölkerung haben haben mir gezeigt, dass ich mit Volkes Stimme gesprochen habe." In der Angelegenheit werde "viel Wind um Nichts gemacht." Die Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen ihn hat der Burladinger Bürgermeister allerdings bestätigt.

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