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StartseiteSprechstundeRadiolexikon: Fruchtzuckerunverträglichkeit06.12.2011

Radiolexikon: Fruchtzuckerunverträglichkeit

Der Fruchtzucker wird normalerweise beim Verdauungsvorgang im Dünndarm verarbeitet. Bei einer Fruchtzuckerunverträglichkeit funktioniert das nicht, dann können nach dem Essen Bauchschmerzen und Übelkeit auftreten.

Von Renate Rutta

Frisches Obst auf einem Marktstand (Stock.XCHNG / Jan Kratena)
Frisches Obst auf einem Marktstand (Stock.XCHNG / Jan Kratena)

"Ich esse jetzt Sauerkirschmarmelade. Sauerkirschen darf ich, Süßkirschen nicht. Erdbeeren darf ich auch nicht, aber ich esse sie, weil ein paar vertrag ich auch. Himbeeren esse ich auch ein paar, aber nicht mehr so viele wie damals."

"Rebecca hat früher gerne Äpfel gegessen. Das geht überhaupt nicht mehr. Und selbst wenn sie nur zwei-, dreimal in den Apfel reinbeißt, merkt sie das sofort."

"Grüne und gelbe Paprika darf ich auch nicht, Salat auch nicht mehr, obwohl ich den früher sehr gerne gegessen habe."

"Sie darf eine Aprikose, Banane darf sie und Birne darf sie."

"Tomaten, die darf ich nicht, eigentlich. Aber wenn ein Brot oder so dabei ist, dann kann ich das mitessen, und wenn Traubenzucker da drauf ist, dann vertrag ich das gut."

"Meine Tochter Rebecca ist elf Jahre alt und wir haben letztes Jahr im Marienhospital in Bonn festgestellt, dass sie eine Fructosemalabsorption hat. Das ist eine Unverträglichkeit gegen Fructose und Sorbit."

Rebecca hatte jahrelang nach dem Essen Bauchschmerzen, Übelkeit und Völlegefühl. Lange Zeit wusste keiner, dass ihre Bauchschmerzen von einer Fruchtzuckerunverträglichkeit rühren.

"So Drücken im Bauch, als wäre mein Bauch richtig voll und ich habe auch früher viel gebrochen und war viel zuhause. Und mir ist was ganz Peinliches passiert: Ich habe im Bus gebrochen. Ich habe früher immer Himbeermarmelade gegessen und Himbeeren darf ich nicht und dann habe ich Bauchschmerzen gekriegt. Meine Mutter hat gesagt, ich soll aber versuchen, in die Schule zu gehen. Dann ist es im Bus passiert. Das war so peinlich."

Enthalten ist Fruchtzucker vor allem in Obst und einigen Gemüsesorten. Der Fruchtzucker verleiht dem Obst den süßen Geschmack. Doch was passiert eigentlich genau, wenn wir Fruchtzucker essen und ihn nicht vertragen?

Normalerweise wird der Fruchtzucker beim Verdauungsvorgang im Dünndarm aufgenommen und verarbeitet. Bei Menschen mit einer Fruchtzuckerunverträglichkeit ist dieser Transport jedoch gestört, wie Antje Gahl, Ernährungswissenschaftlerin bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) erklärt:

"Beim gesunden Menschen ist es so, dass die Fructose in den Dünndarm gelangt und dort im Dünndarm gibt es einen gewissen Transporter, der nennt sich GLUT 5, der transportiert die Fructose dann von der Darmwand ins Blut. Bei Menschen, die eine Unverträglichkeit gegen Fructose haben, ist dieser Transporter entweder eingeschränkt, funktioniert nicht mehr richtig, sodass die Fructose im Dünndarm verbleibt, bzw. in den Dickdarm weiterwandert."

Die Innenwände des Darmes sind mit verschiedensten Bakterien besiedelt, die dann die Fructose zersetzen.

"Dann entstehen Produkte wie ungesättigte Fettsäuren, dann entsteht CO2 und diese Abbauprodukte, die machen dann diese unangenehmen Beschwerden, dass dann eben sich Gase bilden, dass man Bauchschmerzen bekommt, Blähungen, einen aufgeblähten Bauch, es können aber auch Kopfschmerzen auftreten, Bauchkrämpfe, das sind eben die unerwünschten Symptome."

Neben dieser häufigen Fruchtzuckerunverträglichkeit, der Fructosemalabsorption, gibt es noch die ähnlich klingende aber eher selten auftretende Fructoseintoleranz. Bei dieser angeborenen Fructoseintoleranz wird der Fruchtzucker aufgrund eines Enzymdefekts überhaupt nicht abgebaut und es kann zu schweren Leberfunktionsstörungen kommen. Die Beschwerden treten schon im Säuglingsalter auf und die Betroffenen müssen lebenslang Fructose meiden. Dagegen vertragen viele Menschen mit der häufigeren Fruchtzuckerunverträglichkeit kleine Mengen an Fruchtzucker.

Sie müssen also in den meisten Fällen nicht ganz auf Lebensmittel verzichten, die Fruchtzucker enthalten.

"Diese individuellen Toleranzgrenzen müssen abgeklärt werden. Es kommt wirklich auf die aufgenommene Menge an. Die gleichzeitige Anwesenheit von Glucose, von Traubenzucker, verbessert zum Beispiel die Aufnahme von Fructose. Also wenn da jetzt Traubenzucker drin ist oder ein Haushaltszucker drin ist, wird eine Fructosemenge besser vertragen."

Das gilt auch für eiweiß- oder fetthaltige Lebensmittel. Ein Apfel in Joghurt oder Quark wird also besser vertragen als der Apfel allein. Wie kann man nun herausfinden, ob jemand unter einer Fruchtzuckerunverträglichkeit leidet?

"Heute gibt es entsprechende Methoden mit dem sogenannten H2-Atemtest, das heißt, es wird mit Fructose belastet. Man bekommt 25 Gramm Fructose und 250 Milliliter Wasser verabreicht und über drei Stunden werden dann die Wasserstoffmengen, die dann entstehen durch die Verstoffwechslung der Fructose, über den Atem gemessen und das ist dann ein Indiz dafür, wenn bestimmte Konzentrationen auftreten, dass man auf eine Intoleranz schließen kann. Diese Tests kann man bei speziellen Ärzten machen lassen."

Wer Fruchtzucker nicht verträgt, sollte auch auf Sorbit achten. Sorbit kommt ebenfalls in manchen Obstsorten vor, wird aber auch in Süßwaren, Eis, Desserts, Gebäck, Brotaufstrichen und Kaugummi als Zuckeraustauschstoff eingesetzt. Sorbit nutzt im Darm dasselbe Transportmittel wie die Fructose und kann so die Aufnahme der Fructose verhindern und die Beschwerden verstärken. Wie viel Fructose und wie viel Sorbit in Früchten oder Gemüse enthalten ist, kann man speziellen Tabellen entnehmen.

"Es gibt Lebensmitteltabellen, wo der Fructosegehalt speziell ausgewiesen wird. Da werden sämtliche Obstarten, Säfte und verarbeiteten Produkte aufgeführt und dann wird der Fructosegehalt genannt, zum Beispiel eine Avocado, eine Aprikose, eine Mandarine, ein Apfelsaft haben soundsoviel Gramm Fructose. Das ist schon mal eine Orientierung, das heißt je mehr Fructose enthalten ist, desto vorsichtiger muss ich sein."

Mit wachsender Erfahrung kann ein Betroffener sehr gut einschätzen, welches Obst und welches Gemüse er verträgt.

"Es gibt inzwischen auch Tabellen, die nicht nur den Fructosegehalt ausweisen und den Sorbitgehalt und auch den Glucosegehalt und das Verhältnis Fructose zu Glucose benennen, weil die Glucose verbessert ja die Verträglichkeit und auch die Aufnahme von Fructose und das Sorbit, das verschlechtert noch. Wenn ich weiß, eine Himbeere enthält nicht nur Fructose, sondern auch Sorbit, ist das noch mal ein Hinweis, da muss ich aufpassen. Weil das Sorbit ja den Transporter noch zusätzlich blockiert, sollte ich also vorsichtiger sein."

Ohne Probleme vertragen werden oft Avocados, Bananen, Gurken, Möhren und gelbe Paprika. Werden die Nahrungsmittel mit einem hohen Fruchtzuckeranteil weggelassen und solche, die man nicht gut verträgt, dann verschwinden die Verdauungsbeschwerden völlig. Auch bei verarbeiteten Lebensmitteln kann man vorbeugen. Allerdings muss man bei Ketchup, Backwaren, Kaugummi, Fruchtsäften und Lightprodukten auf die Zutatenliste schauen, um zu erkennen, ob Sorbit, Fruchtsüße oder Fruchtzucker enthalten ist.

"Am Anfang dachte ich, das wird schwierig für uns, das alles umzusetzen. Aber man gewöhnt sich ganz schnell daran. Es gibt einfach Sachen, die man immer wieder kocht und Sachen, wo man weiß, das geht überhaupt nicht, aber mit so einer groben Liste ist das überhaupt kein Problem."

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