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StartseiteCorsoReh und Fuchs, vereint als Seife10.10.2013

Reh und Fuchs, vereint als Seife

"Elegies in Thoughtful Neon" - das Debütalbum von MIMU

Gefundenes, Gelesenes und die vertrackte eigene Biografie liefern der österreichischen Sängerin MIMU die Vorlage für makabre Songs. In ihrem ersten Album taucht sie in ein Nachtschattenuniversum ein - es geht um Jagdopfer und einen 20-jährigen Messerstecher.

Von Florian Werner

Als Seife enden "Deer and Fox" in Mimus gleichnamigem Lied (Stock.XCHNG - Martina Frietsch)
Als Seife enden "Deer and Fox" in Mimus gleichnamigem Lied (Stock.XCHNG - Martina Frietsch)

Dies könnte ein zärtliches Liebeslied sein. Könnte. Ist es aber nicht. Wie es überhaupt in den Liedern der österreichischen Sängerin MIMU selten zärtlich zugeht, vor allem, wenn es um Liebe geht. Elegies in Thoughtful Neon heißt ihr Debütalbum: "Klagelieder in nachdenklichem Neon". Auf dem Cover starrt dem Betrachter ein Reh entgegen. Holt man die CD aus der Hülle, liegt es tot auf dem Boden. Und auch in den Liedern selbst tritt das waidwunde Tier immer wieder auf:

"In der Geschichte von "Deer and Fox" geht es ja darum, dass der Fuchs und das Reh so dermaßen verschieden sind, dass sie zu Lebzeiten nicht zusammenfinden, bis an nen Tag, wo beide bei der Jagd erschossen werden, und das Zeug, das quasi nicht in der Modeboutique oder wo auch immer landet, das landet in der Seifenfabrik, der ganze blutige Rest, die Innereien, das Herz. Das ist das erste Mal, wo beide vereint sind, und zwar der Moment, wo beide zu einem Stück Seife gepresst werden."

Musikalisch breitet das Album weit seine Flügel aus: von kammermusikalischen Miniaturen über atmosphärischen Pop und Spoken Word bis hin zu Ambient und Noise. Thematisch geht es immer wieder um verwandte Themen: Tod. Die Vertracktheiten der Liebe. Familiäre Beziehungen. Etwa in dem Stück "Politik der Liebe", das ausschließlich aus Fragmenten aus Briefen besteht, welche die Sängerin an ihre Mutter geschrieben hat.

"Ich bin schon recht früh von daheim ausgezogen, und irgendwann so mit 27, 28 war alles mal ein bisschen schrill, und da hab ich halt angefangen, Briefe an meine Mutter zu schreiben, also ich war meistens recht betrunken, aber die prinzipielle Auflage war, es muss geschickt werden, das heißt, es ist Spiel und Ernst gleichzeitig"

Doch nicht nur die eigene, komplizierte Biographie liefert MIMU Material für ihre Songs − auch Gefundenes, Gelesenes findet den Weg in ihr Nachtschattenuniversum. Das Lied "The Boy Who Likes Horses" etwa bezieht sich auf einen Kriminalfall aus dem Jahr 2011.

"Das ist nun mal die Geschichte, dass der 20-Jährige seine Freundin mit, wie sich später rausstellte, um die 200 Stichen quasi zerlegt hat, und das Lied kam dadurch zustande, dass auf meinem Klo ein Boulevardblatt lag, und auf der einen Seite war ein Interview mit der Mutter des Opfers und auf der anderen Seite die Mutter des Täters, und beide haben eine Realität konstruiert, wo klar war, das ist wirklich extrem subjektiv (…) Am Anfang spricht die Mutter des Täters, dann spricht der Täter, dann spricht wieder 'n Erzähler, und so geht das weiter."

Und am Ende erhält sogar das Messer, das die Leiche des Opfers zerschneidet, das Wort.

In solchen Momenten scheint von Ferne der makabre Moritatensänger und Taubenvergifter Georg Kreisler herüberzuwinken. Papa Freud sitzt auch irgendwo im Hintergrund und macht sich Notizen. Und wer wäre der passende Zeichner, wollte man ein solches Album illustrieren? Schließlich ist MIMU von Haus aus Grafikerin.

"Tomi Ungerer. Der ist glaube ich komisch genug zwischen Kinderbuch und Pornographie."

MIMU: Elegies in Thoughtful Neon (Liska Records, 2013)

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