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Rosa

DVA 214 S., EUR 19,90

Rosa ist auf der Flucht. Ihren zwei Tage alten Sohn Moritz und ihren Freund Tom hat sie einfach sitzen lassen und ist aus Leipzig abgehauen. Weggerannt in ein neues Leben, denn Rosa will nicht Mutter sein. Rosa ist selbst noch ein Kind. Ein 22-jähriges Mädchen mit Spange im Haar, das lachen, tanzen, ausgehen und feiern möchte und das zu früh Mutter geworden ist.

Katharina Narbutovic

Heike Geißler erzählt in ihrem Debütroman "Rosa", für den sie bereits mit dem Alfred-Döblin-Förderpreis ausgezeichnet wurde, die Geschichte einer jungen Frau, die mit ihrer Mutterschaft überfordert ist und in einem Aufruhr der Gefühle vor sich selbst, vor ihren Problemen und ihrem Gewissen wegrennt. Nur will die Flucht nicht recht gelingen, denn Kopf und Körper lassen sich nicht so schnell ein neues Leben überstülpen. So sehr die junge Frau sich auch alles zurechtbiegt, so schnell verfängt sie sich in ihrem Netz aus runtergeschluckten Gefühlen, Verdrängung und Lüge. Unter dem Lack hat sich bereits so viel Rost angesammelt, dass der Selbstbetrug nicht lange funktioniert, Am Anfang hat Rosa gedacht, dass sie schon alles schaffen würde. Statt zu sagen, dass sie noch kein Kind möchte, hat sie sich alles schönreden lassen und am Ende selbst geglaubt, "eine zufriedene Mutter sein zu können."

Alles hatte Rosa geschafft. Kerne großen Krisen. Als alle Zweifel beseitigt schienen und Rosas Bauch von der Glückskrönung runder wurde, kam der Widerspruch von unerwarteter Seite. Er kam von tief innen, aus Rosa selbst. Rosa hat ihn geschluckt, ignoriert und weiter geschluckt. Doch irgendwann war der Batzen zu groß, der da imme^ höher Stieg, und er verstopfte Rosas Mund. Der Batzen wartete so lange, bis er sich ganz in Rosa ausgebreitet hatte, um dann zu explodieren. Eine Explosion, die Rosa davonschleuderte und Chaos zurückließ.

Rosa rennt weg und geht nach Berlin, wo sie versucht, ihr Mädchenleben fortzuführen. Sie sucht sich eine Wohnung, jobbt als Kellnerin und tut so, als habe es nie eine Geburt gegeben. Doch Rosa hat keinen Mädchenkörper mehr. Ihr Unterleib, ihre Brüste und die Milch, die sie abpumpt und in den Ausguss schüttet, erinnern sie ständig an ihre Mutterschaft. Und auch ihr Kopf macht nicht mit. Immer wieder hat sie den Blick ihres Kindes vor Augen. Ganz genau schien es zu wissen, dass auf seine Mutter kein Verlass ist. Doch Rosa will sich nicht eingestehen, dass sie vielleicht eine falsche Entscheidung getroffen hat. Statt dessen schüttet sie ihre Lügen, Ängste, Zweifel und Selbstvorwürfe so lange mit Alkohol zu, bis ihr Körper zusammenbricht. Und stürzt sich kurz darauf in das nächste neue Leben nach New York, wo sie sich ein Hotelzimmer mietet und sich einen Job als Deutschlehrerin an einer Sprachenschule sucht. Doch auch hier währt die Euphorie des Neuanfangs nicht lange.

Heike Geißler hat ein großes Gespür für ihre Figur. Es gelingt ihr, die Gedanken und Gefühle ihrer Heldin bis in die feinsten Regungen hinein aufzufächern und den Leser in einer Mischung aus innerem Monolog und erlebter Rede mitten in Rosas Welt hineinzuziehen; in die Welt einer jungen Frau, deren Gefühle in einem ewigen Wechselbad zwischen Reue, Trotz, Sehnsucht nach Geborgenheit, Selbsthass, Optimismus und Wunsch nach Perfektion schwanken. In die Welt einer jungen Frau, die ständig vor sich selbst wegrennt.

Rosa hat irgendwann den Anschluss verloren. Den Anschluss an ihr Leben. Sie hat sich nie gefragt, ob sie ihr Leben in die Hand nehmen oder alles geschehen lassen will. Es gab keine große Frage, und wenn es sie gab, bat Rosa sie nicht bemerkt oder ignoriert. Sie hätte eher begreifen müssen, dass sie nicht weiterweiß, dass sie schon vor Moritz Geburt nicht weiterwusste. Dass sie schon so lange nicht weiterwusste, keinen Plan für ihr Leben hatte und immer nur hoffte, dass alles irgendwie gut gehen würde.

Rosas Gedanken drehen sich im Kreis, bewegen sich im Käfig der Ausweglosigkeit. Heike Geißlers Roman ist durchrhythmisiert - und was anfangs noch zu gewollt wirkt, findet bald sein Maß. Heike Geißler spielt mit der Länge der Sätze und arbeitet gezielt mit Wortwiederholungen. Das Pochen der Gedanken gibt ihr dabei den Takt vor - von relativer Ruhe über Euphorie bis hin zu Panik. Je weniger Rosa den Schein wahren kann, desto gezielter marschiert sie auf die Katastrophe zu. Rosa bewegt sich so lange am Rand der Selbstauslöschung, bis sie letztendlich sich und ihre Fehler annehmen kann.

Heike Geißler hat mit Rosa einen Roman über einen langen Abschied von der Kindheit geschrieben, und ihr ist damit ein schönes, sprachlich wie inhaltlich stimmiges Debüt gelungen.

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