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Shitstorm im Netz

Zeitgemäße Kommunikation oder virtueller Pranger?

Menschen werden in sozialen Netzwerken beschimpft und an den Pranger gestellt - Shitstorm wird das genannt. Wie das neue Phänomen zu beurteilen ist, darüber diskutierten Wissenschaftler beim 13. Mainzer Mediengespräch.

Von Barbara Weber

Das Wort "Shitstorm" auf einem Computerbildschirm. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Das Wort "Shitstorm" auf einem Computerbildschirm. (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

"Shitstorm zu definieren ist nicht ganz einfach","

gibt Professor Hubertus Gersdorf, Kommunikationsrechtler an der Universität Rostock, zu bedenken:

""Es ist kein Rechtsbegriff, sodass der Betrachter recht frei ist in der Definition."

Es gibt allerdings bestimmte Merkmale, die typisch sind für einen Shitstorm.

"Kennzeichnend für Shitstorm muss eine unzulässige Meinungsäußerung sein, denn Shit steht für ein Unwerturteil, und zulässige Formen von Meinungsäußerungen sollten nicht unter Shitstorm subsumiert werden."

Konkret heißt das, das bei einem Shitstorm nicht die sachliche Auseinandersetzung im Vordergrund steht, sondern die Diffamierung einer Person.

"Also, dass was der Jurist als Schmähkritik bezeichnet, sollte man als Shitstorm ansehen. Die Besonderheit ist nur, dass diese Schmähkritik nicht nur von einer Person kommt, sondern - das steckt hinter dem Begriff Storm - eine ganze Masse an Menschen über einen anderen herfallen und ihn zu diskreditieren versuchen."

Auslöser für einen Shitstorm gibt es viele: ein Eintrag bei Facebook, ein Artikel in einer Tageszeitung, die Äußerung eines Politikers oder ein Werbespot. Professor Tobias Keber, Medienrechtler an der Hochschule der Medien in Stuttgart:

"Sie kennen vielleicht diesen Werbespot der ING-DiBa, bei dem Dirk Nowitzki eine Rolle spielt in einer Metzgerei - offensichtlich in seiner Heimatstadt, jetzt also zurückkommt, nachdem er berühmt geworden ist - und die Damen in der Metzgerei sagen: 'Na, willst Du ein Stück Wurst? Haben wir ja damals schon gesagt, damit Du schön groß wirst.' Das soll also dazu dienen, ein bisschen auf seine Größe anzuspielen."

Die Reaktion war verblüffend:

"Das führte dazu, dass auf der Facebook-Seite der ING-DiBa eine Diskussion losbrach zwischen Vegetariern und Fleischfans, ob denn jetzt der Verzehr von Fleisch im Allgemeinen und im Besonderen, eine solche Werbung, ob das geht."

Internetkommunikation ist anders als die Kommunikation über traditionelle Massenmedien wie Fernsehen, Hörfunk oder Zeitung. Jeder kann sich beteiligen oder Menschen an den Pranger stellen. Waren es vor Jahrzehnten nur die bunten Boulevardblätter, die immer wieder gegen Persönlichkeitsrechte verstießen, ist das heute kein Privileg der Presse mehr.

Ein Roman wie "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" von Heinrich Böll, in dem eine naive junge Frau sich in einen von der Polizei gesuchten Rechtsbrecher verliebt und anschließend von einer großen Boulevardzeitung diffamiert wird, wirkt seltsam aus der Zeit gefallen. Beim Shitstorm attackieren anonyme Massen das Opfer. Hinzu kommt: Im Internet kann auch jeder potenzielle Täter Opfer werden.

Hubertus Gersdorf: "Die Medienfreiheiten sind Jedermannfreiheiten geworden und dementsprechend besteht eine Gefahr, dass der Einzelne von einer großen Masse in seinen Rechten beeinträchtigt wird."

Mit diesen quantitativen Veränderungen gehen auch qualitative einher:

"In qualitativer Hinsicht haben wir auch eine ganz neue Dimension, weil die Verbreitung von Shitstorm oder anderen Äußerungen auf sozialen Plattformen eine unglaubliche Massenwirkung entfaltet, die auch noch dadurch potenziert wird, dass die klassischen Medien und auch die Suchmaschinen auf diese Informationen zugreifen, um sie weiter verfügbar zu machen."

Und noch ein Aspekt kommt hinzu: War Live-Berichterstattung bislang nur Hörfunk und Fernsehen vorbehalten, erreicht sie nun ungeahnte Reichweiten:

"… was wir derzeit sehen beim NSU-Prozess in München. Es wird live aus dem Gerichtssaal getwittert und kommuniziert. Und die letzte Besonderheit und sehr wichtige Besonderheit besteht darin, dass das Netz nicht vergisst, das heißt, die Informationen, die ins Netz gestellt worden sind, bleiben erst mal im Netz, solange sie nicht gelöscht worden sind, und auch das kann ganz nachhaltig zur Persönlichkeitsgefährdung beitragen."

Die rechtlichen Möglichkeiten hingegen sind begrenzt, meint Professor Dieter Dörr, Direktor des Mainzer Medieninstituts:

"Natürlich gelten auch im Internet rechtliche Regelungen, aber gerade Shitstorm zeigt etwas, was für das Internet auch typisch sein kann, dass wir nämlich neue Formen von anonymen Meinungsäußerungen haben, und zwar massenhaft. Also man kann zwar dagegen vorgehen, aber der Urheber ist unbekannt und deshalb ist die Frage, kann man dann vielleicht denjenigen in Anspruch nehmen, der diese Dinge in das Internet stellt oder der es jedenfalls technisch ermöglicht, dass diese Dinge über Internet verbreitet werden."

Das betrifft nicht nur Shitstorm, sondern auch Autocomplete-Funktionen bei Google, wenn zum Beispiel mit bestimmten Namen automatisch ein bestimmtes Milieu in Verbindung gebracht wird.

"Da hat gerade unlängst der BGH darüber entschieden, dass da eventuell Google eine Verantwortung trifft."

Ein Problem besteht allerdings darin, dass sich Anbieter von Kommunikationsplattformen in Länder zurückziehen können, die bestimmte Delikte nicht verfolgen.

Fazit: Ein Shitstorm kann jeden treffen, der in Netzwerken aktiv ist. Nicht zu reagieren ist eine Strategie, damit umzugehen. Einige Unternehmen verfolgen eine andere und haben Social-Media-Spezialisten eingestellt. Wie die agieren, erörtert der Medienwissenschaftler Tobias Keber an einem Beispiel:

"Wenn man es ganz geschickt macht, und da sind auch wieder die Social-Media-Manager gefragt, kann man aus einem Shitstorm einen Kandystorm machen, also es regnet dann Bonbons, das heißt, Begeisterungswellen. Die Deutsche Bahn hat das geschafft. Bei der Deutschen Bahn gab es ein Posting, indem sich eine Dame beschwert hat, und zwar recht fantasievoll, sie hat einen Abschiedsbrief geschrieben so wie an ihren Exfreund und hat gesagt, liebe Bahn, es ist Schluss, wir können nicht mehr miteinander, und die Bahn hat so reagiert, dass sie sozusagen als Exfreund geantwortet hat, lass es uns noch mal versuchen, ich komme in Zukunft pünktlich. Großartig. Da hat mal jemand nachgedacht. Und die Community nimmt das auch so auf, dass sie sagt, das ist witzig. Und das führt dazu, dass das Image dann wieder gut wird."

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