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Sizilien: Kulturverantwortliche verbaseln zwei Milliarden Euro

Kein kultureller Verwendungszweck für EU-Gelder zu finden

Von Thomas Migge

Die antiken Ausgrabungen der Villa Romana del Casale mit ihren einmaligen Mosaikfußböden gehören zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Siziliens. (picture alliance / dpa / Wolfgang Thieme)
Die antiken Ausgrabungen der Villa Romana del Casale mit ihren einmaligen Mosaikfußböden gehören zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Siziliens. (picture alliance / dpa / Wolfgang Thieme)

Die Region Sizilien in Italien ist fast pleite. Für den Erhalt ihrer wichtigsten Kunstwerke sollte die Insel zwei Milliarden Euro von der EU erhalten. Dafür hätte die Kulturverwaltung in Palermo innerhalb von fünf Jahren konkrete Projekte erarbeiten müssen. Doch das geschah nicht.

"Schließlich waren es dreieinhalb Jahre Restaurierungsarbeiten. Rund 4000 Quadratmeter Mosaiken wurden gereinigt. Das bedeutet viele Millionen Mosaiksteinchen, Stück für Stück."

Carmelo Nigrelli ist glücklich. Nigrelli ist Bürgermeister von Piazza Armerina im Herzen Siziliens. Hier befinden sich die Reste einer immensen kaiserlichen römischen Villa mit den flächenmäßig größten Mosaikfussböden der Antike. Motive der Spätantike, darunter die berühmte Darstellung drei junger Frauen, die nur mit einer Art Bikini bekleidet sind und Ball spielen.

Vor Kurzem wurden diese gereinigten Mosaikkunstwerke wieder der Öffentlichkeit übergeben. Ein großer Tag für Sizilien, erklärte vollmundig Italiens Kulturminister Lorenzo Ornaghi. Dass die Region Sizilien finanziell so gut wie pleite ist und satte zwei Milliarden Euro für den Erhalt ihrer wichtigsten Kunstwerke im wahrsten Sinn des Wortes aus dem Fenster geworfen hat – auf diesen Umstand kam der Minister nicht zu sprechen. Auch sonst niemand aus der sizilianischen Regionalverwaltung. Das Thema soll tot geschwiegen werden. Dabei geht es um einen handfesten kulturpolitischen Skandal und um unbegreifliche Schlampigkeit, klagt Kunsthistoriker Alessandro Fontana aus Palermo:

"Das war doch abzusehen, dass unsere Politiker unfähig sind, das zu tun, was sie zu tun hatten. Uns sind zwei Milliarden Euro verloren gegangen! Das waren für uns eine extrem wichtige Finanzressourcen!"

Es geht um Geld, viel Geld, dass die Europäische Union der politisch wie finanziell von Rom autonomen Region Sizilien zur Verfügung gestellt hatte. Oder genauer: zur Verfügung stellen wollte.

Damit sollten die von der Weltkulturorganisation UNESCO als Weltkulturerbe und Weltnaturerbe eingestuften Lokalitäten von Grund auf restauriert und gepflegt werden. Das sind das Tal der griechischen Tempel bei Agrigent, die äolischen Inseln, die Mosaikenvilla bei Piazza Armerina, das Val di Noto mit seinen einmaligen Barockstädten und die uralte Hafenstadt Siracusa im Osten der Insel.

"Anfangs waren alle glücklich über die Entscheidung, Sizilien diese zwei Millairden Euro zu überweisen, denn die Region hat einfach nicht die Finanzmittel um alle Kulturgüter, von denen es hier zahllose gibt, zu erhalten. Und so schien uns das Geld aus Brüssel wie ein Manna vom Himmel. Mit restaurierten Weltkulturgütern wollen wir ja auch mehr Touristen anlocken."

Doch die großzügige Überweisung aus Brüssel war an präzise Auflagen gebunden, denn die EU-Beamten wollten genau wissen, wie ihr Geld ausgegeben wird.

Obwohl die regionale Kulturverwaltung in Palermo fünf lange Jahre Zeit hatte, gelang es ihr nicht, konkrete Projekte für den Einsatz der EU-Hilfsmittel zu erarbeiten. Projekte also, die Brüssel präzise Auskunft darüber geben sollten, wo und für was man das Geld einsetzen wollte. Brüssel mahnte an und auch die UNESCO in Paris ließ nichts unversucht, um die Kulturverantwortlichen der Insel davon zu überzeugen, sich doch endlich an die Arbeit zu machen. Schließlich lief die von der EU für solche Geldüberweisungen gestellte Frist zur Erstellung von Ausgabenplänen ab - und Brüssel strich die zwei Milliarden Euro.
Dazu der Palermitaner Kunsthistoriker Claudio Zambuto:

"Jetzt besteht die Gefahr, dass zum Beispiel die griechischen Tempel von Agrigent geschlossen werden müssen, weil sie ohne Restaurierungsarbeiten in ihrer Statik bedroht sind. Wir riskieren hier ja auch, dass man diese Orte von der Liste der Weltkulturgüter streicht."

Genau diese Gefahr besteht schon seit einiger Zeit. Die UNESCO drohte bereits damit, die Zahl der Weltkulturerbestätten auf Sizilien zu reduzieren. In einem internen Bericht der UN-Behörde ist im Fall Sizilien die Rede von, Zitat, "dem nahezu totalen Fehlen von Restaurierungsarbeiten und einem kompletten Mangel an verwaltungstechnischer Organisation". Genau das ist das Hauptproblem der kulturpolitisch Verantwortlichen Siziliens: Ihnen fehlt anscheinend die Qualifikation oder vielleicht auch das Interesse, um sich um ihre Kulturgüter zu kümmern. Wie sonst kann man es sich erklären, dass sie sich ein Zwei-Milliarden-Euro-Geldgeschenk entgehen ließen?



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