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Stalins Hofnarr

Wolf-Dietrich Gutjahr: "Revolution muss sein. Karl Radek – Die Biografie"

Von Otto Langels

Radek (Mitte) wurde im Februar 1932 die Einreise in die Schweiz verboten.
Radek (Mitte) wurde im Februar 1932 die Einreise in die Schweiz verboten. (Deutsches Bundesarchiv, Bild 102-13064 , Foto: unbekannt, Februar 1932)

Karl Radek war eine faszinierende und zugleich umstrittene Personen des internationalen Kommunismus. Soweit es anhand von Quellen möglich war, hat Wolf-Dietrich Gutjahr in einer Biografie die Rätsel und Widersprüche in Radeks Leben entschlüsselt.

"Sicher einer der größten Revolutionäre aller Zeiten. Ungewöhnlich begabter Journalist. Großer Rednerdemagoge. Zugleich Aktivist – Draufgänger. Ein Dämon im Schafspelz literarischer Kultiviertheit."

So beschrieb ein Zeitgenosse, der antikommunistische Publizist Eduard Stadtler, den "genialischen Kerl", wie er Karl Radek nicht ohne Bewunderung nannte. Radek, 1885 im polnischen Galizien geboren, fand über Rosa Luxemburg den Weg zur deutschen Sozialdemokratie, reiste 1917 mit Lenin im plombierten Waggon durch Deutschland, beteiligte sich an der Gründung der KPD, kämpfte in Russland an der Seite Trotzkis gegen Stalin, unterlag und wurde nach Sibirien verbannt. Später brach er mit Trotzki, kehrte nach Moskau zurück und log als "Lohnschreiber Stalins" ungeniert für seinen Herrn, bis ihn die große Terrorwelle erfasste und er 1939 auf Befehl des Kremlherrschers im Gefängnis erschlagen wurde. Als "Prototyp eines Revolutionärs" beschreibt ihn sein Biograf, der Münchener Politologe Wolf-Dietrich Gutjahr.

"Karl Radek war sicher eine der farbigsten und unkonventionellsten Gestalten des Weltkommunismus, eine schillernde Persönlichkeit mit Bart, Lockenkopf und so gekleidet wie die Existenzialisten im vergangenen Jahrhundert. Für die einen war er das Alter Ego Lenins, manche sahen in ihm sogar den jüdischen Napoleon, für andere wie Rathenau beispielsweise war er ein gemeiner Kerl und ein schmieriger Judenjunge."

In einer umfangreichen Biografie zeichnet Wolf-Dietrich Gutjahr akribisch das Leben Karl Radeks nach, er rezipiert ausführlich seine Schriften und verfolgt minutiös die erbitterten Auseinandersetzungen in der kommunistischen Bewegung. Der Ehrgeiz, nichts auszulassen, führt freilich nicht nur zu gut 900 Seiten mit einem detaillierten Anmerkungsapparat, sondern bisweilen auch zu ermüdenden, der wissenschaftlichen Vollständigkeit geschuldeten Ausführungen. Der Mut zur kursorischen beziehungsweise zugespitzten Darstellung hätte der Biografie an manchen Stellen gut getan. Dennoch ist "Revolution muss sein" ein wichtiges Buch, weil es Gutjahr gelingt, dem Leser Radeks wechselvolle und abenteuerliche Lebensgeschichte nahe zu bringen.

Der Autor beschreibt eindrücklich, wie aus einem unbeugsamen Revolutionär ein gebrochener, dem Alkohol verfallener Zyniker werden konnte, wie der langjährige Freund Trotzkis diesen schließlich skrupellos verriet und der Gegner Stalins zum Sprachrohr des Diktators mutierte.

"Wir wissen von seiner Tochter Sonja, die ja Stalin überlebt hat, dass er Stalin eigentlich hasste und verachtete. Aber es hat doch den Anschein, dass er ihn gleichzeitig fürchtete und bewunderte. Auf jeden Fall muss man wohl sagen, dass er sich von den Verlockungen der Macht korrumpieren ließ. Um sich aus der Verbannung in Sibirien zu befreien, in die ihn Stalin ja geschickt hatte, brach er mit Trotzki und der Opposition gegen Stalin, der er sich angeschlossen hatte, und bezeichnete diesen Schritt ganz offen als politischen Selbstmord."

Die revolutionäre Bewegung, verkörpert durch die kommunistische Partei, blieb ungeachtet aller Wechselfälle der Geschichte Radeks Fixpunkt. Er war bereit, jeden Preis zu zahlen, sich Stalin zu unterwerfen und politische Weggefährten ans Messer zu liefern, um nicht völlig aus dem Dunstkreis der Macht ausgestoßen zu werden und den letzten politischen Einfluss zu verlieren. Als im August 1936 der erste große Schauprozess gegen Stalins einstige politische Weggefährten Grigori Jewsejewitsch Sinowjew, Lew Borrisowitsch Kamenew und andere Stalingegner eröffnet wurde, schrieb Radek in der russischen Tageszeitung Iswestija:

"Vernichtet dieses Geschmeiß! Das proletarische Gericht wird über die Bande bluttriefender Verbrecher das Urteil fällen, das sie hundertfach verdient haben. Leute, die gegen das Leben des geliebten Führers des Proletariats die Hand erheben, müssen ihre grenzenlose Schuld mit dem Kopf bezahlen."

Karl Radeks Opportunismus, mit derartigen Tiraden sein politisches Überleben zu sichern, erwies sich jedoch als trügerisch. Bereits wenige Wochen später saß Stalins Hofnarr selber in der Lubjanka, dem berüchtigten Moskauer Gefängnis, und wurde monatelang "bearbeitet", bis er gestand, was seine Vernehmer von ihm hören wollten. Der österreichisch-ungarische Schriftsteller Arthur Koestler – einen Renegaten der damaligen kommunistischen Partei - soll die Figur des Rubaschow in seinem berühmten Roman Sonnenfinsternis von 1946 an Karl Radek angelehnt haben. Das Drehbuch für seinen Prozess schrieb Radek selbst. Er wurde im Januar 1937 zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Dass der Schauprozess eine Farce aus Lügen und falschen Beschuldigungen war, entging jedoch beispielsweise Lion Feuchtwanger. Der prominente deutsche Schriftsteller verfolgte die Verhandlung als persönlicher Gast Stalins in einer Ehrenloge. Wolf-Dietrich Gutjahr hat Feuchtwangers Erinnerungen in die Biografie eingearbeitet:

"Als ich Radek und seine Freunde sah und hörte, zergingen meine Bedenken, wie sich Salz in Wasser auflöst. Wenn das gelogen war oder arrangiert, dann weiß ich nicht, was Wahrheit ist. Es machte den Eindruck, als hätten Angeklagte, Staatsanwalt und Richter das Gleiche, ich möchte fast sagen, sportliches Interesse, die Geschehnisse lückenlos aufzuklären."

Ein Dokument peinlicher Beflissenheit, wie Wolf-Dietrich Gutjahr zu Recht konstatiert. Das Urteil von zehn Jahren Haft bedeutete nur einen kurzen Aufschub für Radek. Lange Zeit wurde gerätselt, wann und wie er ums Leben kam. Erst als sich nach dem Untergang der Sowjetunion die Geheimarchive öffneten, kamen Berichte über seinen gewaltsamen Tod ans Licht. Er wurde am 19. Mai 1939 von einem gedungenen Mörder im Auftrag des Geheimdienstes NKWD im Gefängnis erschlagen.

"Er wurde sicherlich zum Opfer Stalins, denn auf dessen Geheiß wurde er ja umgebracht. Aber er war wohl doch mehr Täter. Die Terrormaschine, die er mit geschaffen hat, hat ihn schließlich selbst vernichtet, nicht nur ihn, auch seine politischen Freunde, seine Frau. Die einzig Überlebende war seine Tochter Sonja."

Soweit dies aufgrund der derzeitigen Quellenlage möglich ist, entschlüsselt Wolf-Dietrich Gutjahr die Rätsel und Widersprüche in Radeks Leben, ohne die kritische Distanz zu seinem Protagonisten zu verlieren. Dem Autor standen dabei Materialien zur Verfügung, die bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion nicht zugänglich waren. Gutjahrs Buch, das erste umfassende deutschsprachige Werk, ist nach der Radek-Biografie des amerikanischen Historikers Warren Lerner aus dem Jahr 1970 eine längst überfällige, lesenswerte Darstellung.

Wolf-Dietrich Gutjahr: "Revolution muss sein. Karl Radek – Die Biographie"
Böhlau Verlag,840 Seiten, 79,90 Euro, ISBN: 978-3-412-20725-0

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