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Starker Tobak

Wie Cannabis Kinder krank macht und Kranken hilft

Cannabis ist die weltweit am häufigsten konsumierte illegale Droge. In Deutschland rauchen rund 30 Prozent aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen zumindest gelegentlich mal einen Joint. Wie wirkt dieser Konsum auf junge Menschen? Macht er psychisch krank? Erzeugt er Wahnvorstellungen? Oder wird er zu Unrecht vom Staat verteufelt?

Von Kristin Raabe

Cannabis-Konsument (AP)
Cannabis-Konsument (AP)

Ist Cannabis nicht eigentlich viel harmloser als die legalen Drogen Alkohol und Nikotin? Steckt in der Hanfpflanze nicht sogar das Potenzial für ein heilbringendes Medikament?

Cannabis sativa - diesen Namen gab Carl von Linné 1753 der Hanfpflanze. Vermutlich stammt sie aus Zentralasien. Das Reitervolk der Skythen hat ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. die Pflanze in ganz Asien und Europa verbreitet. Buddha soll sich vor 2500 Jahren auf seinem Weg zur Erleuchtung lediglich von Hanf-Samen ernährt haben. Sie enthalten allerdings fast keine berauschenden Stoffe.

Als Droge ist beinahe ausschließlich die weibliche, unbefruchtete Pflanze interessant. Aus ihren getrockneten Blütenständen wird das sogenannten Marihuana hergestellt. Haschisch ist das gepresste Harz der Hanfpflanze. Außerdem lässt sich mit Lösungsmitteln aus der Pflanze das Haschischöl extrahieren. Es enthält in hoher Konzentration das sogenannte THC. Die Abkürzung steht für Delta 9 - Tetrahydrocannabinol. Das ist der chemische Name des Hauptwirkstoffs der Hanfpflanze. Vermutlich haben aber auch die anderen 66 Inhaltsstoffe von Cannabis sativa, die sogenannten Cannabinoide, ihren Anteil an den vielfältigen Wirkungen dieser Pflanze.

Wer kifft oder THC in einer anderen Form konsumiert, zeigt so einige Symptome: Die kleinen Blutgefäße erweitern sich. Dadurch wirken die Augen blutunterlaufen. Die Herzrate kann auf bis zu 160 Schläge pro Minute steigen. Gleichzeitig sinkt die Körpertemperatur. Der Appetit steigt. Aber das alles ist nicht der Grund, warum immer mehr junge Menschen Cannabis konsumieren.

Die Droge erzeugt gute Laune, Albernheit bis hin zur Euphorie. Die Wahrnehmung intensiviert sich, gleichzeitig breitet sich aber auch eine "Alles-Egal"-Haltung aus.

"Bei starkem Rauchen, Cannabisgebrauch, sammelt sich die Substanz in allen Fettteilen des Körpers an. Was ist schon Sucht, das Problem ist Cannabis wird geraucht in einem gewissen Kontext. In einer Gruppe in einer gewissen Örtlichkeit, oft ist dieser Hinweis oder dieses Signal ein viel stärkeres Signal als die körperliche Abhängigkeit, es ist was soziales und die Leute kommen an einen Ort und da wird geraucht, das ist das eigentlich abhängig machende."

Beat Lutz von der Universität Mainz untersucht schon seit etlichen Jahren die Wirkung von Cannabinoiden. Dabei interessieren ihn vor allem die Cannabinoide, die unser Körper selbst produziert. Die Rezeptoren, an die THC bindet sind eigentlich für die körpereigenen Cannabinoide gedacht. Die Cannabinoid-Rezeptoren befinden sich auch im Belohnungszentrum des Gehirns. Sie regulieren dort die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin. Und der verursacht ein angenehmes Gefühl.

"Sie sehen also, dass im Prinzip THC eine Droge ist und das körpereigene Cannabinoidsystem auch eine Droge ist, dieses System ist wichtig für den hedonistischen Aspekt des Körpers, das wir Freude haben."

Das allein macht aus Cannabis noch keine gefährliche Droge. Das Suchtpotential von Alkohol ist um einiges höher. Aber noch lange nicht so hoch wie das von Nikotin. Jeder dritte Zigarettenraucher wird süchtig. Das schaffen noch nicht einmal die sogenannten "harten Drogen" wie Kokain oder Heroin. Dagegen gleiten nur etwa zehn Prozent aller Cannabiskonsument tatsächlich in eine Sucht ab. Solche Süchtigen behandelt Euphrosyne Gouzoulis an der Universitätsklinik Köln:

"Der allergrößte Teil der Konsumenten wird nicht abhängig, das ist völlig klar, aber es gibt eine Untergruppe, die eindeutig abhängig wird. Und zwar nicht nur eine psychische Abhängigkeit. Sondern in manchen Fällen sogar eine körperliche Abhängigkeit und das heißt, dass diese Menschen, wenn sie aufhören, sogar körperliche Entzugssymptome bekommen, sie schwitzen, sie sind unruhig, sie haben ein leichtes Zittern, sie können nicht schlafen, also wir kennen solche Patienten, die auch einen körperlichen Entzug bekommen. Und bei der starken Verbreitung von Cannabis sehen wir das auch relativ häufig."

Wer nur gelegentlich - vielleicht einmal im Monat - einen Joint zur Entspannung raucht, ist ein Cannabiskonsument. Cannabismissbrauch liegt dann vor, wenn die Droge zur falschen Zeit am falschen Ort konsumiert wird. Beispielsweise während des Autofahrens oder am Arbeitsplatz. Das ist zwar riskant, aber süchtig ist man erst dann, wenn die Droge das ganze Leben bestimmt und an Aufhören nicht zu denken ist - obwohl die erwünschte Wirkung immer öfter ausbleibt.

Cannabis ist möglicherweise erst durch neue Anbaumethoden und neue Züchtungen zu einer bedenklichen Droge geworden. Ursprünglich enthielten Hanfpflanzen vielleicht 1,5 bis fünf Prozent THC. Inzwischen berichten Züchter über Konzentrationen von bis zu 33 Prozent. So stark wie heute, war die berauschende Wirkung von Cannabis vermutlich noch nie.

Die ersten schriftlichen Berichte von der Anwendung von Hanfpflanzen zu rituellen Zwecken stammen aus Indien und sind 2500 Jahre alt. Allerdings wurden auch in germanischen und keltischen Gräbern aus dieser Zeit weibliche Hanfblüten gefunden. Die Fruchtbarkeitsgöttin Freia soll in der Pflanze gewirkt haben. Vermutlich haben auch etliche Hellseher der Antike unter Einfluss von Cannabis ihre Visionen gehabt.

Später verbreiteten Napoleons Soldaten den Haschischkonsum in Europa. In Deutschland rauchte man den starken Tobak oder auch Knaster gerne in der Pfeife. So sehr wie die französischen Literaten feierte allerdings niemand die Droge Cannabis. Theophile Gautier gründete 1844 den "Club der Hascher". Zu den monatlichen Treffen im extravaganten Hotel Pimedon erschienen so berühmte Persönlichkeiten wie Rimbaud, Baudelaire, Dumas, Hugo und Balzac.

Der Konsum von Cannabis kann gute Laune oder Angst erzeugen, genauso wie ein Gefühl von Isolation oder Zugehörigkeit. Das liegt daran, dass THC in das komplizierte System der körpereigenen Cannabinoide oder auch Endocannabinoide eingreift. Beat Lutz:

"Eine wichtige Funktion, die haben wir vor ein paar Jahren herausgefunden, ist dass das Endocannabinoidsystem eine wichtige Rolle spielt bei der Anpassung des Körpers an angstvolle Ereignisse, sozusagen uns die Fähigkeit vermittelt, dass wir diese Ereignisse wieder vergessen können."

Posttraumatische Belastungsstörungen, Phobien - das sind krankhafte Angstzustände, die entstehen, wenn das Vergessen der Angst nicht gelingen will. Leider konnte bislang noch kein Joint sie kurieren. Denn die Arbeitsweise und Wirkung der körpereigenen Cannabinoide ist viel komplexer als die von THC. Das ist ungefähr so, als würde man das feine Werkzeug eines Uhrmachers mit einem Vorschlaghammer vergleichen.

Die körpereigenen Cannabinoide sind zuständig für die Feinregulation der Nervenzellen und beeinflussen so viele andere Botenstoffe in den unterschiedlichsten Hirnteilen. Im Belohnungssystem des Gehirns erhöhen sie beispielsweise die Menge des ausgeschütteten Dopamins. Sie regulieren auch die Ausschüttung der Botenstoffe GABA und Glutamat. Aber immer binden die körpereigenen Cannabinoide nur kurze Zeit an die Rezeptoren der Nervenzellen. Und natürlich auch niemals gleichzeitig in allen Hirnteilen.

"Wenn THC verabreicht wird, ist das unspezifisch - zeitlich wie auch örtlich - das heißt THC überflutet das ganze Gehirn und blockiert, wenn man so will, sogar die körpereigenen Rezeptoren und verhindert dann, die körpereigenen Cannabinoide dorthin zu binden. Die Wirkung ist komplett anders, bindet aber an den gleichen Rezeptor."

Am Beispiel Angst zeigt sich, was Cannabis auslösen kann: Niedrige Mengen von THC hemmen die Angst. Große Mengen lösen Angstzustände - manchmal regelrechte Panikattacken - aus. Nicht selten ist der erste Joint keine gute Erfahrung.

Egal ob Hauptschule, Realschule oder Gymnasium - kaum ein Schulhof, auf dem nicht auch gelegentlich gekifft wird. Und was in den Pausen geschieht, beeinflusst leider auch den Unterricht. Beat Lutz:

"THC-Verabreichung, Rauchen von Joints vermindert natürlich unsere Fähigkeit etwas Neues zu lernen. Es unterbricht sozusagen den Prozess vom Kurzeit ins Langzeitgedächtnis, das heißt, wenn jemand Cannabis raucht, dann kann es soweit kommen, dass wenn man mit ihm spricht, vier fünf Sätze, dass er nicht mehr weiß, was der Inhalt des ersten Satzes war, das Kurzzeitgedächtnis kann sich nicht formieren und dadurch auch nicht das Langzeitgedächtnis."

Solange THC im Körper wirk, ist Lernen eine Unmöglichkeit. Auch wenn der eigentlich Rauschzustande schon längst vorbei ist. THC bindet immer noch an die Cannabinoidrezeptoren im Gehirn und blockiert so den Transfer von Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis. Bis diese Wirkung nachlässt vergehen Tage, manchmal Wochen, in denen kaum etwas gelernt werden kann.

Jahrelang das körpereigene Cannabinoidsystem lahm zu legen - das muss Spuren im Gehirn hinterlassen. Die sind allerdings nicht so ohne weiteres sichtbar. Erst in der Röhre eines Kernspintomographen zeigt sich, dass das Gehirn von langjährigen Cannabiskonsumenten anders arbeitet. Christian Schuetz konnte das an der Universitätsklinik Bonn nachweisen.

"Es hat in Voruntersuchung sich gezeigt, dass bei bestimmten Arten von Entscheidungsfindung, die Patienten zwar nach außen hin genauso gute Ergebnisse bringen, aber im Kernspintomographen, Unterschiede zu den Kontrollen zeigten. Also das gleiche Ergebnisse über andere Hirnmechanismen ablaufen."

Die Cannabiskonsumente hatten in einigen Bereichen komplett andere Aktivierungsmuster, einige Hirnstrukturen waren aktiver, andere weniger aktiv als bei Versuchspersonen, die nie Haschisch oder Marihuana konsumiert hatten. Die stärkere Aktivierung in einem Hirngebiet könnte möglicherweise dazu dienen, die Defizite in einem anderen Hirnareal auszugleichen.

Die stärksten Effekte verursacht Cannabis wahrscheinlich in besonders jungen Gehirnen. Es gibt Studien, die zeigen, dass Konsumenten, die vor dem 17 Lebensjahr anfingen, Cannabis zu rauchen ein niedrigeres Hirnvolumen aufwiesen, als Personen die später mit der Droge in Kontakt kamen.

Besonders dramatisch sind die Effekte von THC für das ungeborene Kind, wenn Schwangere Cannabis konsumieren. Denn die körpereigenen Cannabinoide spielen bei der Entwicklung des Gehirns eine wichtige Rolle: Sie greifen in die Vermehrung der Nervenzellen ein und sorgen dafür, dass Hirnzellen Fortsätze bilden. Die körpereigenen Cannabinoide sind dann so eine Art Wegweiser, der den Fortsätzen der Nervenzellen zeigt, mit welcher Zielzelle, sie sich verschalten müssen. Beat Lutz:

"Es gibt Tierexperimente, wo man eine schwangere Ratte einmal mit THC spritzt in einem ganz bestimmten Zeitfenster der Schwangerschaft und da passiert eigentlich nichts, die Ratten werden geboren, und man kann dann später feststellen, dass diese Ratten Verhaltensänderungen zeigen. Das heißt also eine Injektion kann zu einer permanenten Veränderung dieser Ratten führen."

Praktisch das gesamte Leben lang, bilden Nervenzellen im Gehirn neue Verschaltungen. Das ist ein Mechanismus, durch den wir lernen. Dabei sorgen die körpereigenen Cannabinoide für die korrekte Verknüpfung der Nervenzellen. Besonders aktiv sind sie im Gehirn von Heranwachsenden. Deswegen verursacht der THC-Konsum bei Ihnen auch die größten Schäden.

"Wenn jemand recht früh beginnt Cannabis zu rauchen. Das zeigen sehr viele Studien, dass gerade diese jungen Leute, die vor dem 15. Lebensjahr begonnen haben regelmäßig zu konsumieren. Dass die ein hohes Risiko haben, später eine Psychose zu entwickeln."

Euphrosyne Gouzoulis erforscht das Phänomen der Cannabis induzierten Psychose schon seit einigen Jahren. Typisch für eine psychotische Erkrankung sind Halluzinationen.

Die Betroffenen interpretieren ihre Umwelt völlig neu, beziehen alles auf sich. Häufig kommen paranoide Wahnvorstellungen hinzu. Diese Symptome treten auch dann noch auf, wenn die Wirkung der Droge längst abgeklungen ist. Dabei haben die Experten lange diskutiert, ob Cannabis tatsächlich eine Psychose auslöst oder ob Menschen, die unter den ersten Symptomen einer psychotischen Erkrankung leiden, Cannabis konsumieren, um diese Symptome zu lindern. Etliche Studien haben inzwischen aber gezeigt, dass die sogenannte "Selbstmedikation" eher die Ausnahme ist.

"Bei den meisten Patienten hat man tatsächlich den Eindruck, dass der Drogenkonsum eher die Psychose anschiebt als andersrum."

Um eine Psychose zu bekommen, reicht der Cannabiskonsum alleine allerdings nicht aus. Gefährdet sind nur Menschen, die eine Veranlagung zu einer Psychose haben.

"Das heißt, es kann durchaus sein, dass manche Menschen, die mehr oder weniger regelmäßig konsumieren, keine Komplikationen entwickeln, keine gesundheitlichen Probleme entwickeln und andere Menschen, die genauso viel oder sogar weniger konsumieren, die kriegen dann das Problem."

Bei einem regelmäßigen Cannabiskonsum, der bereits früh beginnt, kann das Risiko an einer Psychose zu erkranken um 41 Prozent steigen. Das hat eine kürzlich in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichte Analyse mehrerer Studien ergeben. Dieses Ergebnis legt natürlich nahe, dass mit dem steigenden Cannabiskonsum in den letzten Jahren auch die Anzahl der Patienten mit Psychosen zugenommen hat. Überprüft wurde das in einer Gegend im Süden Londons.

"Es ist tatsächlich so, dass in dieser Region, die sozial auch eine schwierige Region ist, der Drogenkonsum und auch der Cannabiskonsum sehr stark ist. Und das ist eine mögliche Erklärung für diesen Befund, dass das Auftreten von Psychosen in dieser Region sich verdoppelt hat in den letzten 30 Jahren und deutlich höher ist als das neu auftreten von Psychosen in anderen Regionen in England."

Bei manchen Patienten verschwindet die Psychose, wenn sie aufhören Cannabis zu rauchen. Bei den meisten läuft die Psychose allerdings weiter, auch wenn sie es schaffen von ihrer Cannabissucht loszukommen. Der Weg zur Abstinenz ist dabei steinig und erfordert eine besondere Form der Therapie. Euprosyne Gouzoulis

"Bei Patienten mit Psychosen ist es ja so, dass die Behandler sehr unterstützend sind. Sie gehen davon aus, dass die Patienten bestimmte Dinge alleine - ohne Hilfe - nicht so gut schaffen können, und das ist so ein grundsätzliches Problem, dass klassische Behandlungen für Suchtprobleme immer auch konfrontativ sind. Man konfrontiert den Patienten auch mit seiner nicht sehr guten Motivation, um abstinent zu bleiben, man gibt ihm immer wieder die Verantwortung für sein Leben und seinen Verlauf zurück. Das ist natürlich bei einem Patienten, der mit einer Psychose schwer krank ist und auch ein Suchtproblem hat, schwieriger. Man muss immer so einen Zwischenweg nehmen und je nach Situation nach Gewichtung eines Problems bei einem Patienten zwischen zwei Prinzipien so wie ein Seiltänzer gehen."

Wenn der Patient es nicht schafft, seine Cannabisabhängigkeit zu bewältigen, kann sich auch die Psychose nicht bessern.

"Die Rückfallgefahr ist sehr groß. Es ist einfach so, dass Cannabis in der Bevölkerung zum Teil immer noch als etwas harmloses gesehen wird, und so hören das auch unsere Patienten zum Teil von ihren Freunden und sie sehen dass natürlich auch, dass manche Bekannte, auch Cannabis konsumieren und eben keine Psychose kriegen. Und sie müssen lernen, dass eben für manche Menschen das Risiko geringer ist, weil sie eben diese Veranlagung für eine Psychose nicht haben, aber für sie selber ist es durchaus sehr riskant und problematisch, weil die eben nun mal diese starke Veranlagung haben. Und bis die Patienten dass akzeptiert haben, ist die Rückfallgefahr sehr groß."

Einige Studien haben gezeigt, dass der Konsum von Haschisch oder Marihuana der stärkste Auslöser für eine erneute psychotische Krise ist. Stärker als Stress oder andere Faktoren, die eine Psychose begünstigen.

Die medizinische Anwendung der Hanfpflanze geht fast 5000 Jahre zurück. Im Jahr 2737 vor Christus empfahl der chinesische Kaiser Sheng-Nung Hanf gegen Malaria, Rheuma und bei Entzündungen. Der Leibarzt des römischen Kaisers Nero soll Cannabis als Schmerz- und Beruhigungsmittel verabreicht haben. Auch Hildegard von Bingen und Martin Luther kannten die medizinische Wirkung der Hanfpflanze. Die englische Königin Viktoria soll mit Cannabis ihre Menstruationsbeschwerden gelindert haben. Noch 1937 wurde Cannabis in Deutschland bei über 100 Krankheitsbildern verschrieben. Vier Jahre später strich man die Pflanze dann von den Medikamentenlisten.

Je jünger ein Mensch ist, desto gefährlicher ist der Konsum von Cannabis. Bei Erwachsenen kann ein maßvoller Konsum dagegen auch viel Gutes bewirken. Aidspatienten, die gelegentlich niedrige Dosen Marihuana konsumieren, haben wieder Appetit. Krebspatienten leiden während einer Chemotherapie unter weniger Nebenwirkungen, wenn sie hin und wieder einen Joint rauchen. Cannabis senkt bei Patienten mit einem Glaukom den Augendruck. Beat Lutz.

"Das ist zum Beispiel bei der Multiplen Sklerose. Da gibt es viele Patienten, die rauchen nicht viel, aber die haben eine gute Wirkung. Es gibt auch viele Patienten mit Crohn-Erkrankungen, Darmerkrankungen, dass sind dann entzündliche Erkrankungen und da muss man sagen, dass sieht gut aus."

Bei all diesen Anwendungen von THC bleibt ein Problem: Der Konsum von Haschisch oder Marihuana löst einen Rausch aus - und das ist in der Medizin eine unerwünschte Nebenwirkung. Außerdem ist ein Joint für die Lunge ungefähr fünf mal schädlicher als eine normale Zigarette. Das ergab eine kürzlich veröffentlichte neuseeländische Studie an über 300 Versuchspersonen.

Die medizinische Anwendung von Cannabis in Form von Joints ist also nur bei schweren Erkrankungen vertretbar und in Deutschland bislang nur in wissenschaftlichen Studien erlaubt. Einige Patienten erproben allerdings im - illegalen - Selbstversuch, ob und wie viel Haschisch ihnen hilft.

"Ja die Epilepsieforschung ist natürlich ein anderes interessantes Thema. Da gibt es sehr viele Patientenberichte. Ich habe auch ein paar getroffen und die sagen ganz klar, also sie spüren, wenn irgendwas im Anmarsch ist. Und die rauchen wenig. Nicht einmal einen ganzen Joint und dann sind sie sozusagen wieder entspannt und merken es hat gut getan und sie kriegen für mehrere Tage keinen epileptischen Anfall. Bei anderen wirkt das nicht gut. Es kann sogar die Situation verschlimmern. Die Patienten finden heraus, ob es gut ist oder nicht."

Bislang ist es noch nicht gelungen, künstliche Cannabinoide herzustellen, die medizinisch ähnlich nutzbringend sind wie die Inhaltsstoffe der Hanfpflanze. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass für die Cannabis-Wirkung das Zusammenspiel von allen 66 natürlichen Cannabinoiden notwendig ist. THC ist dabei sicherlich nicht die nützlichste Substanz. Beat Lutz:

"Die heutigen Arten von Cannabis haben ja bis zu 10 Prozent der Cannabinoide sind THC, das ist extrem hoch. Nun was ist der Rest: Das sind auch Cannabinoide. Da gibt es eine Substanz aus Cannabisextrakt, das ist das Cannabidiol, das hat keinen Einfluss auf den Cannabinoidrezeptor aber es gibt eine klinische Studie, die zeigt, das eine gute hohe Dosis an Cannabidiol antipsychotisch wirkt. Die hohen Dosen von THC sind sicherlich eher schlecht."

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