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Subjekt und Objekt miteinander verbunden

Vor 50 Jahren starb der französische Phänomenologe Maurice Merlaeau-Ponty

Von Anja Kampmann

Eine Hornbrille liegt auf einem Terminplaner
Eine Hornbrille liegt auf einem Terminplaner (Stock.XCHNG / Matt Aiello)

Maurice Merleau-Ponty ist heute im Diskurs der Kunst-, Sozial- und Neurowissenschaften gegenwärtig. Grund hierfür ist ein Fragen, in dem der Philosoph Umwege riskierte, um über Erkenntnisse aus Psychologie und anderen Wissenschaften den Fragehorizont seines eigenen Denkens neu zu bestimmen.

"Ich möchte zeigen, dass die Wahrnehmungswelt in hohem Maße von uns unerkannt bleibt, solange wir in der praktischen Einstellung verharren, dass es viel Zeit, Anstrengung und Bildung bedurfte, um diese Wahrnehmungswelt freizulegen. Es gehört meiner Ansicht nach zu den Verdiensten der modernen Kunst und des modernen Denkens, dass wir die Welt wiederentdecken, in der wir leben und die wir doch ständig zu vergessen geneigt sind."

Maurice Merleau-Ponty in einem Radiovortrag 1948. Der französische Philosoph setzt das Phänomen der Wahrnehmung in den Mittelpunkt seines Denkens. Die sinnliche Erfahrung macht er zum Ausgangspunkt seiner Studien - auf der Suche nach einer lebendigen Philosophie, in der der Mensch nicht mehr fremder Zuschauer seiner Welt ist, sondern diese unmittelbar erfährt.

Schon 1929, als junger Student, hört Merleau-Ponty eine Gastvorlesung des Philosophen Edmund Husserl an der Sorbonne in Paris. Mit dessen Ansatz, die unmittelbare Betrachtung als Grundlage für seine Anschauung zu nehmen, setzt sich Merleau-Ponty intensiv auseinander. In seinem späteren Werk sind für ihn Philosophie, Kunst und Literatur gleichermaßen Ausdruck einer subjektiv erfahrbaren Realität:

"Wir lernen wieder, diese Welt um uns herum zu sehen, Erneut werden wir auf den Raum aufmerksam, in dem wir uns befinden, und der allein aus einer begrenzten Perspektive, natürlich der unsrigen, betrachtet wird, der aber zugleich unser Aufenthaltsort ist und zu dem wir einen leiblichen Bezug haben."

Am 14. März 1908 in Rochefort-sur-Mer geboren, zieht Maurice Merleau-Ponty nach dem frühen Tod seines Vaters mit seiner Mutter nach Paris, wo er 1926 für die renommierte École normale supérieure zugelassen wird. Als junger Student lernt er dort Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir kennen. Mit ihnen gründet er im Oktober 1945 die Zeitschrift "Les Temps Modernes", die zu einer der angesehensten Kulturzeitschriften nach dem zweiten Weltkrieg wird. Im selben Jahr, 1945, promoviert er mit der Phänomenologie der Wahrnehmung. Er beschäftigt sich intensiv mit der Psychologie seiner Zeit und setzt sich dafür ein, das Bewusstsein von Kindern als etwas Eigenständiges anzuerkennen und ihr Empfinden nicht auf das eines keinen Erwachsenen zu reduzieren. Drei Jahre ist er Professor für Kinderpsychologie und Pädagogik an der Sorbonne, bevor er 1952 zum Professor für Philosophie am berühmten Collège de France berufen wird. Literatur und Malerei rücken nun ins Zentrum seines Interesses:

"Wenn sich seit Cézanne zahlreiche Maler weigerten, sich dem Gesetz der geometrischen Perspektive zu beugen, dann deshalb, weil sie die Geburt der Landschaft unter unseren Augen wiedererfassen und wiedergeben wollten, und weil sie den Stil der Wahrnehmungserfahrung selbst wieder einholen wollten."

Im Ausdruck, so Merleau-Ponty, wird deutlich, dass Subjekt und Objekt miteinander verbunden sind - wie zum Beispiel beim Apfel, den der Maler immer wieder neu und anders sehen kann.

1953 kommt es zum Bruch mit seinem langjährigen Freund Jean-Paul Sartre. Eine abweichende Einschätzung politischer Ereignisse, sowie unterschiedliche Haltungen zum Kommunismus haben ihre Freundschaft belastet. 1953 stirbt Merleau-Pontys Mutter, zu der er eine enge Beziehung hatte. Seine Publikationstätigkeit flaut ab, er veröffentlicht noch wenige wichtige Aufsätze, in denen er, auf der Suche nach einer neuen Ontologie, seine Grundgedanken weiterführt. 1959 widmet er sich verstärkt der Arbeit an "Das Sichtbare und das Unsichtbare", die er nicht mehr abschließen kann. Am 3. Mai 1961 stirbt Merleau-Ponty unerwartet an einem Herzschlag.

Als "Zeuge seines eigenen Fragens" wie er sich selbst nannte, hat Maurice Merleau-Ponty Themen aus der Soziologie, der Psychologie und der Wahrnehmungsforschung in seine Werke mit aufgenommen. So ist es sein Verdienst, die Philosophie für Fragestellungen anderer Wissenschaftsbereiche geöffnet zu haben. Die Faszination, die diese Weise zu philosophieren heute auslöst, zeigt sich in Merleau-Pontys Rezeption. Seine Ansätze werden in den Kunst- Sozial- und sogar den Neurowissenschaften vertieft und finden über das Fachgebiet der Philosophie hinaus weltweite Anerkennung.

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