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StartseiteMusikjournalKindermund tut Noten kund26.02.2018

Symposion "Kinder- und Jugendstimme" Kindermund tut Noten kund

Eine gesunde Kinder- und Jugendstimme ist die Voraussetzung für gutes Singen. Das gilt nicht nur für den klassischen Gesang. Deswegen wurden neben Gesangsstilen auch Stimmtechniken und Stimmgesundheit auf dem Symposion "Kinder- und Jugendstimme" in Leipzig diskutiert.

Von Claus Fischer

Der sechsjährige Darlington (links) und der gleichaltrige Marvin aus der Frankfurter Kita "Kantapfel" singen am 11.03.2014 in Frankfurt am Main (Hessen) auf der Musikmesse bei der jährlichen Mitmachaktion "music4kids" in ein Mikrofon. (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)
Wenn Kinder heute singen lernen wollen, dann meistens Pop und nicht Oper, Oratorium oder Kunstlied (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)
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"Der Vorteil ist, dass die Veranstaltung interdisziplinär ist", betont Michael Fuchs. "Wir verstehen uns als Podium für das Zusammenfinden von Stimmtherapeuten und Stimmwissenschaftlern auf der einen Seite. Es sind also Ärzte, Hals-, Nasen-, Ohrenärzte, Phoniater, Pädaudiologen, Logopäden, Stimmtherapeuten da. Und Musikpädagogen im allerweitesten Sinn auf der anderen Seite. Also wir haben Musiklehrer, wir haben Musikschullehrer, wir haben Chorleiter, wir haben Stimmbildner an Bord, wir haben Sänger natürlich an Bord, wir haben Psychologen, die zu uns kommen. Also insofern ist das ein Podium, wo jeder von jedem etwas lernen kann."

Dass eine gesunde Kinder- und Jugendstimme die Voraussetzung für gutes Singen ist, das versteht sich von selbst. Es gilt aber längst nicht mehr nur für den klassischen Gesang. Wenn Kinder und Jugendliche heute den Wunsch äußern, "singen" zu lernen, dann, so Michael Fuchs, meinen sie dabei häufig nicht Oper, Oratorium oder Kunstlied.

Gesangslehrer müssen auf veränderte Bedürfnisse reagieren

"Die Herausforderung ist, dass Kinder heute mit dem Wunsch kommen, Pop zu singen. Die wollen Jazz singen, die wollen Musical singen – und zwar so, dass das auch wie ein Musical klingt und nicht wie ein Kinderchor, der sonst Kinderlieder singt. Und das stellt natürlich einerseits die Gesangspädagogen vor eine Herausforderung – die kommen ja oft mit einem klassischen Ausbildungshintergrund und müssen sich weiterbilden in diesen Stilistiken. Andererseits natürlich auch die Stimmtherapeuten und Stimmärzte, denn falsches Singen, ganz gleich in welcher Stilistik, hat nun einmal die Gefahr, an einem wachsenden Stimmapparat Schaden anzurichten."

So beschäftigte man sich beim Symposion zunächst mit dem Ursprung des Singens, nämlich der kindlichen Sprechstimme. Susanne Voigt-Zimmermann, Professorin für Sprechwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg sprach über "funktionelle Dysphonie" bei Kindern. Eine Stimmstörung, die sich in zu lautem, meist schreienden Sprechen äußert. Lange wurde angenommen, dass rein körperliche Ursachen und keine seelischen dahinterstecken.

"Ich habe herausgearbeitet, dass nicht das Schreien zuerst war, sondern die Ursache für das Schreien. Und diese muss therapiert werden, denn sonst ist es nur eine Arbeit am Symptom, und das ist ein Kratzen an der Oberfläche."

Das laute schreiende Sprechen – es kann zum Beispiel ein Signal der Vernachlässigung des Kindes sein.

"Dass Kinder über einen anderen Weg nicht sich mitteilen können, dass sie über einen anderen Weg es nicht schaffen, einen Auftrag an die Familie, beispielsweise an die Eltern zu schicken, sich um es zu kümmern."

Susanne Voigt-Zimmermann konnte dank ihrer Forschungsergebnisse zahlreiche Kinder von Stimmstörungen befreien – vorausgesetzt die Eltern waren zur aktiven Mitarbeit bereit.

"Da es bei der Therapie dieser Art von funktioneller Dysphonie darum geht, das Selbstwertgefühl des Kindes zu stärken, die kommunikativen verbalen Fähigkeiten zu stärken und den eigenen Ausdruck zu stärken."

Das ist eine Aufgabe, bei der im fortschreitenden Alter des Kindes auch und gerade die Schule gefordert ist, betonte der in Graz geborene Schauspieler und Sprechtrainer Walter Prettenhofer in seinem Referat.

"Dass also der Literaturunterricht nicht nur auf der literaturwissenschaftlichen Seite abgehandelt wird, sondern durchaus auch sinnlich, gesamtkörperlich, stimmlich-sprecherisch aufbereitet wird."

Anhand von Beispielen aus Kanada und Luxemburg zeigte Walter Prettenhofer, dass auch an staatlichen Regelschulen in Deutschland weit mehr für eine gesunde Entwicklung der Sprechstimme von Kindern getan werden könnte. Aber leider sind die Lehrer dafür oft nicht ausreichend qualifiziert.

Wissensdefizite im Popbereich

Der nächste Schritt stimmlicher Bildung kann dann zum Gesang führen, betont der Leiter des Leipziger Symposions Michael Fuchs. Und da ist es zunächst egal ob es um klassischen oder um Popgesang geht.

"Wir glauben, dass es eigentlich ideal ist, von einer gemeinsamen Grundausbildungssituation der Stimme, wo das Kind auch lernt, seine eigene Stimme wahrzunehmen, auch das Besondere in der eigenen Stimme zu entwickeln, was ja gerade im Popgesang wichtig ist, authentisch zu sein, dass es von dort ausgehen kann in die ganz verschiedenen Stilistiken. Das Problem ist natürlich, dass viele der Gesangspädagogen, die heute tätig sind, einen klassischen Ausbildungshintergrund haben und nur wenige im Vergleich einen Pop-Ausbildungshintergrund haben."

In einem von vier Workshops im Rahmen des Leipziger Symposions konnten sich Interessierte weiterbilden, indem sie zunächst ganz zwanglos einen Song der US-amerikanischen Pop-Sängerin Beyoncé einübten. Sascha Wienhausen, Professor für Pop- und Musicalgesang an der Musikhochschule Detmold übertrug dabei Erkenntnisse der Wissenschaft in Sachen klassischer Musikausbildung auf den Bereich des populären Gesangs.

"Also, ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und gar nicht sagen: Wir weiten die Ergebnisse der Forschung auf den Popgesang aus, sondern Popgesang tut etwas, was wiederum Forschung provoziert hat. Also im Popgesang gibt es bestimmte Qualitäten, Stimmhandhabungen, die man eigentlich sonst noch gar nicht kennt im klassischen Gesang und die jetzt so langsam implementiert in die pädagogischen Tools."

So ging es im Workshop von Sascha Wienhausen, dessen Teilnehmer fast alle aus dem Klassikbereich kamen, um sogenannte "Reduced Sounds".

Singen wie Grönemeyer und dabei gesund bleiben

"Man kann gedämpfte Klänge sagen oder zurückgehaltene Klänge. So was, was ein Herbert Grönemeyer auch den ganzen Tag macht. Das sind so leicht reduzierte Klänge, die nicht ganz so offensiv sind, aber schön geführt klingen und in einer sehr, sehr hohen Lage produziert werden können. Die Vokale müssen sehr groß artikuliert werden, wir müssen so ein bisschen so ein etwas überstütztes Gefühl haben, so ein 'Hold-Gefühl', wir halten den Ton zurück, wir haben eine etwas geradere Tonformung, nicht so ganz senkrecht, sondern gerader. Da gibt es so ein paar Tools, mit denen man das eigentlich triggern kann."

Dass solche Klänge aus der Popmusik womöglich ungesund für die Stimme sein könnten – das, so Sascha Wienhausen, ist nichts weiter als ein Vorurteil.

"Es gibt so viele berühmte Popsänger, die ihr Leben lang sehr, sehr gesund singen. Es kann also nicht die Musik sein, es kann nicht die Art sein, die Stimme zu behandeln. Hörgewohnheiten müssen wir nochmal neu überdenken, wenn wir darüber sprechen, was gesund und was krank ist!"

An diesem Punkt können auch Erwachsene von Kindern und Jugendlichen lernen, die auf Musik, egal ob klassisch oder populär, meist unbefangen reagieren. Hanna Kirsch, Musikerzieherin aus Würzburg nimmt, wie sie sagt, aus dem Workshop mit Sascha Wienhausen gute Anregungen mit nach Hause.

"Es hat echt Freude gemacht und es war – angenehm! Also es war stimmlich angenehm, es war nicht so dieses Pop-Gesang-(Klischee), so 'Boah, die ziehen die Brustimme hoch und das geht nicht und dann wird man krank', sondern es war sehr gesund!"

Lehrer mit kranken Stimmen produzieren schlechtere Schüler

"Wir bemühen uns, Wege aufzuzeigen, wie eben auch in der nicht so vertrauten Stilistik ja eine Methodik erlernt und weitergegeben werden kann, die eine Stimmgesundheit garantiert."

So fasst Leiter Michael Fuchs die Debatten dreier Tage in Leipzig zusammen. Und er verbindet dieses Fazit mit dem Appell an die zuständigen Politiker in den Bereichen Gesundheit und Bildung, die Entwicklung der Kinder- und Jugendstimme stärker in den Fokus zu rücken.

"Wir wünschen uns, dass ein Mensch, der in einem pädagogischen Beruf später tätig sein wird, in seiner Ausbildung etwas über das Instrument Stimme kennen lernt. Es gibt ganz harte Daten, die zeigen: Kinder, die bei Lehrern mit kranken Stimmen lernen, haben schlechtere Lernergebnisse! Das muss man der Politik letztlich klarmachen! Und das viele Geld, dass wir investieren müssen, um kranke Stimmen zu therapieren, könnten wir viel besser einsetzen in der Ausbildung, um die gar nicht krank werden zu lassen!"

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