Kultur heute / Archiv /

 

Tierische Erziehung

100 Jahre Biene Maja und was sie uns heute noch sagt

Von Burkhard Müller-Ullrich

Die Geschichte der Biene Maja ist inzwischen schon 100 Jahre alt
Die Geschichte der Biene Maja ist inzwischen schon 100 Jahre alt (picture alliance / dpa / Studio 100 Media)

Nicht immer war die Biene Maja so niedlich wie in den Zeichentrickfilmen: Die vor 100 Jahren erstmals erschienene Romanvorlage von Waldemar Bonsels ist völlig humorfrei - und mündet in der Erkenntnis, dass das Leben aus nichts anderem besteht als Fressen und Gefressenwerden.

Zwei Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs erschien dieses Buch, vier Jahre vor Verdun, doch es klingt bereits nach dem Kommenden, jedenfalls im Schlusskapitel "Die Schlacht der Bienen und Hornissen". Da werden Treue zum Volk und Tapferkeit der Soldaten beschworen, da wird massenhaftes Sterben im Kampf geschildert, und da ist vom "glühenden Verlangen, den alten Todfeinden mit ganzer Kraft zu begegnen" die Rede. Gewaltverherrlichung für Kinder ab sechs.

Auch der Rest ist nicht ohne, wie die meisten Kinderbücher früher: angefangen mit Grimms Märchen, die von Gewaltexzessen und Kannibalismus strotzen, über Wilhelm Buschs Brutalo-Comics bis zum Struwwelpeter, den ein medizinisch gebildeter Vater für seinen dreijährigen Sohn gezeichnet und getextet hat. "Die Biene Maja" ist allerdings im Gegensatz zu einigen der vorgenannten Werke völlig humorfrei. In einem Ton süßlicher Manierlichkeit erzählt Waldemar Bonsels die Abenteuer der kleinen Ausreißerin, die allesamt in die Erkenntnis münden, dass Leben in nichts anderem besteht als Fressen und Gefressenwerden.

Dazu dient in erster Linie die tierische Perspektive. Sie hat in der Literatur eine lange Tradition. Von Äsop über Lafontaine bis zu Orwell haben Dichter immer wieder Tierfiguren mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet, um damit Menschliches, Allzumenschliches in umso größerer Deutlichkeit zu zeigen. Es ging um Fragen der Moral - gewissermaßen in Reinkultur. Bei Waldemar Bonsels hingegen geht es vor allem um Tatsachen der Biologie, gewissermaßen unter Weglassung der Moral. Seine "Biene Maja" erschien nur zwölf Jahre nach Nietzsches Tod und 30 Jahre nach dem von Charles Darwin, dessen Schriften über die nahe Verwandtschaft zwischen Tier und Mensch das Selbstbewusstsein der Menschheit tiefgreifender und nachhaltiger ankratzten als irgendeine andere wissenschaftliche Lehre.

Seitdem gibt es zwei gegenläufige, aber vom Prinzip her ähnliche Bewegungen im abendländischen Denken: Die eine versucht den biologischen Determinismus, dem die Tiere unterliegen, auf die Menschenwelt auszudehnen, wobei es zunächst gleichgültig ist, ob dieser Determinismus eher auf einem genetischen Code oder eher auf Verhaltensprogrammierung durch das jeweilige Umfeld beruht. Die andere Denkbewegung zielt darauf ab, die ganze ethische Ausstattung des Menschen in die Tierwelt zu übertragen.

So arbeiten Juristen daran, die Tiere als Rechtssubjekte anzuerkennen; ein Platz im deutschen Grundgesetz wurde dem Tierschutz schon vor zehn Jahren eingeräumt. Diese Aufwertung der Tiere zu essbaren Mitbürgern hat zweifellos belustigende Effekte. Doch es spiegeln sich darin sowohl die individuelle Seelennot alleinstehender Tierhalter in anonymen Stadtwohnungen als auch die herrschende philosophische Desorientierung in Bezug auf das Wesen des Menschen. Wegen der Stammzellenforschung wissen wir nicht mehr, wann der Mensch anfängt, Mensch zu sein, und durch die Sterbehilfediskussion wird immer fraglicher, wann er damit aufhört. Auch der religiöse Glaube an einen göttlichen Schöpfungsplan schwindet - und damit die klare Vorstellung von der Stellung des Menschen in der Gesamthierarchie.

Zwischen der Vermenschlichung von Tieren und der Vertierung der Menschen besteht ein sachlicher und historischer Zusammenhang, dessen furchtbarste Ausprägung im Nationalsozialismus zutage trat. Nicht von ungefähr wurde das weltweit erste Tierschutzgesetz 1933 in Deutschland verabschiedet. Da war Waldemar Bonsels 53 Jahre alt und, dank Biene Maja, ein wohlhabender Mann. Dass er sich dann den Nazis an den Hals warf, hatte allerdings wohl weniger ideologische Gründe als lebenspraktische: Er hoffte, seinen erworbenen Wohlstand zu sichern und unbehelligt von SA-Stiefeln genießen zu können - ein paar schlechte Erfahrungen hatte er mit ihnen auch gemacht.

Dass opportunistische Anbiederung nichts nützt, hätte er freilich seinem eigenen Buch entnehmen können. Da reden Insekten zwar in wohlgesetzten und höflichen Worten, aber mit automatenhafter Seelenlosigkeit davon, dass immer eins das andere umbringt. Übrigens fehlen Majas niedliche Begleiter Willi und Flip, die man von der Zeichentrickserie kennt, bei Bonsels völlig. Dafür sind seine Figuren biologisch korrekter dargestellt: Vom Rosenkäfer bis zum Weberknecht und von der Libelle bis zur Wanze bieten alle Beteiligten mit ihren meist makabren Ernährungsgewohnheiten wenigstens ordentlichen Naturkundeunterricht.


Mehr zum Thema:

Das Insekt, an dem kaum ein Dichter vorbeikam
Kritik: "Das Lied vom Honig" von Ralph Dutli (DKultur)



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Sex-Spot des UmweltministeriumsMixtur aus Umwelterregtheit und Kindesmissbrauch

Ein Mann und eine Frau als Silhouette küssen sich am 08.01.2013 in Berlin.

Die Tochter überrascht ihre Eltern beim Sex im Wohnzimmer und macht pikiert das Licht aus. So zeigt es ein Spot, den Bundesumweltministerin Hendricks abgesegnet hat. Das Ziel: für Stromsparen und damit für den Klimaschutz werben. Sex zur Volksaufklärung - offenbar kocht die politische Libido der Ministerin über, meint unser Autor Burkhard Müller-Ullrich.

Johan Simons inszeniert Siegried Lenz' "Deutschstunde"

Caracas Kultur im Visier

 

Kultur

Vor 150 Jahren geborenHenri de Toulouse-Lautrec - Chronist des Pariser Rotlichtmilieus

Eine Besucherin betrachtet in den Kunstsammlungen Chemnitz die Lithografien "Bruant im Eldorado" und "Bruant im Ambassadeurs" (vorn) aus dem Jahre 1892 von Henri de Toulouse-Lautrec (1864 - 1901).

Seine ungeschminkten Schilderungen des Rotlichtmilieus am Montmartre, der Cabarets und Tanzrevuen machten Henri de Toulouse-Lautrec berühmt. Mehr noch: Die Plakatkunst des Malers prägt nicht unwesentlich die gegenwärtige Sicht auf das Paris gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Protest in der KunstweltAusverkauf der öffentlichen Kunstsammlungen?

Die Andy Warhol Kunstwerke (l-r) "Triple Elvis" (1963) und "Four Marlon" (1966). Die Westdeutschen Spielbanken wollen in New York zwei ihrer wichtigsten Bilder versteigern lassen und erhoffen sich dafür 100 Millionen Euro.

Der Verkauf von zwei bedeutenden frühen Andy-Warhol-Gemälden durch das Land Nordrhein-Westfalen hat zu massiven Protesten aus der Kunstwelt geführt. Dabei wurde auch die Frage nach der Verantwortung der öffentlichen Hand für den Kunstbesitz aufgeworfen. Der Direktor des Kunstmuseums Bonn Stephan Berg zählt zu den Kritikern des Verkaufs.

Der fünfte BeatleEinsam, depressiv und tablettenabhängig

(L-r) John Lennon, George Harrison, Manager Brian Epstein, Ringo Starr und Paul McCartney relaxen in einer Hotel-Suite während einer Auslandstournee der britischen Popgruppe The Beatles. (Undatierte Aufnahme). Brian Epstein, erfolgreicher Manager der Pilzköpfe, wurde am 19.09.1934 in Liverpool geboren und am 27.08.1967 tot in seiner Wohung in Belgravia in London aufgefunden.

"Wenn es einen fünften Beatle gegeben hat, dann war es Brian Epstein", sagte Paul McCartney einmal. Der tragische Tod von Epstein läutete auch das Ende der Beatles ein. Vor Kurzem ist seine Autobiografie in deutscher Sprache erschienen