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StartseiteBüchermarktUnberechenbare menschliche Natur18.12.2005

Unberechenbare menschliche Natur

W.Somerset Maugham: "Ost und West" und "Regen und andere Meistererzählungen"

Manche sprachen vom "British Colonial Style", andere priesen sein meisterliches erzählerisches Handwerk. Geschätzt wird er als Gesellschaftsschilderer, Psychologe und als Genie hurmorvoll-geistreicher Unterhaltsamkeit. Trotzdem - oder genauer deswegen - liegt über dem Ruhm von William Somerset Maugham ein Zwielicht. Wer nämlich den künstlerischen Avantgarden anhing, sah sich berechtigt, auf seine Konventionalität herabzublicken; den Freunden des Experiments galt er als langweilig. Trotzdem sind alle Vorbehalte wie weggeblasen, sobald man seine besten Werke aufschlägt, zu denen mit Sicherheit die von ihm selbst zusammengestellten "Gesammelten Erzählungen" gehören.

Dr. Eberhard Falcke

Der britische Schriftsteller William Somerset Maugham im Jahr 1933. (AP Archiv)
Der britische Schriftsteller William Somerset Maugham im Jahr 1933. (AP Archiv)

Palmen, Ozeanschiffe, Tropenhelme, Damen in eleganter Toilette, italienische Villen, Pariser Bohème-Szenen - das alles lässt sich wunderbar als Embleme für seine Romane und Erzählungen verwenden. Manche sprachen vom "British Colonial Style", andere priesen sein meisterliches erzählerisches Handwerk. Geschätzt wird er als Gesellschaftsschilderer, Psychologe und als Genie hurmorvoll-geistreicher Unterhaltsamkeit. Trotzdem - oder genauer: deswegen - liegt über dem Ruhm von William Somerset Maugham ein Zwielicht. Wer nämlich den künstlerischen Avantgarden anhing, sah sich berechtigt, auf seine Konventionalität herabzublicken; den Freunden des Experiments galt er als langweilig; und die gesellschaftskritischen Gemüter konnten zwar die Entlarvung mancher Heuchelei begrüßen, doch keineswegs mit Milieus sympathisieren, in denen noch kennerisch zwischen echten Gentlemen und gewöhnlichen Männern unterschieden wurde.

Überhaupt war, als Somerset Maugham 1965 an der Côte d’Azur im Alter von einundneunzig Jahren starb, nur noch schwer zu vermitteln, daß sogar doppelte Moral mit den ihr eigenen Fallhöhen zwischen Erlaubtem und Begehrtem ihre tragischen Aspekte haben könnte. Seit dem 68er-Sieg über Autoritäten und Gentleman-Allüren war auch der kritische Zeitgeist nicht gerade auf Maughams Seite.

Trotzdem sind alle Vorbehalte wie weggeblasen, sobald man seine besten Werke aufschlägt, zu denen mit Sicherheit die von ihm selbst zusammengestellten "Gesammelten Erzählungen" gehören.

Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte "Der Brief". Die vornehme Leslie Crosbie, Frau eines Kautschukpflanzers, hat in Notwehr den Nachbarn Geoffrey Hammond erschossen. Der Freispruch vor Gericht scheint ihr sicher. Da erfährt ihr Anwalt Mr. Joyce von einem Brief, durch den die Tat plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheint.

"Mr. Joyce rückte auf seinem Stuhl herum. Er legte die Fingerspitzen aneinander und begann, wobei er seine Worte sorgfältig wählte, sehr langsam: ’Ich glaube, ihnen sagen zu müssen, daß es einen in ihrer Handschrift verfaßten Brief an Geoffrey Hammond gibt. [...] In diesem Brief fordern Sie ihn auf, Sie zu besuchen, weil Robert in Singapur sei.’
‘Das ist unmöglich. Ich tat nie etwas dergleichen.’
‘Sie lesen ihn besser selbst.’ [...]
Sie las jetzt den Wortlaut, und während sie das tat, ging eine schreckliche Veränderung mit ihr vor. Ihr bleiches Gesicht war fürchterlich anzusehen. Es verfärbte sich fahlgrün. Das Fleisch schien plötzlich von ihm abzufallen, und ihre Haut spannte sich straff über die Knochen. [...] Sie starrte Mr. Joyce mit Augen an, die aus ihren Höhlen traten. Er blickte jetzt auf einen unheimlichen Totenkopf.
‘Was soll das bedeuten?’ flüsterte sie."

Es ist zu spüren: Somerset Maugham war auch Dramatiker. Seine ersten Erfolge feierte er auf der Bühne. Shakespeare hätte vor Neid erblassen können, zumindest im Jahr 1908. Gleich vier Londoner Theater spielten Maughams brillante Gesellschaftskomödien. Damit wurde er finanziell unabhängig und es öffneten sich ihm die Salons der Hauptstadt. Allerdings entdeckte er bald, dass das was er zu sagen hatte, nach der erzählerischen Form verlangte. Er begann sich darauf zu konzentrieren und feierte 1915 mit seinem dritten Roman "Der Menschen Hörigkeit" den ersten großen Erfolg als Erzähler.

Eine ungeheuer fruchtbare Quelle für Stoffe und Themen waren Maughams zahlreiche Reisen in Europa und in die südostasiatischen Regionen des britischen Empires. Handwerklich hingegen profitierte er von den Theatererfahrungen.

Vielen seiner Erzählungen eignet ein szenischer Kern. Dennoch gehen die narrativen Spannungsmomente sowie die Fülle der Beobachtungen, Atmosphären und Tonlagen weit über das hinaus, was der Lichtkegel eines Bühnenscheinwerfers erfassen könnte. Schon in den ersten Zeilen werden oftmals ganze Welten umrissen, wird schon eine Ahnung von ihrem Zusammenprall, von bevorstehenden Katastrophen geweckt. Die Kurzgeschichte "Der Taipan" beginnt folgendermaßen:

"Daß er ein bedeutender Mann war, wußte niemand besser als er selbst. Er war die Nummer eins in der nicht wenig bedeutenden Filiale der bedeutendsten englischen Firma in China. Er hatte dank seiner soliden Fähigkeiten Karriere gemacht, und mit einem nachsichtigen Lächeln sah er zurück auf den unreifen Kontoristen, der er war, als er vor dreißig Jahren nach China gekommen war. Wenn er sich des bescheidenen Zuhauses erinnerte, aus dem er kam, ein kleines rotes Haus in einer langen Reihe anderer kleiner roter Häuser in Barnes, einer Vorstadt, die verzweifelt nach Vornehmheit strebte, aber nur eine trübe Melancholie verströmte, und es dann verglich mit dem prächtigen steinernen Herrenhaus, mit seinen großen Veranden und seinen geräumigen Zimmern, das zugleich Büro der Gesellschaft und sein eigener Wohnsitz war, dann lachte er befriedigt auf. Seit damals war er weit gekommen."

Natürlich ist die Welt von der Maugham erzählt, Vergangenheit, zweifellos sind die sozialen Verhältnisse, die er schildert nicht mehr repräsentativ. Trotzdem ist nichts davon völlig passé. Der "bedeutende Mann", von dessen Aufstieg eben die Rede war, wäre heute der Manager eines internationalen Konzerns. So gesehen haben Maughams Erzählungen aus dem britischen Kolonialimperium sogar an historisch-sachlichem Reiz gewonnen. Nostalgie spielt dabei mit, doch nur nebenbei. Viel interessanter sind die Differenzen und Parallelen, die sich zwischen damals und heute feststellen lassen. Schließlich ist die so viel beredete Globalisierung nur die neueste Variante des Phänomens, um das es dabei geht. Denn auch Maughams Figuren agierten in seinen Übersee-Erzählungen schon unter Globalisierungsbedingungen, nur eben unter denen des kolonialen Imperialismus. Die Titel seiner beiden Erzählbände betonen diese Globalperspektive. Sie lauten "Ost und West" und "Der Rest der Welt".

Auf seinen Reisen zu den Außenposten des Commonwealth, nach Siam, durch den malaischen Archipel, in die Südsee oder nach China hat er das Zusammentreffen von Menschen unterschiedlicher Kulturen sehr genau beobachtet. Dieser Wirklichkeitsbeobachtung fühlte er sich beim Erzählen verpflichtet. Es kam ihn darauf an, eine "interessante Geschichte", eine Anekdote zu erzählen, bei der sich Interpretation und Subjektivität nicht über Gebühr vor die Falldarstellung drängen sollten. So ist es Maugham ohne Verzicht auf pointensichere Erzählkunst gelungen, historische und soziale Momentaufnahmen einzufangen, die sich als verlässliche Details im Bild der Epoche bewähren können. Es gibt derzeit nicht viele Autoren, die Vergleichbares zuwege bringen.

Maughams zu Recht hochgeschätzte Erzählung "Die Dschungelresidenz" etwa thematisiert nichts Geringeres als soziale Verwerfungen im globalen Raum. Auf engstem Handlungsfeld überkreuzen sich da soziale Klassenkonflikte mit dem vulgären Rassismus kolonialistischer Unterdrückung.

Zwei weiße Männer im Dschungel: Mr. Warburton verwaltet einen Kolonialbezirk in Borneo. Er ist upperclass und auf Grund seines gebildeten Formbewusstseins tritt er auch den eingeborenen Untergebenen mit einigem Respekt entgegen. Sein jüngst eingetroffener Assistent Cooper dagegen entstammt einfacheren Schichten. Er ist effizient, agiert aber tyrannisch, weil er den "Niggern", wie er sie nennt, nur das Schlimmste zutraut. Als Warburton ihn zurechtweist, eskaliert der Konflikt zwischen den beiden Engländern.

"’Sie haben mich von Anfang an nicht leiden können. Vom ersten Tag an. Weil ich nicht vor Ihnen gekrochen bin, haben Sie alles getan, um meine Stellung hier unerträglich zu machen. Sie haben mir Steine in den Weg gelegt, wo Sie nur konnten - weil ich nicht um Sie herumscharwenzelt bin.’
Cooper schnaubte vor Wut; er näherte sich einem gefährlichen Abgrund. Mr. Warburtons Augen wurden plötzlich noch kälter und durchdringender.

‘Sie irren sich. Ich hielt Sie zwar für einen Proleten, aber ich war durchaus zufrieden mit der Arbeit, die Sie leisteten.’

‘Sie Snob! Sie verdammter Vornehmtuer! Sie halten mich für einen Proleten, weil ich nicht in Eton war. Ha, man hat mir in Kuala Solor schon erzählt, was ich zu erwarten hätte. Ja, wissen Sie denn nicht, daß Sie im ganzen Land Gegenstand des Gelächters sind? [...] Da bin ich lieber der Prolet, für den Sie mich halten, als so ein Snob wie Sie.’"

Maugham, der 1874 als Diplomatensohn in Paris geboren wurde, sah England mit Distanz. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wurde er auf der Insel einem Onkel, einem puritanischen Geistlichen, in Obhut gegeben. Seine Muttersprache musste er als Zehnjähriger erst lernen. Der zierliche, leicht stotternde, sprachlich unsichere Knabe hatte viel auszuhalten. Mit Hartnäckigkeit und Ehrgeiz lernte er allerdings bald, sich zu behaupten. Sein Blick für Machtgebaren, Statusdifferenzen, für soziale Konventionen und die doppelte Moral wurde gewiss beizeiten geschärft. "Was kann einer von England wissen, der nur England kennt?", lässt er einmal eine seiner Figuren fragen.

In "Regen", ebenfalls eine seiner bekanntesten Erzählungen, zeichnet Maugham den schauderhaft selbstgerechten Glaubenseifer des Missionars Mr. Davidson mit der spitzesten Feder. Und dennoch vollbringt er als teilnehmender Beobachter der britischen Lebensart einen beachtlichen Balance-Akte der Abwägung. Denn er versäumt es nicht, zugleich die eminente Tatkraft und den Mut dieser geistlichen Kolonisatoren hervorzuheben, denen er in der Südsee vielfach begegnet ist.

"’Erzähle ihm von Fred Ohlson’, sagte Mrs. Davidson.
Der Missionar heftete seinen glühenden Blick auf Dr. Macphail.

‘Fred Ohlson war ein dänischer Kaufmann, der seit vielen Jahren auf der Insel lebte. Er war ein ziemlich reicher Mann und nicht sehr erbaut von unserem Erscheinen. Sie verstehen, er hatte sich alles so eingerichtet, wie es ihm paßte. [...] Er hatte eine Eingeborene zur Frau, die er aber dauernd betrog. Und er war ein Trinker. Ich gab ihm die Möglichkeit, sich zu bessern, aber er schlug sie in den Wind und lachte mich aus.

[...] In zwei Jahren war er ein ruinierter Mann. Alles ging in die Brüche, was er in einem Vierteljahrhundert aufgebaut hatte. Und ich war es, der ihn zugrunde richtete und schließlich dazu zwang, zu mir zu kommen und mich um das Geld zur Rückreise nach Sydney anzuflehen.’ [...]
Mit abwesendem Blick schaute Davidson hinaus in die Nacht. Es regnete wieder."

Somerset Maughams Erfolg als Erzähler war groß und ist beständig. Dass er nicht so tief wie Joseph Conrad in des Dschungels "Herz der Finsternis" einzudringen vermochte, konnte er verkraften. Conrad stand für ihn ohnehin an der Spitze. Wie fast alle Schriftsteller hatte aber auch er seine offenen Flanken, wo er sich immer wieder angegriffen oder unterschätzt sah. Vor allem hatte er damit zu kämpfen, dass ihm im Innovationswettstreit der Moderne manche erwünschte Anerkennung vorenthalten blieb. Vorsichtshalber wies er sich darum selbst schon einen Platz unter den "zweitrangigen Schriftstellern" zu, wenn auch dort in der ersten Reihe. Er plädierte für "gut aufgebaute" Erzählungen und bekannte sich dazu, "nur ein Geschichtenerzähler" zu sein. Den Modernisten, die ihn deshalb gering schätzten, gab er Kontra:

"Heute gilt es als modern, wenn Schriftsteller, unter dem Einfluß einer unzureichenden Bekanntschaft mit Tschechow, Erzählungen schreiben, die irgendwo anfangen und wenig überzeugend enden. Manche Autoren halten es für ausreichend, wenn sie eine Atmosphäre beschreiben, einen Eindruck vermitteln oder eine Figur zeichnen. Dagegen ist nichts zu sagen, aber es ist keine Erzählung, und ich glaube nicht, daß es den Leser befriedigt."

Nun, auch moderne Erzählungen dieser Art können, wie wir wissen, ihre Leser befriedigen. Glücklicherweise aber sind solche Kontroversen längst verjährt. So lässt sich mittlerweile ganz ungestört ermessen, welche beachtlichen Vorzüge es haben kann, wenn uns ein Maugham mit den hochintelligent angewendeten Kunstmitteln des späten neunzehnten Jahrhunderts über die ersten Jahrzehnte des Zwanzigsten erzählt. Und da Maugham die Menschen für unberechenbar hielt, ist in seinen Erzählungen mit allem zu rechnen: mit komischen, tragischen oder grotesken Wendungen, mit dem Aufbrechen ungeahnter Leidenschaften, mit schaurigen Abgründen oder beklemmender Absurdität.

"Ich habe fast einhundert Erzählungen geschrieben und dabei eines festgestellt: ob man auf eine Geschichte stößt oder nicht, ob sie gut erzählt ist oder nicht, ist letztlich Glückssache. Geschichten liegen an jeder Straßenecke herum und warten nur darauf, aufgelesen zu werden, aber der Autor ist vielleicht nicht im entscheidenden Moment da... Er kann von Glück reden, wenn ihm der Einfall zu einer Geschichte kommt, er sie genau in dem Moment schreibt, in dem sie reif ist, und es ihm gelingt, alles aus ihr herauszuholen, was an Verborgenem in ihr steckt. Dann wird sie, in ihren Grenzen, vollkommen sein. Vollkommenheit indes erreicht man selten."

Somerset Maughams Lebenslauf hatte selbst einige romanhafte Züge. 1917 heiratete er, zehn Jahre später wurde er geschieden, weil er Männer bevorzugte. Er habe gedacht, sagte er einmal, er sei überwiegend heterosexuell, musste dann aber feststellen, dass es genau umgekehrt war. Nicht nur in diesem Fall lernte er die unberechenbare menschliche Natur am eigenen Leibe kennen. Ein anderes Doppelleben führte er während des Ersten Weltkrieges. Da war er Agent des britischen Geheimdienstes in der Schweiz und im Petersburg der Oktoberrevolution. Von all dem, auch seiner gesellschaftlichen Rolle als Schriftsteller, finden sich Spuren in seinem Erzählwerk. Zur fest umrissenen literarischen Figur geworden ist allerdings nur die Geheimdiensterfahrung. Sie hat literarisch die Gestalt des Gentleman-Agenten Ashenden angenommen. Auch er ist in den Gesammelten Erzählungen mit einer Reihe von Abenteuern vertreten. Darunter ragt besonders die Erzählung "Mr. Harringtons Wäsche" hervor, weil sie über völlig verschiedene thematische Stationen mit wunderbaren Figurenporträts mitten hineinführt in die Wirren der russischen Oktoberrevolution.

Eine andere Erzählung mit dem Titel "Giulia Lazzari" macht deutlich, dass Imperien offenbar immer etwas an sich haben, wodurch sie sich den Krieg gegen den Terror einhandeln. In diesem Fall ist der Abgesandte des Bösen ein indischer Unabhängigkeitskämpfer, für den Ashenden bei seinem Chef Mr. R. vergeblich um Verständnis wirbt.

"’Man kann sich eines gewissen Respekts nicht erwehren, wenn einer den Mut hat, es beinahe allein mit der gesamten britischen Macht in Indien aufzunehmen.’
‘An ihrer Stelle würde ich mich vor jeder Gefühlsduselei hüten. Für uns ist der Mann nichts weiter als ein gefährlicher Verbrecher.’
‘Er hätte wahrscheinlich gern auf Bombenattetate verzichtet, wenn er dafür ein paar Batterien und ein halbes Dutzend Bataillone zur Verfügung gehabt hätte. Er kämpft mit den Waffen, die er hat, und daraus kann man ihm nur schwer einen Vorwurf machen. [...] Sein einziges Ziel ist die Unabhängigkeit Indiens. Genau besehen rechtfertigt das seine Taten.’
R. hatte offenbar keine Ahnung, worauf Ashenden hinauswollte.
‘Das ist alles an den Haaren herbeigezogen und zersetzend. Unsere Aufgabe ist, ihn zu kriegen, und wenn wir ihn haben, wir der erschossen."

Der Reichtum an Welt- und Gesellschaftserfahrung, der in Maughams Erzählungen eingeflossen und aufbewahrt ist, sucht seinesgleichen. Dass jene Zeiten unwiederbringlich dahin sind, macht die Erzählwerke, in denen sie geschildert werden, nur umso wertvoller. Gemessen daran sind einst beklagte Schwächen praktisch unerheblich geworden.

Nur eines gilt auch heute noch: Anlehnungsbedürftige Leser können sich bei diesem Autor schnell allein gelassen fühlen. Denn er bietet weder Identifikationsfiguren noch weltanschauliche Orientierung; er neigt weder zu feurigem Engagement noch zu romantischen Schwärmereien. Wer jedoch auf all das wenigstens zeitweilig verzichten kann, der findet in den zwei Dünndruckbänden mit Maughams Gesammelten Erzählungen einen 2600 Seiten starken Lektürevorrat der erlesensten Art. Da mag es draußen stürmen und schneien. Oder falls man gerade in der Südsee weilt: Es darf auch Kokosnüsse hageln.

W.Somerset Maugham: Ost und West. Der Rest der Welt. Gesammelte Erzählungen in zwei Bänden. Diogenes Verlag, Zürich 2005. 1591 und 1083 Seiten. 49,90 Euro.

W.Somerset Maugham: Regen und andere Meistererzählungen. Gelesen von Marietta Bürger, Hans Korte, Friedhelm Ptok und Werner Rehm. Diogenes Hörbuch, Zürich 2005.6 CDs,389 Minuten. 34,90 Euro.

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