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Seit 17:35 Uhr Kultur heute
StartseiteForschung aktuellUnd ewig blubbern die Seen07.09.2006

Und ewig blubbern die Seen

Permafrost als Klimafaktor

Umwelt. - Die Seen, die sich in Sibiriens ehemals permanent gefrorener Tundra bilden, geben überraschend viel klimawirksames Methan von sich. Was seit Zehntausenden von Jahren im Erdboden festgefroren war, sprudelt jetzt ungehindert und massenhaft an die Wasseroberfläche und dann in die Luft. In der aktuellen "Nature" liefern Wissenschaftler eine Abschätzung.

Von Dagmar Röhrlich

Sibiriens Permafrost taut und setzt überraschend viel Methan frei. (Boris Schumatsky)
Sibiriens Permafrost taut und setzt überraschend viel Methan frei. (Boris Schumatsky)

Im Spätherbst, wenn in Nordsibirien die Seen gefrieren, wird das ganze Ausmaß des Problems am ehesten augenfällig: Das frische, dunkle Eis umschließt Schwärme von weißen Gasblasen. Diese Blasen bezeugen nichts anderes, als dass in Sibirien der Permafrost schmilzt.

"”Der Boden, der seit 40.000 Jahren gefroren ist, taut, und die Seen Nordsibiriens wachsen. Die neuen Uferzonen fressen sich dabei in Böden, die lange Zeit tiefgefroren waren. Dadurch wird das darin gespeicherte Methan frei.""

Jeffrey Chanton von der Florida State University. Diese Blubberblasen in den Seen sind seit langem bekannt. Man konnte das Ausmaß dieses Phänomens aber nicht abschätzen. Das hat die amerikanisch-russische Forschergruppe jetzt geschafft. Beispielsweise mit regenschirmartigen Fallen in den Seen, die die aus dem Boden aufsteigenden Blasen einfingen. Chanton:

"”Wir finden überall Methanblasen. Methan löst sich ungern in Wasser. Es entsteht, wenn sich organische Substanz zersetzt, und zwar wenn kaum Sauerstoff da ist. Genau diese Bedingungen finden wir in den Seeböden Nordsibiriens. Steigt dann in diesen Böden der Gasdruck an, sprudeln Blasen auf, so wie beim Öffnen einer Mineralwasserflasche. Nur, dass keine Kohlensäure aufsteigt, sondern das Methan, das in den Sedimenten entsteht.""

Ob dieses Methan gerade frisch aus Tier- und Pflanzenresten entsteht, die sich jetzt nach dem Tauen zersetzen – oder ob das Methan selbst im Permafrostboden gefangen war und jetzt frei wird – das lässt sich nicht sagen. Die C-14-Datierung beweist jedoch, dass der Kohlenstoff selbst alt ist. Chanton:

"”Wir haben herausgefunden, dass der Kohlenstoff im Methan mindestens 40.000 Jahre alt ist. Er könnte sogar noch älter sein, aber weiter kommen wir mit der C-14-Datierung nicht zurück. Auf jeden Fall war dieser Kohlenstoff für lange Zeit im ‚Tiefkühlschrank’ Permafrost gespeichert. Und jetzt, wo es in Sibirien wärmer wird, wird er als Methan freigesetzt und gelangt in die Atmosphäre.""

Der Kern ist nun, dass dieser alte Kohlenstoff unsere ohnehin schon großen Probleme mit dem Klima verschärft – und Methan ist ein zwanzigmal wirksameres Klimagas als Kohlendioxid. Chanton:

"”Das Neue ist, dass wir dieses alte Methan freisetzen. Dieses alte Methan war lange aus dem Kohlenstoffzyklus heraus. Wenn es jetzt in die Atmosphäre gelangt, dann ist der Effekt genau wie beim Verbrennen fossiler Brennstoffe.""

Die Methanmengen, die durch die wachsenden Seen zusätzlich in Nordsibirien freigesetzt werden, sind beträchtlich, so Chanton:

"In den vergangenen Jahren hat sich die durch Seen bedeckte Fläche um 15 Prozent vergrößert. Das scheint nicht viel, aber diese nördlichen Feuchtgebiete setzen dadurch bis zu 60 Prozent mehr Methan in die Atmosphäre frei als vermutet."

Das Klima reagiert, dadurch taut noch mehr Permafrost, die Seen wachsen, es wird noch mehr Methan freigesetzt, was wiederum den Treibhauseffekt anheizt. Chanton:

"”Es ist ein Rückkopplungseffekt für die globale Erwärmung. Es ist wie ein Schneeball, der einen Hügel herunterrollt und dabei dicker und dicker und dicker wird.""

Die nördlichen Feuchtgebiete Sibiriens sind also längst nicht so weit vom Geschehen in der Welt entfernt, wie es scheint.

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