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StartseiteLange Nacht"Unsere Opfer zählen nicht"07.05.2005

"Unsere Opfer zählen nicht"

Eine Lange Nacht über Afrika, Asien und Ozeanien im Zweiten Weltkrieg

Der Veteran Issa Ougoiba aus Mali fühlt sich vergessen und verraten wie Millionen Ex-Soldaten in Afrika, Asien und Ozeanien, die im Zweiten Weltkrieg gegen den deutschen und italienischen Faschismus sowie gegen den japanischen Großmachtwahn gekämpft haben. "Wir sind immer noch kleine Negersoldaten", meint der alte Mann. Viele Kriegsteilnehmer wurden zwangsverpflichtet und mit Hungerlöhnen abgespeist.

Von Birgit Morgenrath, Karl Rössel und Rainer Werning

Australische und äthiopische Soldaten kämpfen gemeinsam in Ostafrika, Februar 1941 (AP Archiv)
Australische und äthiopische Soldaten kämpfen gemeinsam in Ostafrika, Februar 1941 (AP Archiv)

Viele Länder der "Dritten" Welt wurden zu Schlachtfeldern, andere zu Rohstofflieferanten für die Kriegsproduktion. Millionen Männer dienten den kriegführenden europäischen, japanischen und US-amerikanischen Streitkräften als Lastenschlepper, Bauarbeiter, Küstenwächter, Späher und Bergungssanitäter für verwundete Soldaten. Die Hilfskräfte erhielten niedrigeren Sold, wurden schlechter verpflegt und untergebracht als ihre "Kameraden" aus der "Ersten" Welt. Streiks und Revolten gegen diese Ungleichbehandlung wurden mit brutaler Gewalt niedergeschlagen. Bis heute warten die meisten Veteranen vergeblich auf Kriegsrente oder Entschädigung.

In der Langen Nacht werden die Folgen des Zweiten Weltkrieges für die "Dritte" Welt erstmals aus Sicht von Betroffenen aus Afrika, Asien und Ozeaniens beschrieben.

Wikipedia: Zweiter Weltkrieg
Deutsches Historisches Museum: Der Zweite Weltkrieg
Deutsches Historisches Museum: Afrikafeldzug

"Unsere Opfer zählen nicht"
Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. Vom Rheinischen JournalistInnenbüro. Hrsg. v. Recherche International.
2005 Assoziation A
Ihre Kriegseinsätze kommen in den Geschichtsbüchern nicht vor, und ihre Gefallenen sind nirgends aufgelistet. An ihre Opfer erinnert kaum ein Monument und an den Bombenterror in ihren Städten keine Fernsehserie. Die meisten ihrer Zwangsarbeiter erhalten keine Entschädigung und die meisten ihrer Veteranen keine Kriegsrente. So hoch der Preis auch war, den die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg zahlte, so konsequent wurde er seitdem vergessen und verleugnet.

Millionen Soldaten aus Afrika, Asien, Südamerika und Ozeanien kämpften und starben in diesem Krieg, den der deutsche und der italienische Faschismus sowie der japanische Großmachtwahn verursacht haben. In Abessinien standen sich Afrikaner auf beiden Seiten der Front gegenüber, in Burma kämpften hunderttausend Soldaten aus West- und Südafrika gegen die japanischen Streitkräfte, in Frankreich Zehntausende Inder gegen die Wehrmacht. Brasilianer kamen in Italien zum Einsatz, Koreaner im Südpazifik. Von China über Vietnam bis nach Indonesien und den Philippinen operierten einheimische Guerillatruppen gegen die alten Kolonialherren und die neuen Besatzer.

Viele Länder der Dritten Welt wurden zu Schlachtfeldern, andere lieferten Rohstoffe für die Kriegsproduktion. Millionen Menschen dienten den Krieg führenden Streitkräften als Lastenschlepper und Bauarbeiter, Pfadfinder und Küstenwächter, Aufklärer hinter feindlichen Linien und Bergungstrupps für verwundete Soldaten. Hunderttausende Frauen wurden Opfer sexueller Gewalt. Allein die Japaner verschleppten 200.000 Filipinas und Koreanerinnen in ihre Militärbordelle.

Die Hilfstruppen und Hilfsarbeiter aus der "Dritten" Welt wurden schlechter entlohnt, verpflegt, untergebracht und behandelt als ihre "Kameraden" aus der "Ersten". Streiks und Revolten gegen diese Ungleichbehandlung wurden mit brutaler Gewalt niedergeschlagen. Allerdings war die Dritte Welt nicht bloß Opfer in diesem Krieg. Antikoloniale Bewegungen im Nahen Osten (von Ägypten über Palästina bis in den Irak und den Iran) und in Asien (von Indien und Burma bis Thailand und Indonesien) sympathisierten mit den faschistischen Mächten und stellten Hunderttausende Freiwillige für deren Krieg. 3000 Rekruten der von den Nazis ausgehobenen "Indischen Legion" ließen sich 1944 sogar in die Waffen-SS eingliedern und verübten Massaker an der französischen Zivilbevölkerung. Auch davon berichtet dieses Buch.

Auf der Basis langjähriger Recherchen der AutorInnen in über dreißig Ländern Afrikas, Asiens und Ozeaniens werden die Folgen des Zweiten Weltkrieges für die Dritte Welt in diesem Buch erstmals aus Sicht von Betroffenen beschrieben.
Hier finden Sie ausführliche weitere Informationen: "Unsere Opfer zählen nicht" (Pdf-Dokument)

Rainer Werning: Sieger haften nicht - Hiroshima, Nagasaki und die vergessenen Koreaner

Birgit Morgenrath, Gottfried Wellmer
Deutsches Kapital am Kap
Kollaboration mit dem Apartheidregime.
2003 Edition Nautilus
Südafrika ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass Konzerne sich durch Menschenrechte nicht einschränken lassen wollen. Dass jetzt Klage gegen die Kollaborateure - u.a. aus der deutschen Wirtschaft - mit dem Apartheidregime eingereicht wurde, aktualisiert die Diskussion um das Gebaren der Global Players auch in der Gegenwart.

Karl Rössel: Der verhinderte Frieden in der Westsahara

Zitat aus der Sendung:

Der Schriftsteller Amadou Hampaté Ba aus Mali in seinen Lebenserinnerungen: Ich will euch sagen, meine Brüder: Die Franzosen sind in den Krieg eingetreten, um uns zu behalten, und die Deutschen, um uns zu bekommen. Ihr braucht nach keiner andere Erklärung zu suchen... Wenn der Brand nicht schnell erlischt,... dann werden diese `entflammten Häute´ all unsere Söhne und unser Hab und Gut eintreiben, um ihren Krieg zu führen, denn dafür sind wir da.

Amadou Hampaté Ba
Jäger des Wortes
Eine Kindheit in Westafrika.
1993 Hammer
Aus der Sicht des Kindes Amkoullel erzählt der 1991 in Abidjan verstorbene Ethnologe, Philosoph und Romancier Amadou Hampate Ba die Geschichte seiner eigenen Kindheit. Dabei spielen die ersten Begegnungen mit den weißen Kolonialherren eine besondere Rolle. Das Buch ist eine Familienchronik, zugleich ein Bericht über die Kultur der Völker Westafrikas.

Amadou Hampaté Ba
Oui, mon commandant!
In kolonialen Diensten. Lebenserinnerungen
1997 Hammer

Zitat aus der Sendung:

Der Regisseur Ousmane Sembéne: Im Krieg haben wir diejenigen, die uns gestern noch kolonisiert hatten, nackt gesehen. Wir haben Seite an Seite mit ihnen gekämpft, Hunger und Durst gemeinsam erlitten und über denselben Schmerz geweint. Es gibt eigentlich keinerlei Unterschiede zwischen uns...Aber: sie haben sich eher mit den deutschen Soldaten angefreundet als mit uns, ihren schwarzen Kameraden. das hat uns verbittert. Diese Erfahrungen haben vieles verändert.

Ousmane Sembéne
Gottes Holzstücke
Roman aus Senegal und Mali. Übertr. u. m. e. Nachw. v. Peter Schmuck. Afrikanische Autoren 400 S. 20 cm 440g
1988 Lembeck

Ousmane Sembéne
Meines Volkes schöne Heimat
Roman. Aus d. Französ. Werner v. Grünau. Originaltitel: O pays, mon beau peuple 317 S. 22,5 cm 510g
1997 Oberbaum

Zitat aus der Sendung:

Ihre Kolonien wollten die europäischen Siegermächte auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht aufgeben, basierte doch die ökonomische Vorherrschaft auf deren Ausbeutung. In vielen afrikanischen Ländern entstanden in den Nachkriegsjahren bewaffnete Befreiungsbewegungen. Kriegsveteranen übernahmen darin vor allem in den frankophonen Ländern nicht selten führende Rollen. Besonders bekannt auch in Europa war Frantz Fanon, der Theoretiker der antikolonialen Revolution.

Alice Cherki
Frantz Fanon
Ein Porträt. Aus d. Französ. v. Andreas Löhrer. Vorw. v. Lothar Baier.
2002 Edition Nautilus
Frantz Fanon ist einer der hellsichtigsten Analytiker des Südens, der ebenso wie sein Zeitgenosse Che Guevara als Arzt zu seinem Revolutionär wurde. Er gründete Afrikas erste psychiatrische Klinik und reiste als Sprecher der algerischen Befreiungsbewegung durch den schwarzen Kontinent. Die Biographie thematisiert die Gewalt von damals und heute, reflektiert Rassismus und Wahnsinn. Die Autorin hat Fanon gut gekannt und zeigt auf, dass Fanon die individuellen und sozialen Auswirkungen der rassistischen Unterdrückung ebenso untersucht hat wie die Möglichkeiten, die Entfremdung zu überwinden. Fanon wurde zu einer Symbolfigur für die Dritte Welt.

Weitere Literaturtipps :

Lothar Gruchmann
Der Zweite Weltkrieg
Kriegführung und Politik
2005 DTV

John Keegan
Der Zweite Weltkrieg.
2004 Rowohlt, Berlin

Guido Knopp
Der Jahrhundertkrieg
Begleitbuch zur gleichnamigen Fernsehserie des ZDF.
2001 Econ

Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, 10 Bde.
Hrsg. v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt.

Bd.7 Das Deutsche Reich in der Defensive.
Strategischer Luftkrieg in Europa, Krieg im Westen und in Ostasien 1943-1944/45.
Von Horst Boog, Gerhard Krebs u. Detlef Vogel
2001 DVA

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