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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Verantwortung für das Klima18.02.2008

Verantwortung für das Klima

Düstere Prognosen und Lösungsmöglichkeiten

Verantwortung - das ist ein bekanntes Schlagwort in diesen Tagen, Stichwort Zumwinkel und die Eliten. Klaus Wiegandt hat im Fischer Taschenbuch Verlag zwar nicht dazu, aber zu globalen Themen die Reihe "Forum für Verantwortung" herausgegeben. Von den insgesamt zwölf Bänden behandelt der von Mojib Latif das Klimaproblem. Matthias von Hellfeld hat ihn gelesen und mit dem Autor gesprochen.

Latif sieht besonders die Industriestaaten in der Pflicht. (AP)
Latif sieht besonders die Industriestaaten in der Pflicht. (AP)

"Wenn wir so weitermachen wie bisher, das heißt also Jahr für Jahr der Ausstoß der Treibhausgase, insbesondere des CO2 weiter ansteigt, dann müssen wir davon ausgehen, dass sich der vorindustrielle CO2-Gehalt der Atmosphäre verdreifachen kann - möglicherweise sogar vervierfachen kann, und das würde bedeuten, das wir eine Erderwärmung bekommen, die einmalig in der Geschichte der Menschheit wäre. Wir hätten dann eine Erdmitteltemperatur von etwa 20 Grad, das heißt also etwa vier bis fünf Grad höher als die Temperaturen heute liegen."

…so lautet die düstere Prognose des Klimaexperten Mojib Latif für den Fall, dass die Menschheit die Hände in den Schoß legt und nichts unternimmt, um den Klimawandel einzudämmen. Wie gesagt, dies gilt nur für den Fall der Untätigkeit. Aber aufgeschreckt durch fast tägliche Horrornachrichten über den Zustand der Erde, ist eher von einer Überreaktion auszugehen, als von Untätigkeit oder Gleichgültigkeit.

Mojib Latif verfolgt einen aufklärerischen Ansatz, indem er nicht dramatisiert, sondern einen wichtigen - und einen das zukünftige Handeln bestimmenden – biophysikalischen Zusammenhang klar macht: Das Klima hat sich in den vergangenen Jahrzehnten langsam verändert, man könnte auch sagen, es hat träge reagiert. Folglich hat es auch einige Zeit gedauert, bis der Mensch es fertig gebracht hat, die optimalen Lebensbedingungen auf der Erde negativ zu verändern. Deshalb wird es ebenso lange dauern, diese Verhältnisse wieder zu korrigieren. Was wir brauchen ist – laut Latif – keine Politik der Verbote oder Schnellschüsse, sondern eine globale nachhaltige Umweltpolitik, die die drastische Senkung der Kohlendioxid-Emissionen in den kommenden Jahrzehnten im Auge hat. So gesehen ist die deutsche EU-Initiative, den Kohlendioxid-Ausstoß in den kommenden 13 Jahren um 20 Prozent zu senken, der berühmte Schritt in die richtige Richtung.

Um katastrophale Umweltverhältnisse abzuwenden, muss allerdings der weltweite Ausstoß bis zum Ende des Jahrtausends um über 80 Prozent verringert werden. Das klingt einfacher als es vermutlich ist, denn derzeit kommen drei Viertel der Kohlendioxid-Emissionen aus den Industrienationen, in denen aber nur ein Viertel der Weltbevölkerung lebt. Das ist ein dramatischer Hinweis, wenn man sich vor Augen hält, dass drei Viertel der Weltbevölkerung noch davor stehen, einen industriellen Prozess durchzumachen, wie ihn die entwickelten Länder schon hinter sich haben. Die industrielle Entwicklung etwa Chinas oder Indiens steht erst am Anfang, und deren Hunger nach Energie ist noch lange nicht gestillt.

Da aber die reichen und entwickelten Länder anderen den Wohlstandsprozess nicht verbieten können, müssen sich – so Mojib Latif - die Industrieländer, wie bei der Zerstörung der Umwelt auch bei ihrer Sanierung an die Spitze der Bewegung stellen. In den vergangenen 100 Jahren hat sich die Erdtemperatur um 0,8 Grad erhöht; 0,6 Grad davon gehen allein auf das Konto der letzten 30 Jahre. Mit anderen Worten: Die Erwärmung der Atmosphäre ist Ergebnis jenes Wohlstandsprozesses der Industrieländer, der in anderen Regionen der Erde jetzt erst gerade begonnen hat. Ursache des Klimawandels ist die permanente Verbrennung fossiler Brennstoffe - also Erdöl, Kohle oder Erdgas.

Gemeinsam müssen entwickelte und weniger entwickelte Länder eine globale Betrachtung anstellen: Einerseits wird das Klima geschädigt, egal wo die Schadstoffe ausgestoßen werden, und andererseits wird es wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt, egal wo die Schadstoffe eingespart werden. Um eine - weltweit betrachtet – positive Umweltbilanz zu erzeugen, muss also der Verbrauch fossiler Brennstoffe in den Industrieländern stärker zurückgehen, als er in den Schwellenländern zunimmt. Allein dieser Gedanke, und darauf weist Mojib Latif mehrfach hin, macht klar, welch gigantische weltpolitische Aufgabe vor der Menschheit liegt. Dabei schlägt Mojib Latif eine Zweischritt-Strategie vor:

"Kurzfristig können wir die Einsparpotenziale nutzen. Man kann versuchen, Strom zu sparen, also zum Beispiel dadurch, dass man die Standby-Anlagen abschaltet, oder dass man Energiesparlampen verwendet, dass man beispielsweise in Räumen, in denen man sich nicht aufhält, das Licht löscht, also es gibt vielfältige Möglichkeiten – natürlich auch in der Industrie, nicht nur bei den Privatmenschen. Dann kann man die Effizienz noch steigern, es gibt enorme Effizienzsteigerungspotenziale, das heißt man kann die Technik noch weiter verbessern, um hier zu Einsparungen zu kommen. Das würde uns die Möglichkeit geben, wenn wir diese Potenziale wirklich nutzen, Zeit zu gewinnen und zwar einige Jahrzehnte – etwa 20 bis 30 Jahre."

Zwei bis drei Jahrzehnte – das scheint ausreichend Zeit zu sein, um erneuerbare Energien zu entwickeln, die anstelle fossiler Brennstoffe treten könnten. Sonnenenergie, Geothermie, Wasserkraft oder Windkraft müssen bis spätestens 2050 so weit entwickelt sein, dass sie einen erheblichen Teil der dann weltweit benötigten Energie zur Verfügung stellen. Eine Mammutaufgabe, keine Frage, aber sie ist lösbar.

Mojib Latif gelingt es genau wie den anderen Autoren der Reihe "Forum für Verantwortung", überzeugend klarzumachen, dass menschliches Handeln hinter der Verschmutzung der Umwelt, hinter der Vernichtung von Lebensgrundlagen und auch hinter der Veränderung des Klimas steckt. Auch wenn beim Lesen ab und an der Eindruck entsteht, es sei zur Umkehr ohnehin zu spät, bleibt mit dem Autor festzuhalten: Menschen sind auf der ganzen Welt millionenfache Wählerinnen und Wähler – ihre Wahlentscheidung könnte den Anstoß für eine globale und nachhaltige Umweltpolitik geben. Und dieser Anstoß ist dringend notwendig!

Mojib Latif: Bringen wir das Klima aus dem Takt?
Hintergründe und Prognosen

Aus der von Klaus Wiegandt herausgegebenen Reihe "Forum für Verantwortung"
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2007
251 Seiten, 9,95 Euro

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