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StartseiteBüchermarktVerführter Leser20.09.2007

Verführter Leser

Sarah Waters macht Lust auf zweimaliges Lesen

Sarah Waters skizziert in ihrem Roman "Die Frauen von London" erschreckende Innenansichten der Kriegsjahre in der britischen Hauptstadt. Die Autorin sucht Bilder für das Unfassbare, Bilder, die Distanz schaffen und den Beteiligten eine Art von Verarbeitung ermöglichen.

Von Mechthild Müser

Die Tower Bridge in London. (AP)
Die Tower Bridge in London. (AP)

Meine sämtlichen Uhren sind stehen geblieben, stellt die 36-jährige Kay erstaunt fest. Und diese kleine Beobachtung ganz zu Anfang der Geschichte ist ein passendes Bild für alles, was in dieser Zeit geschieht - oder eben nicht geschieht. Es ist der dritte Herbst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, längst sind Sirenen verstummt und die Häuser bescheiden instand gesetzt. Dennoch hallen die Ereignisse in den Menschen nach, frieren die Zeit ein und ihr Leben. Stundenlang steht Kay am Fenster ihrer kargen Zweizimmerwohnung in London und starrt auf die Straße. Oder sie lässt sich in männlicher Aufmachung durch die Großstadt treiben.

"Ich gehe ins Kino. […] Manchmal sehe ich mir die Filme zweimal hintereinander an. Oder ich geh hin, wenn der Film schon halb vorbei ist, und schaue mir bei der nächsten Vorstellung den ersten Teil an. Das ist mir fast lieber. Die Vergangenheit ist um so vieles interessanter als die Gegenwart."

Die Vergangenheit ist interessanter. Sie ist es vor allem deshalb, weil Sarah Waters’ Protagonisten, drei Frauen und ein junger Mann, ein paar Jahre zuvor noch Hoffnungen und Perspektiven hatten, weil sie Initiative ergriffen, Wagnisse eingingen und sich bis an die Grenzen ihrer Kraft verausgabten so wie Kay als Rettungssanitäterin im Bombenhagel, und auch weil sie verrückte Dinge taten ohne nachzudenken. Schließlich wäre es sinnlos gewesen, Konsequenzen oder Vor- und Nachteile abzuwägen, wenn man am nächsten Tag schon hätte tot sein können.

Sarah Waters erzählt ihren Roman "Die Frauen von London" in drei Abschnitten - und zwar rückwärts. 1947, 1944,1941 überschreibt sie lapidar die einzelnen Stationen und entwirrt die anfangs seltsam starr anmutenden, eng miteinander verwobenen Geschichten in der zeitlichen Rückblende Faden für Faden. Jedes Ende verbindet sie mit einem Anfang, jeder Anfang zielt auf ein Ende. Eindrucksvoll schildert die 1966 geborene Autorin jene Londoner Jahre, als der Krieg die Menschen in extreme, kaum erträgliche Situationen versetzte. Auf die eine oder andere Weise haben ihre Protagonisten alle dem Tod ins Gesicht geschaut und dann doch überlebt. Was kann intensiver sein als die reale Möglichkeit, im nächsten Moment zu sterben? Sei es im Feuer der Brandbomben, zerquetscht von Mauern einstürzender Häuser oder wie die junge Vivian bei einer dilettantisch ausgeführten illegalen Abtreibung?

"Sie hatte noch nie an all die Geheimnisse gedacht, die der Krieg verschluckte, die er unter Staub und Finsternis und Schweigen begrub, sondern immer nur daran, dass er Dinge aufriss …"

Die Figuren in Sarah Waters Roman tragen Geheimnisse mit sich herum: Sie lieben Menschen, die sie nicht lieben sollten, sie kosten die damals noch verbotene lesbische Liebe aus oder die mit einem verheirateten Schürzenjäger, oder sie geben sich von schlechtem Gewissen geplagt homoerotischen Fantasien hin wie Vivians Bruder Duncan, der im Gefängnis sitzt und den Selbstmord seines besten Freundes betrauert. Die Verliebtheiten und sexuellen Abenteuer der Protagonisten erscheinen wie kleine Rettungsinseln im Meer allgegenwärtiger Zerstörung. Sie laden die Menschen auf mit Energie, helfen ihnen, Stärke und Mitgefühl zu bewahren und ihren Sinn für Schönheit. Dass sie ihre Beziehungen heimlich leben und verschweigen müssen, ist die tragische Dimension dieser Lebensgeschichten.

"Sie hatten schon so lange Geduld gehabt, ohne Salz, ohne Parfum gelebt, die Dunkelheit ertragen, sich mit winzigen Brosamen des Glücks begnügt. […] Die Minuten gingen vorüber, und Helen glaubte sie erstmals als das zu begreifen, was sie waren, nämlich Fragmente ihres Lebens, ihrer Jugend, die wie Wassertropfen zerrannen, unwiederbringlich. In diesem Augenblick dachte sie: ich will zu Julia."

Der Ausnahmezustand des Krieges würfelt Situationen durcheinander und bringt Menschen zusammen, die sich unter normalen Umständen nie begegnet wären. Er mischt upper class mit bescheidenen Verhältnissen, und Künstler mit Büropersonal.

Sarah Waters skizziert erschreckende Innenansichten der Kriegsjahre in London detailgenau, wie die Häftlinge reagieren, die bei Bombenangriffen in ihren Gefängniszellen eingesperrt bleiben, während die Wächter in den Luftschutzkeller gehen, wie verletzte Menschen, die Kay bei ihren Rettungseinsätzen in Sicherheit bringt, nicht wahrhaben wollen, dass sie gerade von einer Minute auf die andere alles verloren haben, was ihr Leben ausmachte. Gleichzeitig sucht Sarah Waters Bilder für das Unfassbare, Bilder, die Distanz schaffen und den Beteiligten eine Art von Verarbeitung ermöglichen:

"Wie immer an Einschlagstellen kam es Kay vor, als ob die Atome, aus denen das Haus, der Garten, die Bewohner selbst bestanden, aus ihren Umlaufbahnen geschleudert worden waren und sich nun neu formieren mussten. Das führte dazu, dass sich die Luft anfühlte als wäre sie elektrisch aufgeladen, als würde sie vibrieren und pulsieren."

Den Weg langsam bis in das Jahr 1941 zurückverfolgend deckt die Autorin nach und nach die Verbindungen zwischen ihren Figuren auf. Noch das Ende des Romans erzählt vom Anfang einer Beziehung. Diese ungewöhnliche, aber sehr gelungene Struktur, aus der Gegenwart nicht in die Zukunft hineinzuschreiben, sondern in die Vergangenheit, ist durchaus schlüssig. Denn 1947 stehen die Protagonisten selbst wie gelähmt da und tun gefangen in ihren Beziehungen und Arbeitsverhältnissen keinen Schritt vorwärts.

Sarah Waters verführt den Leser dazu, nach der letzten Seite den Anfang noch einmal zu lesen – so wie Kay im Kino die erste Hälfte der Filme noch einmal anschaut -, diesmal mit neuem Verständnis für die Figuren und endlich auch mit einer Antwort auf die Frage, warum der Nachkriegsfrieden so banal und sinnentleert erscheint. Die Zeit ist einfach noch nicht reif für einen neuen Aufbruch. Das Erlebte lässt sich nicht abschütteln wie Wassertropfen nach einem Regen. Kay steht am Fenster, Vivian hat den Schürzenjäger immer noch nicht abserviert, Helen kann Julia nicht loslassen und Duncan lebt mit seinem ehemaligen Gefängniswärter: das ist an Trostlosigkeit kaum zu überbieten. Doch Sarah Waters letzter Satz gibt Hoffnung. Sie legt ihn Kay in den Mund, die der in den Trümmern eines Hauses verschütteten Helen das Gesicht reinigt, und staunt:

"Dass aus Chaos und Zerstörung etwas so Reines und Makelloses hervortreten konnte."

Sarah Waters: Die Frauen von London
Aus dem Englischen von Andrea Voss
Gustav Kiepenheuer Verlag
490 Seiten, 21,95 Euro

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