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StartseiteBüchermarktVerlegung der Heilandgeburt nach Mitteleuropa13.12.2012

Verlegung der Heilandgeburt nach Mitteleuropa

Albrecht Koschorke: "Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie", S. Fischer Verlag

Der "Homo Narrans", der "erzählende Mensch", konstruiert sich die Welt. Und packt das dann in Schemata. In seinem Buch "Wahrheit und Erfindung" analysiert der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke dies.

Von Helmut Mörchen

"Wahrheit und Dichtung" widmet sich dem literarischen Erzählen. (Stock.XCHNG - Sanja Gjenero)
"Wahrheit und Dichtung" widmet sich dem literarischen Erzählen. (Stock.XCHNG - Sanja Gjenero)

Albrecht Koschorke sprengt in seiner Studie "Wahrheit und Erfindung" Grenzen. Das literarische Erzählen, das in den germanistischen Standardwerken wie etwa Eberhard Lämmerts "Bauformen des Erzählens" oder Franz K. Stanzels "Theorie des Erzählens" im Mittelpunkt stand, interessiert ihn eher am Rande. "Wahrheit und Dichtung" hätte er schon im Blick auf Goethe nicht als Überschrift wählen können, aber mit dem Einsetzen von "Erfindung" statt "Dichtung" in den Titel seines Buches ist Koschorke auch nicht gerade bescheiden. Denn der Gedanke des Erfindens von Welt reißt theologische, philosophische, anthropologische, soziologische und politologische Horizonte auf, Diskurse auf deren verschlungensten Wegen sich Koschorke bestens zu bewegen weiß.

"Wahrheit und Erfindung" ist sein Versuch, vieles, was er in seinen früheren Veröffentlichungen angeschlagen hat, nun in einen größeren Zusammenhang zu bringen. Der Ausgangspunkt mancher seiner monografischen Schriften ist der Blick auf Überraschendes aus ungewöhnlicher Perspektive: Sei es die Verbindung von Literatur und Perversion in dem frühen Versuch über Leopold von Sacher-Masoch oder die kühne Linie von der Familie im Krippenstall zur deutschen Beamtenfamilie des 19. Jahrhunderts in der gleich als Fischer Taschenbuch vertriebenen "heiligen Familie". Mit Kolleginnen und Kollegen hat er unter dem schönen Titel "Des Kaisers neue Kleider" einen Diskurs über den "fiktiven Staat", über "Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas" eröffnet. So hat er immer wieder die Selbstgenügsamkeit einer in Bedeutungslosigkeit versinkenden Literaturwissenschaft zu konterkarieren versucht.

Als Oberbegriff für die unterschiedlichsten Diskurse wählt Koschorke den Begriff des Narrativs. Koschorke betrachtet unsere Spezies als "homo narrans", als erzählenden Menschen. Das Erzählen hält die Welt zusammen, es schafft sie, gestaltet sie, deutet sie. Und dies in einem unendlichen Strom unzählbarer, weil ständig im Wandel befindlicher Formen. Deshalb ist die "Schemabildung" ein wichtiges Ziel seiner Arbeit:

"Schemata sind also Dispositive von einem mittleren Härtegrad, insofern sie die in ihnen enthaltenen Elemente konfigurieren, aber nicht bis ins Letzte festschreiben. Für erzählerische Generalisierungen dieses Typs wird im Folgenden der Begriff des Narrativs vorbehalten, im Unterschied zur unabzählbaren Vielfalt individueller Geschichten (im Sinne von stories)."

Koschorke versucht, Ordnung in das kommunikative, die ganze Welt beherrschende Medien-Tohuwabohu zu bringen. In den Kapiteln "Narrative und Institutionen" und "Epistemische Narrative" betrachtet er die gesellschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Aspekte des von ihm entfalteten Fragespektrums. Dabei hat er immer die soziale Dimension, die Vermittelbarkeit der verschiedenen Erzählungen im Blick.

Alltagswissen und Laienkommunikation wirken in die Spezialistendiskurse hinein. "Erzählungen gedeihen im Medium sozial geteilten Wissens", ist ein Kerngedanke in Koschorkes Überlegungen.

Aus der Fülle des von Koschorke ausgebreiteten Materials sei ein "Narrativ" exemplarisch herausgegriffen, dessen Ausgangspunkt er so zusammenfasst:

"Einer schwangeren Frau mit ihrem Beschützer, später einem Häufchen von Jüngern aus Galiläa, gesellen sich, durch das Zaubermittel einer imaginären Kopräsenz, Gläubige aller Zeiten und aus aller Welt zu, schreiben sich in die Erzählung ein und vervielfältigen sie sowohl durch Weitererzählen wie in ihren praktischen Lebensentwürfen."

Eigennamen – Maria und Josef -, Lokalkolorit – Verlegung der Geburt des Heilands in die Heimatregion der jeweiligen Rezipienten, in Mitteleuropa also in einen winterlichen Stall -, das Feiern dieser Fiktion im jährlichen Rhythmus halten dieses Narrativ bis heute weltweit geschichtsmächtig.

Lebendig gehalten werden die großen Diskurse aber auch durch Gegenbewegungen. Religionen werden durch Abspaltungen letztlich eher gestärkt als geschwächt, die Säkularisation – ebenfalls eines der von Koschorke ausführlich erörterten Narrative – hat nicht zu ihrem Ende geführt.

Und die Trivialisierung des Heiligen im Alltag der Gläubigen beschreibt Koschorke als belebende "Desartikulation":

"Das Verständnis für die Details der heiligen Handlung stößt an Grenzen der Einsicht, des Respekts und der Bereitwilligkeit; die Unruhe des Profanen mischt sich hinein, mit all den typischen Zersetzungshandlungen am Rand von Hochsemantiken: Geschwätz, Kichern, spöttische Bemerkungen, Langeweile, Schlaf, notorische Unrast, Kommen und Gehen."

So mischt sich in Koschorkes Studie begriffliche Konzentration mit großer Lust an mäandrierendem Ausschweifen. Das führt so weit, dass er im letzten Kapitel eingesteht, dass dieses Buch "eigentlich ein anderes" hätte werden sollen. Ursprünglich wollte er sich den großen Anfangsnarrativen zuwenden: "von der Schöpfungsgeschichte über Descartes' Urszene des cogito bis zu Staatsgründungsmythen, Lehren vom Gesellschaftsvertrag oder vom kulturstiftenden Urverbrechen."

Dann aber sei ihm die Basis menschlicher Kommunikation immer wichtiger geworden, das "Gewimmel der kleinen Geschichten und flüchtigen episodischen Evidenzen, das den menschlichen Alltag durchzieht." Und nach dem Wegfallen des Welterklärungsanspruchs der Anfangsnarrative ist die "Aufkündigung des Kulturzusammenhanges als Ganzem" unvermeidbar. Die letzten Sätze der Koschorkeschen Studie entlassen uns Leser in kreative Freiheit:

"Aufs Ganze gesehen, bleiben Kulturen sich selbst opak. Sie träumen und dichten sich eher, als dass sie sich denken. Auf dieser Stufe wird unentscheidbar, was Wahrheit und was Erfindung ist."

Buchinfos:
Albrecht Koschorke: "Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012, 480 Seiten, 24,99 Euro

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