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StartseiteBüchermarktVerräter aus Angst30.03.2011

Verräter aus Angst

Juri Trifonow: "Das Haus an der Moskwa". Süddeutsche Zeitung Bibliothek

Juri Trifonow erzählt in seinem 1976 in der Sowjetunion erschienenen Buch, wie der notorische Denunziant Wadim Glebow die Chancen des sowjetischen Bildungssystems nutzt, um weit nach oben zu kommen. Und er erzählt von dem Preis, den Glebow zahlen muss.

Von Uli Hufen

"Das Haus an der Moskwa" war bei seinem Erscheinen sowohl in Moskau wie im Westen eine Sensation. (AP)
"Das Haus an der Moskwa" war bei seinem Erscheinen sowohl in Moskau wie im Westen eine Sensation. (AP)

Dass Bücher sich, genau wie ihre Leser, mit den Jahren verändern, ist kein großes Geheimnis. Wie sehr sie sich gelegentlich verändern, verblüfft. Jurij Trifonows Roman "Das Haus an der Moskwa" ist so ein Fall. Das Buch erschien 1976 in der Sowjetunion, im Jahr darauf in der BRD und 1983 auch in der DDR. Schon diese durchaus ungewöhnliche Publikationsgeschichte deutet an, dass der Autor Trifonow, geboren 1925, gestorben 1981, einen Sonderstatus innehatte. Mitte der 70er-Jahre war Trifonow der wohl kontroverseste, vielleicht auch der Beste der zur offiziellen Sowjetliteratur zählenden Schriftsteller. Heinrich Böll war ein Fan, die Zensoren in Moskau und Ostberlin wohl weniger. Aber Trifonow wurde gedruckt, wenn auch gelegentlich mit Verzögerung.

"Das Haus an der Moskwa" war bei seinem Erscheinen sowohl in Moskau wie im Westen eine Sensation, weil darin mit erstaunlicher Offenheit und Klarheit im moralischen Urteil das Leben von Menschen beschrieben wird, die zur sowjetischen Nomenklatura gehörten. Sowjetischen Lesern reichte der Titel des Buches, um das zu verstehen. Das Haus an der Uferstraße, wie das Buch im Original heißt, ist im Grunde kein Haus, sondern ein riesiger Gebäudekomplex mit 500 Wohnungen, eigenem Kino, Bank, Kindergarten, Kantine, Sporthalle, Ambulanz und Supermarkt. Ende der 20er-Jahre schräg gegenüber vom Kreml für Regierungsmitglieder und andere Bessergestellte erbaut, wurde das Haus am Ufer schon bald für zweierlei notorisch: Für den Luxus der dortigen Wohnungen und für die Geschwindigkeit, mit der viele der Bewohner aus diesem Luxus in die Barbarei der Lager gelangten.

Wadim Glebow wächst im Schatten des grauen Monstergebäudes auf, buchstäblich und metaphorisch. Seine Familie lebt in den 30er-Jahren in einer der kleinen Gassen, die damals in diesem Teil Moskaus noch existierten. Einige seiner Schulfreunde wohnen im Haus an der Moskwa. Zu Beginn des Buches begegnen wir dem alt gewordenen Glebow im Jahr 1972. Gerade ist er einem dieser Schulfreunde zufällig wiederbegegnet, beginnt sich zu erinnern. Doch zunächst stellt Trifonow uns diesen Glebow des Jahres 1972 vor, erbarmungslos:

Vor fast einem Vierteljahrhundert, als Wadim Alexandrowitsch Glebow weder Halbglatze noch Leibesfülle besaß, noch einen Busen, wie Frauen, noch dicke Schenkel, noch einen großen Bauch, noch abfallende Schultern ...

Langsam und methodisch arbeitet sich Trifonow vor, vom körperlichen zum psychischen Verfall:

... als er keine Furcht davor empfand, die Moskwa an der breitesten Stelle zu durchschwimmen ...

Schließlich das Urteil

... als er, in Schlaflosigkeit und kläglicher jungenhafter Ohnmacht, von all jenen Dingen erst noch träumte, die ihm später zufielen, ohne Freude zu bringen, weil sie ihm so viele Kräfte und jenes Unersetzliche geraubt hatten, das 'Leben' genannt wird.

Den Rest des Romans benutzt Trifonow, um zu erzählen, wie es dazu gekommen ist. Er erzählt, wie der Streber Glebow die Chancen des sowjetischen Bildungssystems nutzt, um weit nach oben zu kommen. Und er erzählt von dem Preis, den Glebow zahlen muss. Der Preis ist Verrat, mehrfacher Verrat. Als Kind verrät Glebow zwei Freunde, die bei einer Prügelei dabei waren, die er selbst angestiftet hat. Als junger Erwachsener verrät er seinen Doktor- und Schwiegervater, den alten Revolutionär Gantschuk, und schließlich verrät er sich selbst. Der Grund ist immer derselbe:

Und das Skelett der menschlichen Handlungen tritt hervor, ihr beinerner Umriss: der Umriss der Angst. Sie rollten ein Fass auf Gantschuk. Das war alles. Sonst war nichts. Sonst war nur die Angst, eine lächerliche, blinde Angst, formlos wie ein in einem dunklen Kellerraum geborenes Wesen, Angst unbekannt wovor, Angst vor Zuwiderhandlung. Und das saß so tief.

"Das Haus an der Moskwa" mag in der Sowjetunion der Stalin-, Chruschtschow- und Breschnewjahre spielen. Doch das Buch handelt, wie alle großen Romane der Weltliteratur, von universellen Themen. Das ist die große Überraschung, die jeden erwartet, der das Buch 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion liest. Glebow und sein Schwiegervater, der alte Revolutionär Gantschuk leben fantastisch detailliert beschriebene sowjetische Leben. Wer Trifonow liest, begreift viel über die Sowjetunion und ihre Geschichte. Aber den entscheidenden Konflikt, den moralischen Abgrund, der Glebow und Gantschuk trennt, all das kennt jeder erwachsene Mensch aus dem eigenen Leben oder zumindest aus dem Tatort: Glebow verrät Gantschuk und die Liebe seines Lebens, weil er Angst um seine Karriere hat.

Mit Stalinismus hat das, abgesehen von einigen Details in der Ausführung, wenig zu tun. "Das Haus an der Moskwa" ist ein Buch über das Leben in der Metropole Moskau, es ist ein Buch über die Liebe und den Verrat, es ist ein Buch über den Preis für das bequeme Leben und es ist nebenbei auch ein Buch über die sowjetische Geschichte. Was es mit Sicherheit nicht ist, ist eine Anklage gegen die Sowjetunion. Und genau darin liegt der Grund dafür, dass Trifonows Roman so wenig altert. Die meisten der vielen regimekritischen, aufklärerischen, anklägerischen Bücher aus der und über die Sowjetunion sind lange vergessen.

Trifonow aber, der gewiss nie etwas beschönigt hat, sich aber eben auch nie in die Schlachten des Kalten Krieges einspannen ließ, Trifonow gilt auch 30 Jahre nach seinem Tod als Klassiker der sowjetischen Literatur. Er war und bleibt der Autor der städtischen Mittelklasse Moskaus, Leningrads, Kiews, Charkows, Odessas, Alma-Atas, Swerdlowsks und Nowosibirisks. Der Autor jener gebildeten Schichten, jener Millionen sowjetischer Ingenieure, Lehrer, Architekten, Ärzte, Wissenschaftler und Künstler, für die es selbstverständlich war, dicke Literaturzeitschriften im Abonnement zu beziehen, Klassikerausgaben nicht nur im Schrank stehen, sondern auch gelesen zu haben, sich für europäisches Kino und europäische Musik zu interessieren. Niemand beschrieb das Leben dieser Menschen besser als Trifonow, nirgendwo fanden diese Menschen sich mehr wieder, als in seinen Moskauer Novellen und Romanen "Der Tausch", "Langer Abschied" und eben in "Das Haus an der Moskwa". Trifonows ungebrochene Beliebtheit deutet an, dass sich im Leben dieser Menschen trotz aller sozialen Veränderungen der letzten 20 Jahre möglicherweise weniger verändert hat, als man meinen könnte.

Etwas anderes ist ohnehin offensichtlich: Trifonow hat keinen Nachfolger gefunden. Weder Wiktor Jerofejew noch Wiktor Pelewin und schon gar nicht Wladimir Sorokin sind willens und in der Lage, das reale Leben in Moskau in realistischer Prosa abzubilden. Wahrscheinlich deshalb, weil das viel schwerer ist, als der postmoderne Budenzauber, mit dem die Schriftsteller der Generation nach Trifonow ihrem Publikum seit 20 Jahren den Verstand vernebeln.

Juri Trifonow: "Das Haus an der Moskwa". Aus dem Russischen von Alexander Kaempfe. Süddeutsche Zeitung Bibliothek, Serie: Metropolen, Band 15, 185 Seiten.

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