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StartseiteBüchermarktVerse mit bewegend einfachen Zeilen29.03.2006

Verse mit bewegend einfachen Zeilen

Rolf Bossert: "Ich steh auf den Treppen des Windes"

Rolf Bossert kombiniert in seinen Versen auf den ersten Blick unvereinbar scheinende Bilder miteinander. Aus dem Bewusstsein, dass es keine neuartigen Bilder mehr gibt, bettet er das traditionelle "schöne" Bild in einen neuen, ungewohnten Kontext. Der Sammelband "Ich steh auf den Treppen des Windes" zeigt jetzt erstmals in großer Vollständigkeit das lyrische Werk Bosserts.

Von Michaela Schmitz

"Steil runter die blaue Axt"; Bossert kombiniert in seinen Versen auf den ersten Blick unvereinbar scheinende Bilder miteinander. (Universität München)
"Steil runter die blaue Axt"; Bossert kombiniert in seinen Versen auf den ersten Blick unvereinbar scheinende Bilder miteinander. (Universität München)

"(Echte) Radikalität ist immer banal", schreibt Rolf Bossert in einem poetologischen Essay über die Entstehung eines seiner Gedichte. Was aber ist banal? Das Alltägliche, das Unbedeutende, Dinge und Ereignisse ohne jeden Eigenwert? Belanglosigkeiten, denkbar ungeeignet zur Darstellung von Radikalität. Trivialitäten, zu uninteressant für Poesie. So scheint es zumindest. Tatsächlich aber ist "banal" im ursprünglichen Wortsinn radikal. Sowohl politisch als auch gesellschaftlich. Banalität bedeutete "gemeinnützig hinsichtlich der Sachen, die in einem Gerichtsbezirk allen gehören". In diesem Sinne betrifft Banales jeden, ist Banalität existenziell. Das macht ihre Radikalität aus.

Genau deshalb wählt Rolf Bossert gerade die banalen Ereignisse zum Gegenstand seiner Lyrik. Eben in der Verbindung von Banalem und Poetischem liegt ihr Sprengstoff. Nicht zufällig mischen sich auch Haikus in seine Gedichte. Die japanischen Dreizeiler gelten als höchste Verdichtung von Einfachheit und Poesie. "meine schuhe", "die kakerlaken", "die nase" oder "wochenendreinemachen" heißen Bosserts Gedichte. Scheinbar oberflächliche Dinge wie ein "Montagmorgen", eine "Mauer" oder einfach nur das "Kauen" sind Thema seiner Lyrik. Tatsächlich verbirgt sich dahinter Existenzielles. Wie hinter dem Gedicht "Gewitter". Hier es geht um mehr als die Angst vor Donner und Blitz, wenn Schreiben und Weinen in eins fallen.

Sprecher:

"Gewitter

Von dort schlägt
steil runter
die blaue Axt,
im Trommelfell
bellt auch mir
galaktisches Backblech.

Klammer dich, Kind,
ans verklebte Bonbon:
Ich schreibe ich weine
mit. Weiter, weit."

Die "blaue Axt", ein "bellendes galaktisches Backblech", das "verklebte Kinderbonbon" – Rolf Bossert kombiniert in seinen Versen auf den ersten Blick unvereinbar scheinende Bilder miteinander. Aus dem Bewusstsein, dass es keine neuartigen Bilder mehr gibt, bettet er das traditionelle "schöne" Bild – hier die "blaue Axt" – in einen neuen, ungewohnten Kontext. Ihm geht es, so Bossert, um "eine Konfrontation des Metaphorisch-Bildhaften mit anderen Sagweisen". Oft schiebt sich in seinen Versen das Körperliche zwischen Bild und Text. In Wortgruppen wie: die "schwarzen Hoden der Nacht", "die lange Wolke / unter der Achsel" oder "Palmen im Kopf, / geballte Fäuste im / Unterleib". Mit der Einbettung des Körperlichen bricht Bossert die Metapher auf. Eine bewusste Zerstörung des "schönen" Bildes, die sich auch in einer Sprachauflösung spiegelt.

Ganz in der Tradition der Konkreten Poesie mit Sprachmontagen, Entgrammatisierung, systematischer Kleinschreibung und dem Verzicht auf Interpunktion. Aber bei Bossert ist die Dekonstruktion nie Selbstzweck. Seine Lyrik führt, so ein anderes Bild des Autors, in die "Innentreppe der Seele". Eine Seelentreppe, die für Rolf Bossert immer weiter abwärts führt. Nach dem ’84 gestellten Ausreiseantrag wurde der Autor vom Ceaucescu-Regime mit Berufs- und Publikationsverbot belegt. Noch in Rumänien schreibt er im Januar ‘85 das Gedicht "Lemming, müdkalte Maus". Kaum ein Jahr später, kurz nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik, stürzt Rolf Bossert aus dem Fenster eines Aussiedlerheims in Frankfurt. Die Zeilen klingen wie ein vorweggenommener Abschied:

Sprecher:

"Lemming, müdkalte Maus

Gern wär ich weiter
Gegangen Schlägt das
Die Gedanken auch tot

: Wegverwaltet, wegverwaltet
sind meine Füße:

& wacker fall ich dem
lüsternen grauen Netz
durch die Augen – Irgendwo
schlägt das
lila Herz – Der Aufprall

(der reisende Schuh sagt ein Freund
ist ein abgetretener Spiegel am End)

ich spürs
wiegt mich nicht auf"

"Gern wär ich weiter / Gegangen" – die Zeilen weisen wie ein Leitsatz Rolf Bosserts über das Gedicht hinaus. Und spiegeln in wehmütigem Doppelsinn: sein unerfüllbares poetisches Programm und das abrupt abgebrochene Leben des rumäniendeutschen Autors.

Rolf Bosserts gesammelte Gedichte umfassen nur knapp dreihundert Druckseiten. Zu wenig Verse aus einem viel zu kurzen Leben. Darunter aber genügend eindrückliche Bildkompositionen, die hängen bleiben. Bossert beschreibt grundlegende Gefühle unseres Daseins: mal satirisch und provokativ, häufig melancholisch und zärtlich, oft humorvoll und ironisch. Gedichte zu Alltäglichkeiten, die nicht nur die rumäniendeutsche Minderheit betreffen. Bossert beschränkt sich nicht auf die persönliche Identitätssuche zwischen byzantinisch-kommunistischer Heimat und deutscher Herkunft. Ihm geht es um mehr als die omnipräsenten Repressionen der Ceaucescu-Diktatur. Bossert entwirft Verse mit bewegend einfachen Zeilen zu radikal banalen Themen. Banale Anlässe, die im ursprünglichsten Wortsinn, alle betreffen. In seinen Gedichten nimmt sich der Autor selbst beim Wort: denn auch und gerade poetische "Radikalität ist immer banal".

Rolf Bossert, Ich steh auf den Treppen des Windes, Gesammelte Gedichte. Hrsg. Gerhard Csejka, 352 Seiten. Schöffling & Co. 2006
Gebunden. 24,90 Euro.

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