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StartseiteDie neue PlatteSonata appassionata17.12.2017

Vítezslava KaprálováSonata appassionata

Sie war klein, zierlich und vor allem eine hochbegabte Dirigentin und Komponistin, die sich von der männlichen Konkurrenz niemals abdrängen ließ. Die Tschechin Vítezslava Kaprálová hat in ihrem nur kurzen Leben ein respektables Oeuvre für verschiedenste Besetzungen erschaffen.

Am Mikropfon: Yvonne Petitpierre

CD Cover Abbildung - Kaprálová - Complete Piano Music, Giorgio Koukl (Frank Kämpfer)
Giorgio Koukls Gesamteinspielung von Kaprálovás Klavierwerk (Frank Kämpfer)

Die Aufarbeitung ihrer Vita und ihres kompositorischen Schaffens, das nach dem 2. Weltkrieg vollkommen in Vergessenheit geriet, beginnt erst seit den 1990er Jahren zu greifen. Eine eigene Stiftung, die "Kaprálová Society", 1998 in Toronto gegründet, widmet sich dieser Ausnahmeerscheinung mit Forschung und Publikationen. Inzwischen zählt Kaprálová mit ihren gut fünfzig hinterlassenen Kompositionen zu den bedeutendsten Repräsentanten der tschechischen Musikszene des 20. Jahrhunderts.

Im Zentrum steht das Klavier

Zwischen 1933 und 1940 schreibt Vítezslava Kaprálová ein Dutzend Werke für Klavier solo, die in ihrem Erfindungsreichtum wesentliche Züge ihrer kompositorischen Handschrift spiegeln. Der tschechische Pianist und Komponist Giorgio Koukl hat kürzlich dieses Gesamtwerk beim Label Grand Piano eingespielt, wobei einige der Werke überhaupt erstmals aufgenommen wurden.

Unter dem Titel "Sonata appassionata, op. 6" komponiert Kaprálová 1933 eine zwei-sätzige Klaviersonate, die in ihrer formalen und klanglichen Komplexität beim Hören unmittelbar besticht. Während der erste Satz dem klassischen Sonatenhauptsatz folgt, zeichnet sich der zweite Satz "Thema und Variationen" mit sechs lyrischen Miniaturen durch harmonische Raffinessen aus.

Musik: Vítezslava Kaprálová - "Andante semplice, Variationen 1 und 2" aus: Sonata Appassionata, op.6

Geboren wird Vitezslava Kaprálová am 24. Januar 1915 in Brünn als Tochter einer Sängerin und des Komponisten Václav Kaprál, selbst ein Schüler von Leos Janácek. 1911 hatte er in Brünn eine Musikschule gegründet und begleitet die ersten Kompositionsversuche, die seine Tochter ab ihrem 9. Lebensjahr unternimmt. Ab 1930 studiert sie dann Komposition und Dirigieren. Fünf Jahre später wechselt sie ans Konservatorium nach Prag, um bei dem seinerzeit sehr renommierten Dirigenten Václav Talich zu studieren.

Frühe Eigenständigkeit

Als Komponistin überzeugt sie Interpreten und Publikum mit einem unerschöpflichen Erfindungsreichtum in neuen und unerwarteten Kombinationen. Vítezslava Kaprálová entwickelte in ihren wenigen Studienjahren eine ganz eigenständige Tonsprache, die der tschechische Pianist Rudolf Firkusný als "unwiderstehlich" empfand, während er den Charakter der Komponistin als eher "unberechenbar" beschreibt.

In Prag komponiert sie 1935 die "Grotesque Passacaglia", die in ihrer variantenreichen Klangsprache als repräsentativ für Kaprálová gelten kann und zu ihren Lebzeiten sehr häufig aufgeführt wird.

Musik: Vítezslava Kaprálová - "Grotesque Passacaglia" 

Als Vitezslava Kaprálová vor dem Orchester steht und den Taktstock hebt, lächeln die Männer an ihren Instrumenten süffisant. Doch sie begreifen im Laufe der Arbeit, dass da vorne nicht einfach nur eine dirigierende Komponistin steht, sondern eine Hochbegabte. Und als die Probe zu Ende ist, klatschen sie ihr zu.

Mit knapp zwanzig am Dirigentenpult

Diese Szene soll sich in den 1930er Jahren in Prag zugetragen haben, nachdem sie als erste weibliche Studentin der Fächer Komposition und Dirigieren eine steile Karriere startet. Für viel Publikumsapplaus sorgt sie als jüngste Dirigentin des renommierten BBC Orchestra und als erste Dirigentin bei der Tschechischen Philharmonie.

Als Kompositionsschülerin in Prag sucht sie vor allem nach eigenem kompositorischen Ausdruck und fühlt sie sich weniger der Tradition ihres Lehrers verpflichtet, sondern interessiert sich für die Brüche mit vertrauten Musiksprachen. In ihrer ungebrochenen Neugier und Ungestümheit begeistert sie sich für die Klangwelt von Strawinsky.

Ihr Verhältnis zu dem scheinbar allmächtigen Lehrer beschreibt sie in einem Brief, der zugleich ein Zeugnis ihres Mutes und ihrer Unangepasstheit ist: "Die Passacaglia muss ich noch fünf Mal überarbeiten. Er ist sauer auf mich, nur weil ich nicht sage, ja Maestro, selbstverständlich, ach ja, entschuldigen Sie, werde ich korrigieren, sondern Maestro, dies habe ich so gemeint und dieses Motiv will ich so!"

Im Alter von erst 16 Jahren komponiert Kaprálová "Fünf Klavierstücke", die nicht nur in ihrem emotionalen Gehalt berühren, sondern hinsichtlich technischer Anforderungen nichts mehr mit jugendlichen Versuchen zu tun haben.

Musik: Vítezslava Kaprálová - "Cantabile-moderato" aus: Fünf Klavierstücke 

Aus dem Gutachten der Prüfungskommission am Prager Konservatorium, wo Kaprálová 1937 mit Auszeichnung ihr Studium absolviert, lässt sich eine vielversprechende Karriere ablesen:

"In allen musikalischen Äußerungen von Fräulein Vitezslava Kaprálová meldet sich die Jugend zu Wort, überfließend mit lebhaftem Temperament und kreativem Mut. Im Besitz frischer Erfindungskraft und feiner Kompositionstechnik, hat Fräulein Kaprálová leicht, aber nicht oberflächlich gearbeitet, mit bemerkenswertem Erfolg bei Klavierstücken ebenso wie bei Liedern, Kammermusik und Orchesterwerden. Ihr ausgesprochenes Talent berechtigt zu den besten Hoffnungen."

Im April 1937 begegnet sie in Prag erstmals Bohuslav Martinu, der zu dem Zeitpunkt die Uraufführung seiner Oper "Juliette" am dortigen Nationaltheater vorbereitet. Er ist unmittelbar von ihren Fähigkeiten beeindruckt und rät ihr zu weiteren Studien in Paris.

Von Prag nach Paris

Für ihre Abschlusskomposition, die "Militärsinfonietta", deren Uraufführung sie selbst dirigierte, wurde sie mit dem Smetana-Preis ausgezeichnet. Sie weiß die Jury zu überzeugen und bekommt ein Stipendium in Frankreich. In Paris beginnt für sie ab 1937 eine neue Ära. Nadja Boulanger, selbst Dirigentin und Komponistin soll ihre neue Dozentin werden. Am Konservatorium schreibt sie sich in die Dirigierklasse bei Charles Münch ein und dirigiert knapp ein Jahr später ein Konzert mit Werken von Bohuslav Martinu, Leos Janacek und Josef Suk. Sie macht Bekanntschaft mit Florent Schmitt, Darius Milhaud und Arthur Honegger. In Paris pflegt sie auch enge Kontakte zu tschechischen Landsleuten, vor allem aber zu Martinu, der schon lange in Paris lebt und arbeitet. Die Vielfalt musikalischer Ideen der jungen Komponistin fasziniert ihn und er berät sie im Umgang mit musikalischem Material, das sich auf weniges beschränken sollte.

In Paris komponiert Kaprálová 1938 die "Variations sur le Carillon de L’Église St. Etienne-du Mont, op. 16".  Erneut gestaltet sie in der von ihr bevorzugten Form mit Variationen über einem Thema in raffinierten harmonischen Wendungen voller Expressivität.

Musik: Vítezslava Kaprálová - "Variations sur le Carillon de L’Église St. Etienne-du Mont, op.16" (Ausschnitt)

Bohuslav Martinů war von diesen Variationen so begeistert, dass er unmittelbar eine Veröffentlichung bei einem Verlag in Paris initiiert. Zwischen ihm und Kaprálová entwickelt sich eine intensive Künstlerfreundschaft, die schließlich in einem Liebesverhältnis mündet. Kaprálová erkennt die Aussichtslosigkeit der Situation, denn er ist verheiratet. Sie trennt sich und heiratet den Schriftsteller Jiří Mucha, Sohn des französischen Malers Alfons Mucha.

Besatzung, Evakuierung, überraschender Tod

Wegen der bevorstehenden Besetzung von Paris durch die deutschen Truppen, wird das Paar nach Montpellier evakuiert, wo Vítezslava Kaprálová kurze Zeit später am 20. Juni 1940 an den Folgen einer Tuberkulose stirbt.

Im selben Jahr entsteht das wahrscheinlich letzte Stück für Klavier solo von Kaprálová, "Dance for piano". Eine Komposition, die nie veröffentlicht wurde und durch den Interpreten dieser Einspielung Giorgio Koukl anhand der erhaltenen Fragmente rekonstruiert wurde. Gewidmet hatte sie es ihrem Lieblingspianisten Rudolf Firkusny.

Musik: Vítezslava Kaprálová - "Dance for piano" 

Giorgio Koukl hat sämtliche Kompositionen für Klavier solo von Vítzeslava Kaprálová für das Label Grand Piano eingespielt. Diese Aufnahmen sind über den Vertrieb Naxos erhältlich. Weitere Informationen zur Komponistin können Sie im Internet unter www.kapralova.org abfragen.

Vítezslava Kaprálová: Complete Piano Music
Giorgio Koukl, Klavier
Label: Grand Piano CD GP708,
LC 05537
EAN: 747313970827

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