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StartseiteBüchermarktVom Attraktions-Kino zum Erzähl-Kino11.04.2012

Vom Attraktions-Kino zum Erzähl-Kino

Klaus Kreimeier: "Traum und Exzess – Die Kulturgeschichte des frühen Kinos", Zsolnay

Klaus Kreimeiers leserfreundliche Annäherung an die Kulturgeschichte des frühen Kinos zwischen 1884 und 1914 erzählt von Wanderkinos auf Jahrmärkten bis hin zu den Kinopalästen in den Metropolen, von den ersten cineastischen Experimenten bis zu den abendfüllenden Epen der Stummfilmzeit.

Von Rainer Berthold Schossig

"Es geht mir letztlich um eine Wahrnehmungsgeschichte", sagt Klaus Kreimeier. (AP Archiv)
"Es geht mir letztlich um eine Wahrnehmungsgeschichte", sagt Klaus Kreimeier. (AP Archiv)

Es ist wohl eher ein Zufall, dass der mit Golden Globes, Césars und Oscars überschüttete "Stumm"-Film "The Artist" und Klaus Kreimeiers Buch über die Wurzeln des frühen Kinos nahezu zeitgleich erschienen sind. Freilich, die oberflächliche Nostalgie des populären Stummfilm-Remakes hat bei genauerem Hinsehen mit der leserfreundlichen Annäherung Klaus Kreimeiers an die Kulturgeschichte des frühen Kinos fast nichts gemein.
Kreimeier, der bis 2004 Medienwissenschaft an der Universität Siegen lehrte, setzt sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte des Films auseinander. Vor zehn Jahren erschien seine "UFA-Story", die Aufstieg und Fall des legendären deutschen Filmkonzerns schildert. Mit seinem jüngsten Buch "Traum und Exzess" geht Kreimeier einen weiteren, großen Schritt zurück in die Filmgeschichte: Er untersucht den Zeitraum zwischen 1884 und 1914, als sich das neue Medium herausbildete – mitten im Handgemenge industrieller Krisen und Innovationen, im geistigen Tohuwabohu an der Schwelle der Moderne.

"Es geht mir letztlich um eine Wahrnehmungsgeschichte, ob sich im Medienkontext, der ja immer ein kultureller ist und unsere Lebenswirklichkeit betrifft, ob sich da Veränderungen in unserem Wahrnehmungsverhalten herauskristallisiert haben. Wenn also zwischen 1880 und 1910 mit besonderer Verve gestritten wird über die Nervosität der Zeit, dann ist das für zunächst ein kulturelles Phänomen der Zeit, das ich beobachte als Diskurs. Also Wahrnehmungsgeschichte als Diskursgeschichte."

Eine Gesamtdarstellung der Frühgeschichte des Films lag bisher nicht vor. Kreimeier reagierte als erster deutscher Autor auf die internationalen Veränderungen, insbesondere des amerikanischen Forschungsinteresses in den letzten Jahrzehnten. Und doch hat er kein Buch für Spezialisten geschrieben; sein Analyse wendet sich an den interessierten Kino-Laien. Und dass man sich in die Abenteuer der tollkühnen Männer mit den Kurbel- und Flimmerkisten mit wachsendem Interesse hineinliest, liegt wohl auch daran, dass man Parallelen erkennt zwischen jenen "Flegeljahren des Kinos" und unserer Epoche, die – hin- und her gerissen zwischen analogen und digitalen Medien – von vergleichbaren Umbrüchen und Paradigmen-Wechseln geprägt ist. Anschaulich versetzt uns Kreimeier zurück in die Zeiten des "Asphalt-Dschungels", der kleinen Luna-Parks und großen Weltausstellungen, mit ihren Sensationen und Attraktionen aus Mechanik, Licht und Bewegung. Hier, in den Untiefen des Tingeltangels, der "Dame ohne Unterleib" wurde die Kinematografie geboren. Und entsprechenden bürgerlichen Vorurteilen war es ausgesetzt.

"Man verachtete dieses Medium auch, weil es die Massen zu verführen schien, weil es so aussah, als würden die ungebildeten Massen nicht nur auf dem Stand der Unbildung verharren, sondern in die Verdummung hineingetrieben werden. Wobei hier auch die Trennlinie ist zwischen den konservativen Beobachtern dieses Mediums und dem Interesse der aufgeweckten, aufgeklärten Intelligenz."

Geradezu packend wird beschrieben, wie die Erfindungen von Eisenbahn und Telegraf, Elektrizität und Verbrennungsmotor, eine bisher ungeahnte globale Allgegenwärtigkeit und Beschleunigung aller Verhältnisse, ein neues "Nervöses Zeitalter" entstehen ließen, dem der viel geschmähte Kintopp adäquat Ausdruck verlieh. Zugleich wird daran erinnert, dass Bildvokabular und Syntax des neuen Mediums alles andere als wissenschaftlich erforscht waren. Im Studio galt das Ellbogenprinzip ebenso wie im Filmgeschäft. Die Produktion des neuen Mediums verlief so instinktiv wie dessen Rezeption im engen, dunklen Vorführ-Raum. Kaum geboren, musste sich das Kino auf einem ruppigen Markt bewähren, abhängig von einer Technik, die noch in den Kinderschuhen steckte, angetrieben von Geschäftemachern und Glücksrittern, aber auch von der ästhetischen Neugier der Akteure und Regisseure, die sich oft blindlings dem Risiko des Scheitern aussetzten:

"Die kulturelle Avanciertheit des Mediums und seine ökonomische Seite bedingten einander. Den geschäftstüchtigen Machern – da ist Hollywood nur ein Beispiel – war immer klar, dass es sich als Massenmedium nur dann bewähren würde, wenn das künstlerische Interesse an den Möglichkeiten des Kinos lebendig bleibt."

Bei der Lektüre von "Traum und Exzess" ist man erstaunt, wie atemberaubend schnell dieses Medium aus den Flegeljahren kam, wie elegant es sich vom reinen Attraktions-Kino zum Erzähl-Kino mauserte, und mit welchem Engagement sich die Film-Pioniere ins Zeug legten, ohne auch nur ahnen zu können, worauf es mit dem Kino hinauslaufen würde. Alles lag noch im Nebel des heraufziehenden 20. Jahrhunderts, Charles Chaplin, Buster Keaton oder Fritz Lang, Klassiker der Stummfilmzeit waren damals gerade erst geboren. Allerdings war die Stimmung, die Atmosphäre, das Aroma des Kinos schon früh voll ausgebildet. Und leise ging es im Kino der Stummfilmzeit schon gar nicht zu.

"Es ging sehr munter zu in den Kneipenkinos. Man unterhielt sich während der Vorführung, und entsprechend war der Lärmpegel, der Projektor machte Krach – und das war keineswegs im Interesse der Produzenten, und man versuchte, durch mehr Ordnung, durch feste Stuhlreihen zu einer Situation zu kommen, in der sich der Einzelne konzentrieren sollte auf das filmische Ereignis."

"Traum und Exzess" endet mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Erst nach diesem Albtraum sollte sich der Film – vor allem in Hollywood – zur "Traumfabrik" auswachsen. Doch mitgefühlt, mit gelitten und geträumt wurde schon bald, nachdem die Bilder laufen gelernt hatten. - "Im Kino gewesen. Geweint." – Diese Tagebucheintragung Franz Kafkas meint jenes Urkino, das Klaus Kreimeier mit Hingabe beschreibt. Und nach der Lektüre begreift man sehr viel besser, warum Kafka im Kino weinte.

Klaus Kreimeier: Traum und Exzess – Die Kulturgeschichte des frühen Kinos.
Zsolnay Verlag, 2011, 416 Seiten, 24.90 Euro

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