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StartseiteEuropa heuteVon Brüssel nach Buxtehude12.02.2007

Von Brüssel nach Buxtehude

EU- Beamte im Industriepraktikum

Seit Anfang des Jahres schickt EU-Industriekommissar Günther Verheugen seine 350 Beamten zum Praktikum in Unternehmen, um mehr Verständnis für die Bedürfnisse des Mittelstands zu wecken. Inzwischen liegen erste Erfahrungen vor. Bettina Bräuniger berichtet.

Das Berlaymont-Gebäude in Brüssel, Sitz der Europäischen Kommission. (EU-Kommission)
Das Berlaymont-Gebäude in Brüssel, Sitz der Europäischen Kommission. (EU-Kommission)

"Guten Tag, meine Damen und Herren, wir begrüßen Sie im Regional-Express 14568 auf der Fahrt nach Cuxhaven. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Fahrt. Der nächste fahrplanmäßige Halt ist Buxtehude."

Buxtehude, eine kleine Stadt mit knapp 40.000 Einwohnern, rund 30 Kilometer südwestlich von Hamburg gelegen, ist das Reiseziel für Michel Bosco. Bosco kommt aus Brüssel. Als EU-Beamter steht er seit 16 Jahren im Dienst der Europäischen Kommission, Generaldirektion Industrie. Der 46-jährige Franzose ist einer der ersten von 350 Beamten, die Brüssel zum Praktikum ins Land entsendet. Seine ersten Eindrücke:

"Diese Mischung von Industrielandschaft und alten Wohnvierteln mit einer Tradition von zum Teil 700 oder 800 Jahren, die hat einen gewissen Charme. Hier lässt es sich ganz angenehm leben, eine wirklich charmante und dynamische Stadt."

Dynamisch präsentiert sich dem hochrangigen EU-Beamten auch das gastgebende Unternehmen: Das Ingenieurbüro Lühmann, ein mittelständischer Dienstleistungsbetrieb, hat in den vergangen drei Jahren seine Mitarbeiterzahl von 100 auf 200 verdoppelt, macht einen Jahresumsatz von 12 Millionen Euro und arbeitet mittlerweile an vier Standorten, unter anderem auch in Frankreich. Die Ingenieure konstruieren Flugzeugkabinen. Geschäftsführer Peter Lühmann blickt - trotz aktueller Airbuskrise - optimistisch in die Zukunft:

"Flugzeugbau, auch wenn er sich zurzeit vielleicht in der Krise befindet oder darüber negativ berichtet wird, ist ein Wachstumsmarkt. Mobilität wird immer weiter zunehmen, so rechnen wir. Und deswegen planen wir für Wachstum."

Auf dem Firmengelände ist der Platz für ein neues Bürogebäude schon freigehalten. Wenige Schritte entfernt befindet sich das Buxtehuder Airbus-Werk. Wie dort die Ideen des Ingenieurbüros in die Tat umgesetzt werden, zeigt Airbus-Mitarbeiter Christian Riedel:

"Das, was Sie hier sehen, sind die absolut echten Innenabmessungen von der A380-Kabine, nicht nur der Eingangsbereich, sondern die gesamte Kabine, Maindeck hier im unteren Bereich und Upperdeck. Für uns war es das Wichtige, dass wir hier ein Ambiente bekommen, genau so wie es in der A380 ist. Unsere Teile sind hier drin, das sind die Originalkabinenteile, Originalbeleuchtungsteile. Was Sie hier gerade aufleuchten sehen, das ist wie in der A380."

Michel Bosco darf den Geschäftsführer des Ingenieurbüros, Peter Lühmann, auf Schritt und Tritt begleiten. Visiten im Hamburger Airbuswerk stehen ebenso auf dem Programm wie ein Blick auf die dreidimensionalen Computerzeichnungen im Konstruktionsbüro. Vor allem aber verschafft sich der EU-Beamte einen Eindruck über die Bedürfnisse eines mittelständischen Unternehmens im Bereich der Luftfahrtindustrie:

"Man kann nicht technisch führend sein, wenn man sich nicht aktiv an der Forschung beteiligt. Deshalb hat dieses Unternehmen genau wie andere in dieser Gegend großes Interesse daran, an Forschungsprojekten teilzunehmen, zum Beispiel mit Unternehmen in Frankreich, mit Zentren in Großbritannien oder Ungarn, um nur ein paar Beispiele zu nennen."

Der EU-Beamte verwaltet in der Generaldirektion Industrie die Forschungsprogramme zur Förderung unternehmerischer Initiative und Innovation. Bedenken, dass durch das Praktikum bestimmte Unternehmen finanziell bevorzugt werden könnten, weißt er entschieden zurück:

"Ziel unserer Besuche ist es, die ganze Atmosphäre in uns aufzusaugen, uns von den Bedürfnisse der Unternehmen durchdringen zu lassen, aber nicht, eine Vorauswahl oder Selektion vorzunehmen."

Nicht die Europäische Kommission habe schließlich die Auswahl der Unternehmen getroffen, sondern die Unternehmensverbände selbst - etwa die Vereinigung der europäischen Industrie- und Handelskammern. Um den Informationsfluss über diese zwischengelagerten Verbände geht es im Wesentlichen, wenn Michel Bosco gemeinsam mit seinen Praktikantenkollegen in Brüssel Bilanz ziehen wird.

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