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Seit 01:10 Uhr Hintergrund
StartseiteForschung aktuellWarten auf das große Beben12.04.2006

Warten auf das große Beben

Seismologen fordern landgestützte Überwachungsstationen für Sumatra

Geophysik. - Vor knapp anderthalb Jahren fielen Hunderttausende von Menschen einem Tsunami in Südasien zum Opfer, ausgelöst durch ein Beben vor der Küste von Sumatra, wo gleich mehrere Kontinentalplatten aufeinander stoßen. Auch direkt auf Sumatra ist die Gefahr eines Erdbebens sehr groß. Zwar wird ein Beben an Land keinen Tsunami auslösen, aber in den dicht besiedelten Gebieten könnten die Opferzahlen trotzdem sehr hoch sein. Französische Seismologen fordern deshalb nicht nur den Ausbau eines Tsunami-Überwachungssystems, sondern GPS-Stationen an Land, um das Gebiet besser beobachten und gegebenenfalls warnen zu können.

Von Dagmar Röhrlich

Luftaufnahme einer durch den Tsunami vor anderthalb Jahren zerstörten Siedlung auf Sri Lanka (AP)
Luftaufnahme einer durch den Tsunami vor anderthalb Jahren zerstörten Siedlung auf Sri Lanka (AP)

" Mir macht Sorgen, dass jetzt alle Aufmerksamkeit Tsunamis gewidmet wird, und dabei die Erdbeben selbst etwas aus dem Blickfeld geraten. Alle kümmern sich um das Tsunami-Warnsystem, das sicher sehr wichtig ist, aber vielleicht vergessen sie darüber, dass der Auslöser ein Erdbeben war, und dass in der Folge das Erdbebenrisiko in der Großen Sumatrastörung gewachsen ist."

Christophe Vigny vom französischen Forschungszentrum CNRS. Im Osten des Indischen Ozeans stoßen gleich mehrere Kontinentalplatten aufeinander, wodurch immer wieder schwere Beben entstehen. Deshalb bauen die Staaten der Region GPS-Stationen auf, um die Plattenbewegungen kontinuierlich zu verfolgen. Ihre Daten nutzten Vigny und sein Team für eine genaue Analyse des Sumatra-Bebens:

" Am Tag des Erdbebens, am 26. Dezember 2004, arbeiteten 40 GPS-Stationen und sammelten Daten genau zu dem Zeitpunkt, als das Erdbeben sich ereignete. Durch diese Daten haben wir ein komplettes Bild davon gewonnen, wie sich die Erdbewegung fortpflanzte."

Die französischen Forscher erkannten, dass das Weihnachtsbeben von Sumatra in Wirklichkeit aus zwei Erdbeben bestand. Das erste löste sich vor Aceh und der Bruch raste dann mit rund fünf Kilometer pro Sekunde 500 Kilometer nach Norden zu den Nikobaren.

" Dann - es war vielleicht 30 Sekunden später, zerriss ein zweites Beben den nördlichen Ast der Störung, der durch die Inselgruppe der Andamanen läuft. Das erste Beben hat durch sein intensives Stressfeld das zweite ausgelöst."

Das Gebiet kam nicht zur Ruhe: Drei Monate später triggerten die Spannungsverlagerungen noch ein drittes Beben: Diesmal traf es die indonesische Insel Nias südlich von Aceh. Und den Berechnungen der Seismologen zufolge hat sich die Störung immer noch nicht beruhigt. Christophe Vigny:

" Wir haben also eine Abfolge von drei Erdbeben mit unterschiedlichen Startpunkten und Auslösern. Und offensichtlich wird es ein viertes und möglicherweise sogar ein fünftes Beben geben. Weiter südlich, wo die australische Platte unter die Sundaplatte taucht, das ist vor Padang, der größten Stadt in Mittelsumatra. Und weiter nördlich im Aracagnama-Graben vor Myanmar. Es ist keine Frage, dass diese Erdbeben stattfinden werden, die Wahrscheinlichkeit beträgt 100 Prozent. Die einzige Frage ist, wann sie stattfinden und welcher Prozess den Zeitpunkt bestimmt."

Christophe Vigny und seine Kollegen haben bereits eine Vorstellung davon: Durch das immens starke Beben von Weihnachten 2004 wurde die Kontinentale Platte, auf der Sumatra liegt, gedehnt. Das ist ungewöhnlich, denn eigentlich wird sie durch den Druck Australiens gestaucht. Das Gestein der gedehnten Platte verhält sich wie ein Schwamm und saugt sich gerade mit Meerwasser voll. Das wird zum Problem, sobald die dehnende Kraft nachlässt und die australische Platte wieder vorstößt:

" Das ist der Mechanismus, der Erdbeben auslöst: Ein System, das mit Wasser gesättigt ist und unter Druck gesetzt wird. Wir wissen, dass so etwas die Reibung stark herabsetzt, und wenn man an einer Störung die Reibung stark herabsetzt, erwarten wir ein Erdbeben."

Vigny will daher mit GPS-Hilfe kontinuierlich beobachten, ob sich die beteiligten Platten so verhalten wie vermutet. Wäre das Stationsnetz dichter, könnte man mit aller Vorsicht sogar an eine Bebenvorhersage denken, nicht für Wochen oder Monate, aber auf ein Jahr genau. Aber anders als beim Tsunami-Warnsystem treten die Verhandlungen hier auf der Stelle. Wenn aber weiterhin nur geredet wird, könnte zu spät sein.

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