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Weckt Lust auf Barcelona

Zusammen mit seiner Ehefrau Cristina - sie ist die Leiterin des Museo de Arte Moderno in Barcelona, - hat der ehemalige UNO-Konferenzdolmetscher Eduardo Mendoza eine beeindruckende Kultur- und Sozialgeschichte des Modernisme vorgelegt: "Barcelona, Eine Stadt erfindet die Moderne". Kenntnisreich und nuanciert entwerfen die Autoren ein Porträt des bürgerlichen Barcelona im ausgehenden XIX. Jahrhunderts und zeigen, wie sich eine blasse und unscheinbare Stadt ihre eigenen Mythen schuf.

Von Margrit Klingler-Clavijo

Blick über Barcelona, im Hintergrund die Gaudi-Kathedrale "La Sagrada Familia" (AP Archiv)
Blick über Barcelona, im Hintergrund die Gaudi-Kathedrale "La Sagrada Familia" (AP Archiv)

Eduardo Mendoza hat erst in New York, wo er jahrelang Konferenzdolmetscher bei den Vereinten Nationen war, die Vorzüge seiner Heimatstadt Barcelona schätzen gelernt. Nach der Rückkehr aus den USA hat er sie zum Schauplatz seiner Romane und Erzählungen gemacht. In seinem Roman DIE STADT DER WUNDER erweist er sich als sachkundiger Chronist und humorvoller Kritiker der katalanischen Hauptstadt.

Zusammen mit seiner Ehefrau Cristina - sie ist die Leiterin des MUSEO DE ARTE MODERNO in Barcelona, das heute dem MUSEO NACIONAL D`ART DE CATALUNYA zugeordnet ist - hat Eduardo Mendoza eine beeindruckende Kultur- und Sozialgeschichte des Modernisme vorgelegt: Barcelona, Eine Stadt erfindet die Moderne. Im Umfeld der Weltausstellung von 1888 hatte sich Barcelona mit dem Modernisme eine neue Identität zugelegt, die den geschäftstüchtigen Katalanen eine Aura mondänen Glanzes verlieh und mit dem Jugendstil oder der Belle Epoque vergleichbar ist . Eduardo Mendoza gehört zu den angesehensten Autoren Kataloniens, das in diesem Jahr das Schwerpunktthema der Frankfurter Buchmesse sein wird.

Spätestens seit der Olympiade im Jahr 1992, definitiv jedoch seit dem Weltforum der Kulturen, das im Sommer 2004 in Barcelona stattfand, steht die katalanische Hauptstadt im Ruf einer weltoffenen, wandlungsfähigen Metropole, die Modellcharakter für die Stadt des XXI. Jahrhunderts haben könnte.

Es war jedoch nicht das erste Mal, dass diese Stadt am Mittelmeer ihr äußeres Erscheinungsbild im Hinblick auf internationale Großereignisse verändert hatte. Bereits im Vorfeld der Weltausstellung von 1888 hatte sich Barcelona mit dem Modernisme eine neue Identität zugelegt. Wie das vonstatten gegangen war, hat Eduardo Mendoza mit seiner Ehefrau Cristina in einer beeindruckenden und gut dokumentierten Kultur - und Sozialgeschichte Barcelonas beschrieben. Die Autoren haben sich dabei auf die Entstehungszeit des Modernisme konzentriert und gezeigt, wie sich die Bourgeoisie über die großzügige Modernisierung der Stadt ein neues Image schuf , zu dem jene Weltoffenheit gehörte, die seitdem mit dieser Hafenstadt assoziiert wird.

Etliche Katalanen waren zu Beginn des XIX. Jahrhunderts nach Lateinamerika ausgewandert und waren dort über den Sklavenhandel oder andere lukrative Geschäfte relativ schnell zu viel Geld gekommen.. Nach ihrer Rückkehr setzten diese Neureichen alles dran, um ihre triste und provinzielle Heimatstadt aufzumotzen und ihr, die in einer erbitterten Dauerrivalität mit Madrid steckte, etwas mehr Charme und Flair zu verleihen oder wie es ganz prosaisch in einem 1860 verfassten Plan zur Stadterweiterung heißt: "den Ort anderen gleichzusetzen, wo man sich nach Kräften bemüht hat, die Bedürfnisse der aktuellen Zivilisation zu befriedigen." (S.22)

Sachkundig und detailliert haben die Autoren gleichsam von der Wiege bis zum Grab die Lebensumstände des katalanischen Bürgertums aufgezeigt: Habitat, Kleidung, Sitten, Architektur, Kultur, Unterrichtswesen, Unterhaltung und Vergnügen, etc. Des öfteren werden heute bizarr anmutende Hinweise auf die Zwänge der klassischen Frauenrolle referiert und mit einem verschmitzten Augenzwinkern absurde Kuriosa. Die Welt der Arbeiter wird nur gestreift, etwas ausführlicher wird die Entstehung der Anarchistenbewegung referiert, die zu Beginn des XX. Jahrhunderts in Barcelona eines ihrer wichtigsten Zentren hatte.

Veranschaulicht wird diese bewegte Epoche des Umbruchs mit zahleichen Fotos sowie einer Reihe von Dokumenten aus der damaligen Zeit. Am augenfälligsten sind die architektonischen Veränderungen, all die kühnen Neubauten, die heute noch das Stadtbild prägen. Allen voran die Sagrada Familia, die monumentale Kathedrale, die Antonio Gaudí, ihr größenwahnsinniger Architekt, trotz jahrzehntelanger Bauzeit nicht fertig stellen konnte. Die Handschrift dieses Architekten, der sich stark in der arabischen Baukunst inspirierte, kann man in Barcelona auch bei einer Vielzahl großbürgerlicher Villen bewundern. Allerdings war er nicht der einzige Architekt des Modernisme. So schuf Jordi Puig i Cadfalch imposante Villen in einem Stil, der sich in der Gotik inspirierte. und die bunten Glasfenster des Café Torino scheinen mit dem Jugendstil identisch. zu sein. Eigens für die Weltausstellung wurde auf den Hügeln der Stadt der Parque Guell errichtet, dieser phantastische, märchenhafte Vergnügungspark.

Im Gran Teatro del Liceo besuchte man nicht nur italienische und französische Opern, sondern feierte auch rauschende Maskenbälle, die sich als schrille und bunte Jahrmärkte bürgerlicher Eitelkeiten entpuppten. Künstler und Intellektuelle trafen sich lieber in dem Lokal El cuatre Gats, das den Künstlerkneipen des Pariser Montmartre nachempfunden war. Nächtelang wurden heftig debattiert, ob man als Katalane lieber den Blick auf Europa oder auf Madrid richten sollte, das zwar die Hauptstadt Spaniens war, doch infolge seiner Rückständigkeit als Vorbild nicht in Frage kam.

Kenntnisreich und nuanciert haben Cristina und Eduardo Mendoza ein Porträt des bürgerlichen Barcelona im ausgehenden XIX. Jahrhunderts entworfen und gezeigt, wie sich eine blasse und unscheinbare Stadt ihre eigenen Mythen schuf. Nach der unterhaltsamen Lektüre dieses Buches, verspürt man Lust, sich sofort nach Barcelona zu begeben und mit dem Buch in der Hand durch die katalanische Hauptstadt zu flanieren.

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