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StartseiteBüchermarktWie komme ich hier raus? Aufgewachsen in der Provinz16.05.2003

Wie komme ich hier raus? Aufgewachsen in der Provinz

Kiepenheuer & Witsch, 190 S., EUR 8,90

Was ist Provinz? Die Franzosen und die Engländer haben es leicht, sie zu definieren: Provinz ist, was nicht Paris und nicht London ist. Wir haben jetzt Berlin, doch davon wird später noch zu reden sein. Vorerst befinden wir uns in der deutschen Provinz, in diesem Fall in Deutschlands Nordwesten, etwa in der Mitte zwischen Ostfriesland und Oldenburg. Dort ist Kolja Mensing aufgewachsen, heute Literaturredakteur der <em>taz</em> , und übers "Aufwachsen in der Provinz" hat er ein Buch geschrieben, über die Provinz als Hintergrundfolie, die das gesamte weitere Leben bestimmen wird, selbst wenn man ihr längst den Rücken gekehrt hat.

Jochen Schimmang

Provinz ist nicht mehr Krähwinkel, sondern Autobahnanbindung, Jugendzentrum, Freibad, Gewerbefläche, Kinocenter und Einkaufszentrum. Sie ist auch Ökoprotest und lokale Faschismusforschung im Geschichtsunterricht, wie sich ja überhaupt die Formen des politischen und kulturellen Protests der siebziger und achtziger bis heute am hartnäckigsten in der kleinen Stadt gehalten haben. Eine Kulturrevolution nennt Mensing das zu Recht in seinem Aufgalopp fürs Buch und schreibt: "Wir sind die Kinder dieser neuen Provinz."

Was das heißt. macht er in der Folge an sieben Kapiteln von "Gartenzwerge" bis "Regionalexpress" und einem Epilog mit dem Titel "Siegerland" deutlich. Beim Lesen stellt sich allerdings nicht die angenehme Wiedererkennungsreaktion "das war bei uns auch so" ein. Kolja Mensing erzählt Geschichten, aber er tut das nicht, damit wir uns wohlig erinnern können. Vielmehr handelt es sich undercover um eine kleine Geschichte der Bundesrepublik.

Am Ende eines jeden Kapitels widmet sich Mensing der Reflexion eines "Weltkulturerbes". Gleich zu Beginn analysiert der Autor das Weltkulturerbe Eigenheim. Das erste Konzept dieses später durch Wüstenrot und Schwäbisch Hall so kräftig geförderten Kulturguts wurde schon 1943 von Albert Speer entwickelt. Je zersiedelter eine Landschaft ist, desto weniger Schaden wird sie im Falle von Bombardements nehmen, und so wurde das Eigenheim als "luftschutzgerechte Hausform" ins Visier genommen. Dass nach 1945 keine Bomben mehr auf Deutschland fielen, hielt den Siegeszug des Einfamilienhauses nicht auf.

Wer in der Provinz wohnte, mochte sich lange am Ende der Welt fühlen, obwohl das schon mir in den sechziger Jahren nicht mehr so ging, weil die Piratensender und die Beatles schließlich überall waren. Spätestens mit dem Kabelfernsehen aber, das Mensing deshalb zu Recht zum Weltkulturerbe rechnet, kann vom Ende der Welt nicht mehr die Rede sein – vielleicht deshalb aber auch nicht mehr vom Zentrum, doch darauf kommen wir noch. "Stefans Zimmer" jedenfalls – so der Titel eines Abschnitts – Stefans Zimmer, in dem nichts anderes passiert als Fernsehen, ist "mitten im Leben". Anders gesagt: wer fernsieht, braucht eigentlich nicht mehr raus.

Dass der schulisch verordnete antifaschistische Kampf und das ökologische Bewusstsein irgendwann direkt in eine frühe Form der Ich-AG führen, macht Mensing am Beispiel des Tennisbooms der achtziger Jahre und am Weltkulturerbe Boris Becker klar. Dass die Selbstverwaltung und das Freizeitcenter zum Weltkulturerbe gehören, versteht sich von selbst. All das hat uns die unerschöpfliche Kreativität der Provinz beschert, und doch zieht es uns heute wie damals von ihr fort.

Und wohin? In die Metropole natürlich, ins neue Berlin, wo Kolja Mensing in der Kochstraße den Literaturteil der taz redigiert und wo alle sich furchtbar Mühe geben, das Metropolengefühl herzustellen. Dass die ökonomische Potenz keineswegs in Berlin konzentriert und die kulturelle Deutungsmacht nach wie vor auf viele Submetropolen verteilt ist, ficht den Neometropolitaner nicht an. Und der ist es schließlich, der das neue Berlin mangels einer alten Hauptstadtpopulation überhaupt erst schafft, denn unablässig strömt er aus Schwaben, aus dem Ruhrgebiet, aus Westerstede oder aus Franken dorthin. Deshalb kommt Mensing zu dem so melancholischen wie zutreffenden Resümee, dass der Siegeszug Berlins in Wahrheit der der Provinz ist und fragt: "Einst ging man in die Stadt, um der Provinz zu entkommen. Aber wohin soll man gehen, wenn überall Provinz ist?"

Die Frage kann ich nicht beantworten. Dagegen kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass dies das Klügste ist, was seit sehr langer Zeit über die Provinz in Deutschland geschrieben worden ist.

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