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StartseiteEine WeltZankapfel Malwinen11.02.2012

Zankapfel Malwinen

Argentinien 30 Jahre nach dem Falklandkrieg

Die Falklandinseln vor der argentinischen Küste sind seit langem der Zankapfel zwischen der britischen und der argentinischen Regierung. Großbritannien hat sein modernstes Kriegsschiff vor den Falklandinseln stationiert, jetzt leistet auch der britische Thronfolger seinen Dienst vor den Inselgruppe im Südatlantik.

Von Victoria Eglau

Die Falklandinseln liegen im Südatlantik vor der Küste Argentiniens, gehören aber zu Großbritannien. (picture alliance / dpa)
Die Falklandinseln liegen im Südatlantik vor der Küste Argentiniens, gehören aber zu Großbritannien. (picture alliance / dpa)

"Malvinas, Malvinas, Malvinas argentinas!"

"Die Malwinen sind argentinisch", skandieren Anhänger von Präsidentin Cristina Kirchner am vergangenen Dienstag in der "Casa Rosada", dem Regierungspalast in Buenos Aires. Malwinen - so heißen in Argentinien die Falklandinseln, die sich 500 Kilometer vor seiner Südküste befinden. 1833 gab es dort einen argentinischen Gouverneur und knapp hundert Bewohner, als Großbritannien die Inselgruppe besetzte. Der junge Staat Argentinien hatte die Malwinen von der ehemaligen Kolonialmacht Spanien geerbt und fordert seitdem die Rückgabe.

"Ich habe unseren Außenminister angewiesen, vor dem Sicherheitsrat und der Vollversammlung der Vereinten Nationen gegen die Militarisierung des Südatlantik zu protestieren, die ein schwerwiegendes Risiko für die internationale Sicherheit darstellt."

Verkündete Präsidentin Kirchner am Dienstag - hinter ihr eine Montage aus einer Landkarte der Malwinen und Argentiniens blau-weißer Nationalflagge. Konkret richtet sich der Protest gegen die Entsendung eines britischen Kriegsschiffs, das zu den Inseln unterwegs ist - laut London ein Routinevorgang, für Buenos Aires eine Provokation.

"Nur als Militarisierung können wir den Einsatz dieses riesigen und modernen Zerstörers verstehen, der den englischen Thronfolger begleitet. Im übrigen hätte ich mir gewünscht, diesen in zivil und nicht in Uniform zu sehen."

Die Argentinier sind not amused, nicht amüsiert, über die Entsendung des Zerstörers und den derzeitigen Einsatz von Militärhubschrauber-Pilot Prinz William auf den Malwinen. Auch das bevorstehende 30. Jubiläum des Falklandkriegs sorgt für erhöhte Spannungen und Empfindlichkeiten zwischen beiden Ländern. Am 2. April 1982 waren argentinische Soldaten auf den Falklandinseln gelandet - entsandt von einer Militärregierung, die ihren Rückhalt in der Gesellschaft schwinden sah. Das nationalistische Abenteuer der Rückeroberung der Malwinen scheiterte, England gewann den Krieg. 649 argentinische und 255 britische Soldaten starben. Ein Jahr später dankten die Militärs in Argentinien ab.

"Unsere Diktatur beging mit dem Krieg einen absolut unverzeihlichen Fehler. Es war ein kriminelles Abenteuer, das wir Argentinier in keiner Weise rechtfertigen. Den Briten erlaubte der Krieg, das Kapitel Malwinen zu schließen."

Bedauert der argentinische Politikwissenschaftler Atilio Borón, und kritisiert die fehlende Verhandlungsbereitschaft Großbritanniens. Jedes Jahr erneuert Argentinien vor dem Entkolonisierungskomitee der UNO seinen Anspruch auf die Malwinen. Das Komitee hat beide Länder wiederholt zur Aufnahme eines Dialogs aufgefordert. Doch die Regierung in London bekräftigte vor wenigen Tagen, sie werde über die Falklands nicht verhandeln, es sei denn, die Kelpers wollten dies. Dies jedoch ist unwahrscheinlich. Die gut 3000 Inselbewohner besitzen die britische Staatsbürgerschaft und identifizieren sich mit dem Mutterland.

"Es ist ein Anachronismus, dass Länder im 21. Jahrhundert noch Kolonien besitzen. Es gibt 16 Kolonien in der Welt, und zehn davon gehören England."

Wetterte am Dienstag Cristina Kirchner. Nicht nur die Präsidentin, die große Mehrheit der Argentinier sieht Großbritannien im Konflikt um die Malwinen im Unrecht.

An der zentralen Plaza San Martín in Buenos Aires befindet sich das Denkmal für die im Falklandkrieg gefallenen Soldaten: 649 Namen sind in schwarze Marmorplatten eingraviert. Der Versuch, die Malwinen mit Militärgewalt wiederzuerlangen, sei ein Irrtum gewesen, sagt Juan, ein Passant. Doch daran, dass die Inseln Argentinien gehörten, gebe es nichts zu rütteln.

"Dass England uns im Jahr 1833 die Malwinen wegnahm, war ein Akt militärischer Piraterie. Seitdem versucht Argentinien auf diplomatischem Wege, die Inseln zurückzubekommen - mit Ausnahme von 1982, als das Diktaturregime den Krieg anfing. Ich könnte mir für die Malwinen eine ähnliche Rückgaberegelung wie für Hongkong vorstellen. Es ist dieselbe Art von Problem, und es wird dieselbe Art von Lösung geben."

Zeigt sich Juan zuversichtlich. Die Rede von Präsidentin Kirchner, in der diese den Protest gegen Großbritannien vor der UNO ankündigte, hat ihm gefallen. Doch es ist in Argentinien auch vereinzelte Kritik an der Malwinenpolitik zu hören, etwa von dem Politologen Vicente Palermo:

"Ich glaube fest, dass unsere Regierung in der Malwinenfrage eine zerstörerische, eine selbstzerstörerische Politik verfolgt. Ich rechtfertige nicht die englische Politik, die mir auch nicht gefällt. Aber wenn unsere Regierung sagt, sie will verhandeln, heißt das im Klartext: Sie will über die Rückgabe der Inseln verhandeln, über nichts anderes. Wenn Argentinien aber die Souveränitätsfrage erst einmal beiseite ließe und zu offenen Gesprächen bereit wäre, wenn wir statt Feindschaft Kooperation anböten, könnte Großbritannien sich Verhandlungen kaum verweigern."

Im Grunde fordert Vicente Palermo, Autor eines Buches über den Konflikt, eine 180-Grad-Wende in der Malwinenpolitik. Seiner Ansicht nach hängt die Regierung das Thema zu hoch - Palermo empfiehlt, seine Relevanz herabstufen. Außerdem müsse Argentinien die Wünsche der Inselbewohner respektieren. Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Großbritannien sieht der Politologe im Tourismus und Umweltschutz, beim Fischfang und bei der Ölförderung.

Dass Firmen mit britischer Lizenz seit 2009 Erdölvorkommen nahe der Falklandinseln erkunden, offenbar mit besten Aussichten für eine künftige Förderung in großem Stil, hatte Argentiniens Regierung erzürnt und den Konflikt verschärft.

"Unsere natürlichen Ressourcen - Fischvorkommen und Ölreserven - werden geplündert."

Klagte Präsidentin Kirchner. Der Konflikt um die Malwinen sei daher nicht nur eine Angelegenheit Argentiniens, sondern ganz Lateinamerikas. Tatsächlich gelang es der Kirchner-Regierung in letzter Zeit, in regionalen Bündnissen Unterstützung für ihre Forderungen zu mobilisieren. Brasilien, Chile und Uruguay schlossen gar ihre Häfen für Schiffe, die die Flagge der Falklandinseln gehisst haben - für den argentinischen Politikwissenschaftler Atilio Borón Grund eine erfreuliche Entwicklung:

"Wir erleben in Lateinamerika eine zunehmende Integration. Das heißt, was früher ein Streit zwischen zwei Staaten war, wird heute immer mehr zu einem Streit zwischen einer Region und einem Staat. Aber uns Argentinier schmerzt es sehr, dass die Europäische Union die Malwinen als überseeisches Gebiet Großbritanniens betrachtet. Die EU kann doch nicht dafür bürgen, dass ein koloniales Unternehmen von vor 200 Jahren aufrecht erhalten wird, das ist absurd."

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