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StartseiteCorsoNeurosen kommen zu den Menschen31.03.2014

ZeitgeistNeurosen kommen zu den Menschen

"Im Internet bin ich viel interessanter" lautet ein T-Shirt-Spruch, den man diesen Frühling schon auf deutschen Straßen sichten konnte. Jeder möchte individuell sein. Also legt sich der bemühte Großstädter eine handfeste Macke zu und kultiviert sie. In seinem Buch "Seinsgründe. 43 Neurosen" stellt der Hamburger Autor Carsten Klook diverse Neurotiker vor.

Von Dirk Schneider

Ein Skater mit Zuschauerin (picture alliance / dpa / ASA / deelight)
Carsten Klook hat sich in Hamburg auf die Suche nach Neurosen seiner Mitmenschen gemacht. (picture alliance / dpa / ASA / deelight)

"Er saugt stundenlang an einem Kugelschreiber, knabbert an Brillenbügeln, starrt Löcher in die Luft und dribbelt mit Sprechblasen. Dabei tut er so, als wäre er nicht da. Jedenfalls merkt er nichts davon. So sieht es von außen aus, wenn man neben ihm sitzt, an einem der Nachbartische in einem der hiesigen Cafés."

Süchtig nach Wohnungsbesichtigungen

Die Stadtneurotiker haben es dem Hamburger Autor Carsten Klook angetan. 43 von ihnen stellt er in seinem Buch "Seinsgründe" vor - nicht wissenschaftlich, rein literarisch. Die meisten von ihnen sind Menschen, die mit einem Übermaß an Zeit in der Großstadt leben, manchmal aber auch Leute wie der Hausarzt, der immerzu Gottfried Benn und lateinische Sinnsprüche zitiert, und bei dem es keine Arzthelferin aushält. Frauen sind erfreulicherweise nur leicht unterrepräsentiert in dieser Sammlung der Sonderlichkeiten:

"Rahel lernte ich in der Wartezone 134 des Arbeitsamtes kennen. Sie rutschte unruhig auf einer braunen Plastiksitzschale umher, die für ihren Hintern unsachgemäß ausgeformt war: Eine Kongruenz schien nicht möglich. Da sie in meinem Viertel wohnte, trafen wir uns zufällig in einem Café wieder. Dabei stellte ich fest: Rahel war süchtig nach Wohnungen. Genauer: Sie litt an einer Besichtigungssucht."

Neurotiker erkennt der Autor beim Blick in den Spiegel

Carsten Klook hat all diese Typen wohl tatsächlich schon einmal in seinem Leben getroffen. Einige wahrscheinlich auch öfter, beim morgendlichen Blick in den Spiegel. Denkt man, wenn man den Ein-Meter-Neunzig-Mann das Café im Hamburger Schanzenviertel betreten sieht. Mit gebeugtem Rücken, über die Wollmütze noch eine Kapuze gezogen. Der Autor bestätigt das gerne:

"Ich hab mehrere Neurosen, ja, aber nicht so viele wie hier im Titel stehen. Ein paar davon sind meine."

"So ein bisschen die These des Buchs ist ja, dass man die pflegen kann, und dass man die ausbildet so inzwischen als eine Art Identitätsersatz oder Markenzeichen, das ist schon so. Das hat heute schon den Charakter, dass das gesellschaftlich schon sehr weit verbreitet ist und gar nicht so sehr als Krankheit gesehen wird."

Viele glauben etwas ganz Besonderes zu sein

Identitätsersatz oder Markenzeichen, in einer Welt, in der Individualität zu den wertvollsten Währungen gehört, weil sie immer seltener wird. Darum haben wir uns auch in einem Cafe im Hamburger Schanzenviertel verabredet. An wenigen anderen Orten in Deutschland trifft man auf so kleinem Raum so viele Menschen, die glauben, etwas ganz Besonderes zu sein. Damit auch andere Menschen das glauben, kultivieren sie ihre Macken und stellen sie draußen zur Schau. Doch der Autor möchte sich gar nicht über eventuell anwesende Neurotiker unterhalten:

"Das Ganze ist ja eine intrapsychische Angelegenheit, das ist ja nichts, was man sofort sieht, und man gibt ja auch nicht damit an, "Also ich hab jetzt total viele Persönlichkeitsstörungen" oder so, das merkt man dann, wenn man die Person kennenlernt, dass da irgendwas nicht stimmt, wenn man jede Stunde einen anderen Lebensentwurf macht für eigentlich mehrere Figuren an einem Tag, dass da irgendwas nicht in Ordnung ist."

Nicht im Mainstream der Normalos untergehen

Das ist erstmal enttäuschend, spricht der Mann, der im Namen der Neurose schreibt, doch in der Werbung für sein Buch von einem Trend, der dahin geht, Neurosen als unspaltbaren Kern der eigenen Identität auszubilden um nicht im Mainstream der Normalos unterzugehen.

"Ich finde das ist ein schöner Satz für eine PR-Aktion. Es suggeriert einem, dass die Neurose einen zum Star machen kann. Das ist natürlich Schwachsinn. Aber ich fand es ganz lustig, den Satz da hin zu stellen."

Also sind wir einem Neurotiker auf den Leim gegangen? Man hätte es sich denken können, denn genau das können diese Neurosenzüchter ja am besten: Interesse für sich wecken. Auch der heideggerianische Buchtitel "Seinsgründe" hat keinen tieferen Sinn:

"Eigentlich sollte das Buch erst "Umzingelt von Singles" heißen, aber der Verleger meinte "Nee, das Thema ist durch, das machen wir nicht.""

Neurosen wollen gepflegt werden

Das Buch ist übrigens eine Sammlung von Texten, die der Autor in einem Zeitraum von über zehn Jahren geschrieben hat. Dass das Neurotische ein durchgängiges Thema bei ihm ist, hat er selbst erst im Nachhinein gemerkt. Neurosen lassen sich nämlich gar nicht ausbilden, sie kommen zu den Menschen. Erst wenn der Mensch sie erkennt, kann er sie pflegen und zur Vollendung bringen. Wie der Mann, den Carsten Klook in der Geschichte mit dem Titel "Falsch verbunden" sagen lässt, und die auch vom großen Neurotiker Woody Allen stammen könnte:

"Ich kann nur eine Beziehung mit einer Frau haben, die auch keine Beziehung haben kann."

Normalsein finden junge Menschen nicht schlimm

Die Lektüre der 208 Seiten ist übrigens sehr unterhaltsam, auch wenn man die verschiedenen Typen recht bald nicht mehr auseinander halten kann. Klook ist ein sehr guter Beobachter, zur Aufklärung hat er noch einen Auszug aus Alfred Adlers "Neurosenlehre" von 1913 angehängt. Und zur Unterhaltung verweist der ehemalige Musikjournalist nach jedem Kapitel auf einen passenden Popsong. Die meisten von ihnen allerdings nicht mehr besonders aktuell, und so kann man Seinsgründe auch als Abgesang auf eine verschwindende Spezies lesen, wie der 54jährige Autor selbst erkannt hat:

"Vielleicht ist das tatsächlich überhaupt nicht schlimm, "normal" zu sein. Das ist ja auch was, was bei den Nachgewachsenen, der jüngeren Generation, auch überhaupt kein Thema ist. Die finden das nicht so schlimm."

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