Mittwoch, 06. Juli 2022

Vor 60 Jahren
Als Nordrhein-Westfalen das erste Immissionsschutzgesetz verabschiedete

Das Wirtschaftswunder ließ die Montan-Industrie des Ruhrgebiets gedeihen - damit aber auch die Luft-Belastung durch ihre Emissionen. In Düsseldorf sah man sich zum Handeln gezwungen: Am 30. April 1962 verabschiedete der NRW-Landtag ein bundesweit erstes Immissionsschutzgesetz.

Von Monika Seynsche | 30.04.2022

Blick auf Duisburg 1972
Duisburg 1972 - noch lange nach Erlass des NRW-Immissionsschutzgesetzes von 1962 blieb die Luft im Ruhrgebiet stark belastet (picture alliance / Klaus Rose)
Zentimeterdicker Kupferstaub klebte auf den Blättern der Bäume, Rauch und Ruß färbten die Häuser, die Wäsche und den Himmel braun, und Schwefeldioxidwolken vergifteten ganze Wälder. Dazu kamen Smog-Episoden, die zu zahlreichen Todesfällen führten. Kinder litten unter Bronchitis und Bindehautentzündung, Erwachsene starben an Lungenkrebs. Ende der 1950er-Jahre wurden die Schattenseiten des Wirtschaftswachstums im Ruhrgebiet immer deutlicher. Die Politik geriet zunehmend unter Druck. Auch durch die Forderung Willy Brandts, die damals noch nach reiner Utopie klang.

„Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.“
Am 30. April 1962 verabschiedete Nordrhein-Westfalen als erstes Bundesland ein Immissionsschutzgesetz. Plötzlich wurde die Industrie in die Verantwortung genommen und zum Handeln gezwungen. Für Dirk Jansen vom Bund für Umwelt und Naturschutz Nordrhein-Westfalen war das ein wichtiger erster Schritt.
„Dieses Gesetz war schon Impulsgeber, dass nicht allein die produzierende Seite im Vordergrund stand, dass gesagt wurde, die Wirtschaft muss brummen, gerade in der Nachkriegszeit, egal, was es kostet, sondern dass auch die negativen Folgen, die Umweltbeeinträchtigungen und die gesundheitlichen Beeinträchtigungen unserer Wirtschaftsweise stärker ins Bewusstsein traten. Es war dann aber in der Tat noch ein langer Weg, bis der Himmel über dem Ruhrgebiet tatsächlich wieder blau war.“

Mit immer nur höheren Schornsteinen war es nicht getan

Denn die Industrie reagierte auf das Immissionsschutzgesetz zwar mit dem Einbau von Rußfiltern, wodurch die Staubbelastung abnahm. Um die Grenzwerte für zum Beispiel schwefeldioxidhaltige Abgase einzuhalten, bauten die Fabrikbesitzer aber einfach nur höhere Schornsteine. Das war gut für die direkte Umgebung der Kraftwerke und Kokereien.
„Aber woanders, in den weiter entfernten Gebieten, wo die Leute sonst mit der Industrie gar nichts zu tun hatten, dort kam jetzt das Problem an. Und der sichtbarste Effekt davon war das Waldsterben, das ja Anfang der 80er Jahre erst für alle Menschen begreifbar machte, was wir denn unserer Umwelt antun, dass vor allen Dingen natürlich die versauernden Schwefeldioxid- Einträge massiv dazu geführt haben, dass großflächig der Wald starb.“ Erst 1983 wurde die Rauchgasentschwefelung für alle Stein- und Braunkohlekraftwerke vorgeschrieben. Die Belastung durch Luftschadstoffe nahm damit immer weiter ab.

Die Schwerindustrie ist mit ihren Emissionen in Entwicklungsländer abgewandert

Heute ist die Luftqualität im Ruhrgebiet zehnmal so gut wie noch 1960. Der sauberen Luft kam dabei auch der Strukturwandel zugute. Alle Zechen sind geschlossen, viele Kohlekraftwerke und die meisten Stahlwerke stillgelegt. Die Rohstoffbeschaffung und die Schwerindustrie sind zum großen Teil abgewandert, oftmals in Entwicklungs- und Schwellenländer. Manfred Santen ist Chemiker bei Greenpeace. Er würde sich wünschen, dass diese Länder nicht die gleichen Fehler machen, wie Deutschland in den 1950er- und 60er-Jahren.
„Es gibt inzwischen genügend Instrumentarien und auch Technologien, um diese Emissionen in den Griff zu kriegen, sage ich mal, also oder zumindest drastisch zu reduzieren. Das ist aber sehr aufwendig, das kann man an diesem Immissionsschutzgesetz ganz gut sehen. Man braucht viele Menschen, die das kontrollieren und umsetzen.“
Und auch im Ruhrgebiet selbst gibt es immer noch Probleme. Aus den Kohlekraftwerken gelangen bis heute große Mengen Quecksilber in die Umwelt. Und erst seit einigen Jahren wird klar, wie problematisch Feinstaub ist. Die Wirkungsforschung zeige immer öfter, dass die bestehenden Grenzwerte zu hoch seien, um die Menschen wirklich vor Schäden zu bewahren, sagt Dirk Jansen.
"Die Grenzwerte müssen sukzessive angepasst werden, wie es zum Beispiel die Weltgesundheitsorganisation für Feinstaub und Stickstoffdioxide seit langem fordert. Jedes Jahr sterben in Deutschland auch immer noch 60.000 Menschen vorzeitig an Feinstaubbelastung. Also, insofern gibt es da noch unheimlich viel zu tun, trotz dieser jahrzehntelangen Gesetzgebung in Form des Immissionsschutzgesetzes."

Kohleausstieg und weniger Massentierhaltung

Nach der Ansicht von Dirk Jansen bräuchte es eine ganz andere Wirtschaftsweise. Denn auch mit den besten Filtern gelangten immer noch viel zu viele Schadstoffe in die Umwelt.
„Wir müssen schnell aus der Kohle aussteigen, wir müssen die Massentierhaltung eindämmen, denn neben Kohlekraftwerken sind vor allen Dingen auch Tierhaltungsanlagen Quelle für gesundheitsschädliche Emissionen und umweltschädliche Emissionen. Wir müssen den Verkehr natürlich umstellen vom Verbrenner und Diesel auf emissionsfreie Antriebstechniken. Das sind heute die Probleme, die im Fokus stehen.“
Werden sie gelöst, könnte der Himmel über dem Ruhrgebiet eines Tages nicht nur blau, sondern auch wirklich sauber sein.