Sonntag, 21. April 2024

Archiv

Auslieferung von Klaus Barbie
Als Bolivien den "Schlächter von Lyon“ abschob

Er zählte zu den berüchtigtsten Nazi-Kriegsverbrechern. Doch lange lebte Klaus Barbie, einstiger Gestapo-Chef von Lyon, unbehelligt in Bolivien - und diente der Militärdiktatur als Folterspezialist. Bis das Regime ihn 1983 an Frankreich auslieferte.

Von Bernd Ulrich | 04.02.2023
Der Nazi-Verbrecher Klaus Barbie - hier im Jahr 1982 - wurde am 4. Februar 1983 von Bolivien an Frankreich ausgeliefert.
Der Nazi-Verbrecher Klaus Barbie - hier im Jahr 1982 - wurde am 4. Februar 1983 von Bolivien an Frankreich ausgeliefert. (picture-alliance / dpa / UPI)
Als einziger Passagier einer Militärmaschine landete Klaus Barbie, alias Klaus Altmann, am 4. Februar 1983 auf französischem Boden. Der einstige SS-Offizier und Gestapo-Chef von Lyon war in der damaligen Militärdiktatur Bolivien nicht mehr erwünscht. Seit vielen Jahren im Land zuständig für alle Techniken der Unterdrückung und Folter, aber auch für Waffenhandel und Drogenschmuggel, war er wegen angeblicher Steuerschulden festgesetzt worden. Nun wurde er an Frankreich ausgeliefert  - zu seinem Entsetzen, so der Historiker Peter Hammerschmidt:
„Barbie war sich noch im Flieger sicher, dass er nach Deutschland kommt, aufgrund seiner ursprünglich deutschen Staatsbürgerschaft. Dass er nach Frankreich kommt, hat ihn tatsächlich geschockt.“

Vom deutschen Verfassungsschutz protegiert

In der Bundesrepublik Deutschland nämlich, so Barbies Kalkül, hätte er womöglich mit einer mit ihm gnädig verfahrenen Justiz rechnen dürfen. Schließlich hatte er nach Kriegsende jahrelang für westliche Geheimdienste als „Kommunistenjäger“ gearbeitet, unter anderem auch für den Bundesnachrichtendienst. Dass Barbie überdies gute persönliche Kontakte in Westdeutschland hatte, ist erst 2011 bekannt geworden. Peter Hammerschmidt über die Quellen, die er darüber fand.
„Dieses Aktenmaterial legt die Vermutung nahe, dass Barbie eben bei seinen Reisen, die nachweislich bis 1980 in die Bundesrepublik durchgeführt wurden, eben auch vom Bundesamt für Verfassungsschutz protegiert wurde, zu einem Zeitpunkt als Barbie identifiziert war und - so zeigt das Aktenmaterial - offenbar hat Barbie in Deutschland auch neofaschistische Organisationen aufgebaut und hat eben dort auch Waffendeals abgewickelt.“

Keine Reue vor Gericht

Am 4. Februar 1983, unmittelbar nach seiner Ankunft in Südkrankreich, kam Klaus Barbie zunächst in Untersuchungshaft. Die Untersuchungen zu dem „Schlächter von Lyon“ genannten Gestapomann zogen sich gut vier Jahre hin. Am 11. Mai 1987 begann der Prozess, zu dessen Beginn Barbie eine Erklärung abgab: „Den Richtern und Geschworenen des Gerichtshofes von Lyon teile ich mit, dass ich illegal hier bin als Opfer einer Entführung, mit der sich zur Zeit das oberste Gericht in Bolivien befasst. Aus diesem Grunde habe ich vor, nicht mehr vor diesem Gericht hier zu erscheinen.“
Tatsächlich konnte Barbie bis zur Urteilsverkündung in seiner Zelle bleiben. Am 4. Juli 1987 wurde er zu lebenslanger Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Von Reue konnte keine Rede sein. Noch in seinem gewährten letzten Wort gab Barbie zu Protokoll, dass seine Verbrechen an den Frauen und Männern des französischen Widerstandes dem Krieg geschuldet gewesen wären – und der Krieg wäre jetzt vorbei.

Genugtuung über Prozess und Urteil

Diese Aussage verschärfte noch die tiefe Spaltung der französischen Gesellschaft. Sie war durch die während des Prozesses entfesselte Diskussion über das Ausmaß der Kollaboration während der deutschen Besatzung offen zutage getreten. Am Ende überwog die Genugtuung über Prozess und Urteil. Auch bei der Journalistin Beate Klarsfeld: „Ich glaube, wenn ein Mann wie Barbie, der jahrelang unbestraft in Südamerika leben konnte und sich auch nicht schämte, vor Presseleuten stolz auf seine Vergangenheit zu sein, dass der eines Tages vor Gericht gestellt wird, ich meine, das gibt Hoffnung in Gerechtigkeit.“
Beate Klarsfeld und ihrem Mann Serge war es bereits 1972 gelungen, den in Bolivien als Klaus Altmann agierenden Barbie zu enttarnen. Allerdings vermochte er weiterhin ohne Verfolgungsdruck etwa aus Deutschland seinen blutigen Geschäften nachzugehen. Erst nach seiner Auslieferung wurde überdies deutlich, dass der SS-Offizier nicht allein Résistance-Mitglieder gefoltert und ermordet hatte, sondern auch ein eifriger Täter im Holocaust gewesen war.
„In den heutigen Morgenstunden wurde das jüdische Kinderheim in Izieu ausgehoben. Insgesamt wurden 41 Kinder im Alter von drei bis 13 Jahren festgenommen. Gezeichnet: Barbie, SS-Obersturmführer", so ein am 6. April 1944 von Barbie verfasstes Fernschreiben. Es waren insgesamt 44 Kinder und einige ihrer Betreuer. Noch im selben Monat wurden sie in das Vernichtungslager nach Auschwitz-Birkenau transportiert.
Klaus Barbie starb am 25. September 1991, 77 Jahre alt, im Gefängniskrankenhaus. Seine Asche wurde in der Seine verstreut.