Archiv

150 Jahre alter Roman
In 80 Tagen um die Welt – "Ein Epos der Pünktlichkeit"

Ein exzentrischer Gentleman, der im Wettlauf gegen die Zeit, "In 80 Tagen um die Erde“ reist. Vor 150 Jahren veröffentlichte Jules Verne seinen faktenreichen, spannenden und komischen Roman – der zu einem Mythos der Moderne wurde.

Von Christoph Schmitz-Scholemann | 30.01.2023
Die Reise von Phileas Fogg im Roman " In 80 Tagen um die Welt" von Jules Verne.
Die Reise von Phileas Fogg im Roman "In 80 Tagen um die Welt" von Jules Verne. (dpa / dpa-infografik GmbH)
Eine ziemlich abgedrehte Wette steht am Anfang dieses phantastischen Romans. Geschlossen wird sie im Herbst 1872 in einem Londoner Club beim späten Herren-Frühstück. Kann man in 80 Tagen die Welt umrunden? Nein, sagen alle – bis auf Phileas Fogg, ein schweigsamer Gentleman mit Pünktlichkeits-Spleen. 20.000 Pfund setzt er auf den Sieg und macht sich noch am selben Abend mit seinem Diener Passepartout auf den Weg.
Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ ist bis heute ein Kassenschlager, egal ob als Film, Graphic-Novel oder Buch. Aber kam es auch bei seinem Erscheinen am 30. Januar 1873 an?  Ja, sagt Ralf Junkerjürgen, Professor für Romanische Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg:
"Das war sein größter Erfolg tatsächlich in seiner literarischen Karriere. Er hat natürlich eine ganze Reihe von erfolgreichen Romanen gehabt, aber das war tatsächlich schon in der Vorpublikation in ‚Le Temps‘ ein großer Erfolg.“ - „Und dann kommt noch dazu, dass Jules Verne eine sehr erfolgreiche Theaterversion gemacht hat, die heute so ein bisschen vergessen ist, aber das war eines der erfolgreichsten Theaterstücke überhaupt. Es hatte allein im ersten Jahr über 400 Aufführungen und dann mehrere tausend bis zum Zweiten Weltkrieg, teilweise mit einem echten Elefanten auf der Bühne … Da gingen Schiffe unter, da wurde Rauch produziert auf der Bühne. Und das waren richtige Spektakel.“

Wie Jules Verne sein Erfolgsrezept austüftelte

Mit Bühnenzauber kannte der 1828 geborene Jules Verne sich aus. Nach dem Jurastudium hatte er beim Theater gearbeitet und war dann ins Romanfach gewechselt. Mit seinem Verleger Hetzel tüftelte er Methoden aus, wie man das große Publikum fesselt. Spannend sollten die Geschichten sein. Und von dem handeln, was die Leute damals bewegte: Technik, Geld, Reisen, Geschwindigkeit, die Zeit als Ware, so Ralf Junkerjürgen:
„Wenn man sich diesen Roman anschaut, dann geht’s ja letztendlich um Pünktlichkeit. Das ist ein Epos der Pünktlichkeit, um es mal ein bisschen zugespitzt zu formulieren, und es wird etwas inszeniert, nämlich ein Wettlauf gegen die Zeit.“ - Die Idee hatte Jules Verne aus der Zeitung: „Es wurden in den USA Berechnungen angestellt, wie viele Tage es denn dauern würde, einmal um den Erdball zu reisen. Und diese Berechnungen hat man in französischen Zeitungen wiederaufgenommen, und das waren eben 80 Tage.“

Story mit viel Tempo und Humor

Den Fahrplan hat Phileas Fogg bei Reiseantritt schon im Kopf. Von London über Suez nach Kalkutta, Hongkong, Yokohama, San Francisco, New York und zurück. Mal mit dem Zug, mal mit dem Schiff, mal auf Elefanten reitend. Auch unvorhersehbare Abenteuer sind zu bestehen: In Indien rettet der Diener Passepartout eine junge Witwe vor der rituellen Verbrennung, in San Francisco gibt’s eine filmreife Wahlkampf-Schlägerei, im Zug nach New York eine Büffelherde im Gleisbett und einen Überfall von Ureinwohnern. Jules Verne erzählt die Story mit Tempo und viel Humor, er schildert Landschaften, Städte und Charaktere farbenreich und genau. Die Details hatte er gut recherchiert, sagt Ralf Junkerjürgen:
„Er hatte also ein großes Karteikartensystem aufgebaut. Das sollen um die zwölf bis dreizehntausend Karteikarten gewesen sein, wo er alle nötigen Details notiert hatte, um sie dann später in den Romanen zu verwenden.“

Es bleibt spannend bis zum Schluss

Außer Fogg und Passepartout gibt es noch zwei wichtige Personen im Roman. Der eine ist der misstrauische Detektiv Fix, der Phileas Fogg verfolgt, weil er ihn für einen Dieb hält. Und dann ist da die junge Witwe Aouda, die Fogg nach ihrer Rettung nicht mehr von der Seite weicht. Gewinnt sie sein Herz? Bringt Fix ihn hinter Gitter? Es bleibt spannend bis zum Schluss. Denn, so Ralf Junkerjürgen:
„Dann werden die Spannungsphasen immer enger, und dann gibt’s noch diesen Überraschungseffekt, also das ist alles irgendwie ganz toll, muss man sagen, dramaturgisch gelöst, wie er das da gemacht hat.“
Die Geschichte nimmt ein gutes Ende. Phileas Fogg ist nicht der vom Detektiv gesuchte Dieb. Aouda gesteht ihm ihre Liebe und die beiden heiraten. Und die Wette? Als Phileas Fogg in London ankommt, ist er sicher, sie verloren zu haben. Bis er von Passepartout erfährt, dass er die Zeitverschiebung bei West-Ost-Reisen nicht berücksichtigt hat. In Wirklichkeit ist Phileas Fogg sogar zu früh zurück: Genau 2 Sekunden vor Ablauf der Frist.