Dienstag, 11.12.2018
 
Seit 17:30 Uhr Nachrichten
StartseiteUmwelt und VerbraucherAbschießen oder ansiedeln20.05.2011

Abschießen oder ansiedeln

Sächsische Naturschützer und Jäger streiten über den Wolf

Am Sonntag ist internationaler Tag der Biodiversität, damit würdigen die Vereinten Nationen die Vielfalt von Pflanzen und Tieren als Grundlage unseres Überlebens. Doch nicht alles an Vielfalt ist gleichermaßen erwünscht. Umstritten ist der richtige Umgang mit dem Wolf - beispielsweise in Sachsen.

Von Claudia Altmann

Der Wolf (AP)
Der Wolf (AP)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Ein idyllisches Fleckchen, diese Lausitzer Wälder, ruhig, weit und reich an Nahrung. Das fanden von jeher auch die Wölfe, wanderten aus Polen ein und wurden wieder heimisch, seit der Mensch das wieder zulässt. Vor elf Jahren kamen die ersten Welpen zur Welt und mittlerweile leben hier sechs Rudel und zwei Wolfspaare. Einmalig in Deutschland. Aber sie haben ein Imageproblem, das ihnen zuweilen immer noch zum Verhängnis wird.

"Und jetzt sind wir hier im Gebiet des Nochtener Rudels, die Richtung Tagebau Nochten dann so ihr Zentrum haben und irgendwo hier in diesem Gebiet wurde der geschossene Wolf gefunden."

Markus Bathen ist Wolfsbeauftragter des Naturschutzbundes NABU und kennt die Gegend wie seine Westentasche. Hier zwischen Kosel und Niesky war vor zwei Wochen eine einjährige Wölfin von einem Jagdprojektil getötet worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen unbekannt in alle Richtungen. Jagdgewehre werden nicht nur von Jägern verwendet. Der Fall hat Aufsehen erregt, gerade weil Sachsens Regierung den Wolf ins Jagdrecht aufnehmen will. Soll Isegrim zum Abschuss freigegeben werden? Keineswegs meint Frank Meyer, Sprecher des sächsischen Umweltministeriums.

"Die Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht bedeutet nicht automatisch, dass man den Wolf auch jagen darf. Das ist auf absehbare Zeit auch nicht zu erwarten. Wir haben im Moment einen Wolfsbestand, der so klein ist, dass er auf keinen Fall bejagt werden darf. Es gibt auch für andere Tierarten, die sich im Jagdrecht befinden, ganzjährige Schonzeiten. Zum Beispiel der Fischotter, zum Beispiel der Luchs. Es besteht dann eine Verpflichtung, die Jäger müssen sich dann am Wolfsmonitoring beteiligen. Wir können auch Teile der Jagdabgabe für die Hege des Wolfsbestandes einsetzen. Das wäre ein Vorteil aus Sicht des Artenschutzes."

Der Vorschlag kam von den Jägern selbst. Hätten sie Verantwortung für das Wildtier Wolf, würde es dessen Stellung aufwerten. Davon ist der Präsident des Landesjagdverbandes Sachsen, Knut Falkenberg, überzeugt. Jagen und Hegen gehörten ohnehin untrennbar zusammen und für den naturgeschützten Wolf habe das nur Vorteile: Die flächendeckende Beobachtung der Tiere durch mehrere Tausend Jäger im Freistaat wäre eine Unterstützung für das bereits bestehende Wildbiologische Büro LUPUS. Die Jäger müssten für Ruhezonen sorgen, Seuchenprävention betreiben, Sicherheitsmaßnahmen an für den Wolf gefährlichen Straßen einrichten und natürlich dessen Lebensgrundlage - Nahrung - sicherstellen. Die Mitglieder seines Verbandes jedenfalls, so Falkenberg, sind bereit, die Beute mit dem Wolf zu teilen. Er spricht für etwa 60 Prozent der elftausend sächsischen Waidmänner. Große Unbekannte ist die Frage, was jene, die nicht im Verband sind, davon halten. Vanessa Ludwig vom staatlichen Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz in Rietschen ist Ansprechpartner für alle, die irgendwie mit dem Wolf zu tun haben, sich über ihn informieren wollen oder in Konflikt mit ihm geraten.

"Die Jäger sind natürlich auch immer noch betroffen, weil sie befürchten, dass ihnen das Wild ausgerottet wird, also sie weniger jagen können. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass es keine Veränderungen gegeben hat in den Jagdstrecken. Die Wölfe fressen immer noch genauso viel Wild wie vor zehn Jahren. Also eigentlich ist diese Angst auch unbegründet."

Der Wildbestand in den deutschen Wäldern ist derzeit so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Aber Schafe und Ziegen munden dem Wolf ebenso, erzählt Vanessa Ludwig im Rietschener Wolfsmuseum.

"Da die Wölfe eben nicht unterscheiden können zwischen Nutztieren und Wildtieren, weil das alles Huftiere sind. Und wenn eben die Nutztiere nicht ausreichend geschützt sind, es dazu kommen kann, dass die Wölfe die Nutztiere reißen. Das hat sich aber in der letzten Zeit eher beruhigt."

Erst vorgestern ging jedoch bei ihr wieder die Meldung ein, dass sechs Schafe gerissen wurden. Die Koppel war aber auf zwei Seiten nicht umzäunt. Fahrlässigkeit des Halters, meint Anett Schäfer, die in Neuliebel selbst 35 Tiere hält.

"Meine Tiere sind abgesichert, die gehen vorm Dunkelwerden rein. Dann wird der Stall zugemacht und somit kommt der auch nicht ran. Und tagsüber ist Strom drauf auf'm Zaun und diese Übersprungleine, so wie's verlangt wird und somit haben wir eigentlich gar keine Probleme."

Immer mehr Tierhalter nutzen die staatlichen Förderangebote für Schutzmaßnahmen. Schafsriss kommt daher immer seltener vor. Im vergangenen Jahr zahlte der Freistaat 680 Euro Entschädigung. Dazu hat auch das vor zwei Jahren von allen Akteuren erarbeitete Management beigetragen, meint auch Markus Bathen vom NABU. Er ist dagegen, den Wolf dem Jagdrecht zu überstellen. Vielmehr sieht er darin die Gefahr, dass der Schutz der wenigen Wölfe durch Gesetzeswirrwarr blockiert werden könnten.

"Weil dann bestimmte Entwicklungen, die nötig wären, vielleicht sich nicht umsetzen lassen. Und dann verschwinden vielleicht Wölfe wieder eher aus Sachsen und sind mehr in Brandenburg und in Hessen und in Niedersachsen und es würde keiner direkt geschossen, aber er würde trotzdem vielleicht verschwinden."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk