
Den Angaben zufolge bekamen 2024 hochgerechnet mehr als 200.000 Jungen und Mädchen eine ADHS-Neudiagnose. Jungs erhalten diese etwa doppelt so häufig wie Mädchen - allerdings nehmen die Diagnosen bei Mädchen stärker zu. Experten gehen davon aus, dass Mädchen lange unterdiagnostiziert waren.
Die Erstdiagnose erfolgt den Daten zufolge überwiegend in der Grundschulzeit. Gleichzeitig waren fast 620.000 Kinder und Jugendliche zwischen drei und 17 Jahren wegen ADHS in Behandlung - das sind rund fünf Prozent dieser Altersgruppe.
ADHS kommt in Familien gehäuft vor, was auf starke genetische Faktoren hindeutet. Psychiatrie-Fachleute sehen als wahrscheinliche Ursachen für den aktuellen Anstieg zudem eine Spätfolge der Corona-Pandemie, als "wichtige Lernschritte eventuell unterbrochen oder verzögert wurden" und als viele Arztbesuche ausblieben. Es kommt zu einem Nachholeffekt, so eine Überlegung.
Charité-Mediziner: "Keine Überdiagnostik"
Bei ADHS handele es sich nicht um eine Modediagnose oder Überdiagnostik, betonte Christoph Correll, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Berliner Charité. Zunehmender Druck und Stress oder auch negative Einflüsse sozialer Medien könnten bei einer genetischen Veranlagung dazu führen, dass eine psychische Erkrankung eher zum Tragen komme. Zudem sei das Thema in der Öffentlichkeit präsenter.
Bei ADHS ist die Regulation von Botenstoffen wie Dopamin im Gehirn verändert. Zu den Symptomen zählen eine unregulierte Aufmerksamkeit, die zwischen leichter Ablenkbarkeit und Hyperfokus schwanken kann, sowie eine körperliche oder auch gedankliche Hyperaktivität, Schwierigkeiten im Bereich der Impulsivität und etwa der Selbstorganisation.
Gerade undiagnostizierte Kinder erleben viele negative Kommentare zu ihrem Verhalten sowie Ablehnung, was zu einem verminderten Selbstwert führen kann. Im Teenager- und Erwachsenenleben ist das Risiko für Erkrankungen wie Depressionen oder Süchte erhöht. Darunter leiden auch viele noch undiagnostizierte Erwachsene, denn früher war das Wissen und die Diagnostik sowie die Behandlung von ADHS mit Therapien und Medikation deutlich weniger präsent.
Diese Nachricht wurde am 11.08.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
