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Ärzte im Konflikt zwischen gesundheitlichen und ökonomischen Interessen

Die Sportmedizin in Deutschland hat ein Imageproblem, vor allem aufgrund der Dopingvergangenheit in Ost- und Westdeutschland. Es habe sich in der Sportmedizin immer noch nicht vollständig durchgesetzt, dass man nicht Handlanger beim Doping von Athleten sein dürfe, mahnte Professor Heiko Striegel in seinem Vortrag zum Abschluss des Kongresses zum einhundertjährigen Jubiläum der Sportmedizin in Deutschland.

Von Robert Kempe | 07.10.2012

Es habe sich in der Sportmedizin immer noch nicht vollständig durchgesetzt, dass man nicht Handlanger beim Doping von Athleten sein dürfe, mahnte Professor Heiko Striegel. In seinem Vortrag zum Abschluss des Kongresses, der nur noch von wenigen seiner Kollegen verfolgt wurde, ging Striegel auf die Spannungsfelder ein, in denen sich ein Arzt, der Spitzensportler betreut, befindet.

Striegel ist Mediziner und Jurist, eine in der Sportmedizin seltene Kombination. In Stuttgart betreut er neben normalen Patienten, Kaderathleten des ansässigen Olympiastützpunktes, seit 2005 ist er zudem Mannschaftsarzt des Fußballbundesligisten VfB Stuttgart.
Bei der ärztlichen Betreuung von Spitzensportlern würden sich schon von Grund auf mehrere Schwierigkeiten ergeben, erklärt Striegel.

"Das problematischste im Leistungssport und im Spitzensport ist, dass der Arzt nicht die normale Arzt-Patienten-Beziehung, so wie man es in der täglichen Praxis hat, in der Regel erlebt. Sondern dass im Spitzensport eben mehrere Akteure bei der Behandlung eines Sportlern mit ins Spiel kommen, sei es der Verein mit Trainer, mit sportlicher Leitung, mit Physiotherapeuten, die dahinter stehen, die auch alle ein - mehr oder weniger - großes Interesse haben dürfen an der Verletzung des Sportlers. In gleicher Weise eben auch hinter einem Spitzensportler noch Berater und Manager stehen. Und in soweit dieses eindimensionale Geflecht zwischen Arzt und Patient eben in der Betreuung des Spitzensports aufgebrochen wird und mehrere Personen mithandeln. "

Diese Situation mache eine Behandlung im Sport komplizierter und könne auch Auswirkungen auf die Dopingproblematik haben. Striegel rät daher dazu Abhängigkeiten bei der Betreuung von Leistungssportlern zu vermeiden, auch um Interessenskonflikten aus dem Weg zu gehen.

"Der Keypoint dahinter ist die wirtschaftliche Abhängigkeit des Arztes von seiner Tätigkeit im Leistungssport. Ich glaube, das ist der entscheidende Punkt und da kann man alle Vertragskonstellationen auch aufmachen. Der Arzt sollte aus meiner Sicht nicht durch seine Tätigkeit im Leistungssport abhängig sein. Das heißt, die größte Abhängigkeit, wo sogar eine Weisungsbefugnis, zwar nicht in medizinischer Sicht aber in sonstigen Dingen besteht, ist die Tätigkeit eines Arztes als Angestellter eines Sportvereins, Sportverbandes oder eines Teams."

Doch solche Bindungen gibt es im deutschen Leistungssport immer noch. Selbst im Profifußball in der 1. und 2. Bundesliga sollen noch Mannschaftsärzte direkt bei ihrem Verein angestellt sein, hieß es in Vorträgen auf dem Jubiläumskongress.

Auch Prämienzahlungen abhängig vom sportlichen Erfolg, die im deutschen Spitzensport nicht selten sind, werfen Fragen nach der Unabhängigkeit deutscher Sportmediziner auf und inwieweit sie gegen mögliche Forderungen nach mehr Leistungssteigerung gewappnet sind. Passend dazu präsentierte Heiko Striegel zwei Studien, wonach die Hälfte von 1000 befragten Kaderathleten sich zuerst bei einem Sportmediziner über Dopingsubstanzen informieren würde. Eine andere Forschung besagt, dass ein Viertel der Freizeit-Fitness-Sportler Dopingsubstanzen schon einmal von deutschen Sportmedizinern erhalten hätte.
Dr. Karlheinz Zeilberger ist ehemaliger Verbandsarzt der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft, heute betreut er Leistungssportler in München. Als Herausforderungen an die Sportmedizin sieht er:

"Im Hochleistungssport sicherlich nach wie vor die Dopingproblematik. Da gibt es nach meinem Begriff keinen Zweifel. Und im Breitensport ist es ganz banal gesagt, die Bewegungsfaulheit der Bevölkerung und die fehlende Einsicht, dass man selbst für seine Gesundheit systematisch etwas tun muss."

Die fehlende Bewegung in der Bevölkerung sieht die Sportmedizin als immer stärker wachsendes Problem. Nur wenige Sportmediziner sind im Bereich des Hochleistungssports aktiv. Die große Mehrheit kümmert sich um normale Patienten aus der Gesellschaft. Vor allem in der körperlichen Bewegung als therapeutische Maßnahme sehen viele Sportärzte den größten Forschungsbedarf. Der Bereich müsse weiter ausgebaut werden, bei den Behandlungen gäbe messbare Effekte bei der Lebenszeiterwartung oder bei Krankheiten - wie Krebs oder frühzeitiger Demenz.