
Fünf Jahre nach dem Abzug der westlichen Truppen und der erneuten Machtübernahme der Taliban im August 2021 hat sich nur eines im Alltag der Menschen verbessert: die allgemeine Sicherheitslage. Die Wirtschaft des Landes hingegen liegt am Boden und die Lebensumstände haben sich deutlich verschlechtert – vor allem jene der Frauen und Mädchen. Mit rigiden Maßnahmen und drakonischen Strafen betreiben die islamistischen Machthaber eine systematische Auslöschung weiblicher Lebensrealitäten aus der Öffentlichkeit.
Der UNO-Sonderberichterstatter für Afghanistan, Richard Bennett, bezeichnete den Umgang der Taliban mit Frauen als "Geschlechter-Apartheid". Wer sich dagegen auflehnt, muss um sein Leben fürchten. Doch noch immer gibt es Widerstand – wenn auch im Verborgenen.
Bildungsverbot für afghanische Frauen und Mädchen
Seit der Machtübernahme der Taliban erleben Frauen und Mädchen in Afghanistan den systematischen Rückbau ihrer Grundrechte. Dazu gehört auch das Recht auf Bildung. Afghanische Mädchen sind vom Besuch einer weiterführenden Schule ab der siebten Klasse ausgeschlossen. Laut Angaben der UNESCO waren im August 2025 bereits mindestens 2,2 Millionen Mädchen betroffen.
Im Jahr 2021 haben die Machthaber in einer Regierungserklärung alle privaten und öffentlichen Universitäten angewiesen, keine Frauen zuzulassen – ohne jede Begründung.
Berufsverbot für Frauen unter den Taliban
Unter den Taliban dürfen Frauen in den meisten Bereichen des staatlichen und privaten Sektors nicht mehr arbeiten. Ende Dezember 2022 erließen die Taliban ein generelles Arbeitsverbot für Frauen bei nationalen und internationalen Hilfsorganisationen.
Eine der Folgen: Internationale Geber können die bedürftige Bevölkerung ohne weibliche Angestellte nicht ausreichend versorgen. Dazu droht dem Land ein Kollaps des Bildungs- und Gesundheitssystems, denn durch den Ausschluss der Frauen fehlen laut einem UNICEF-Bericht bis zum Jahr 2030 unter anderem 25.000 medizinische Fachkräfte und Lehrerinnen.
Jungen Afghaninnen bleiben nur noch wenige Berufe, die sie ausüben oder erlernen dürfen. Hebamme ist einer von ihnen. Die extreme Einschränkung der Entwicklungsmöglichkeiten und die soziale Isolation führt bei den jungen Frauen oft zu Depressionen und Suizidversuchen. Und die Verbote gehen noch weiter: Parks, Fitnessstudios und Kosmetiksalons wurden für Frauen geschlossen, wodurch sie weiter aus dem Stadtbild verschwanden.
Der unsichtbare Widerstand: Mut im Geheimen und digitale Proteste
Im Juli 2023 demonstrierten rund 50 Frauen in Kabul unter dem Motto „Arbeit, Brot, Gerechtigkeit“ gegen das Verbot, einen Schönheitssalon zu betreiben. Die Taliban reagierten mit Elektroschockern und Schüssen in die Luft. Demonstrationen gab es auch gegen andere Einschränkungen wie das Verbot der Universitätsbildung. Dutzende Frauen gingen im Dezember 2022 im westafghanischen Herat auf die Straße und skandierten Parolen wie „Bildung ist unser Recht“. Die Taliban griffen die Frauen mit Schlagstöcken und Wasserwerfern an.
Seit öffentliche Proteste lebensgefährlich geworden sind, verlagert sich der Widerstand ins Geheime. Frauen versuchen, alle noch verbliebenen Spielräume zu nutzen. Sie betreiben Untergrundschulen für Mädchen ab der sechsten Klasse, vernetzen sich untereinander und protestierten eine Zeitlang in sozialen Medien unter Hashtags wie #DoNotTouchMyClothes, #AfghanCulture oder #AfghanWoman gegen Kleider- und Verhaltensvorschriften.
Einer Frauenschreibgruppe gelang es, über den Kurznachrichtendienst Whatsapp ihr kollektives Tagebuch über ihr Leben in Kabul an einen Verlag im Ausland zu schleusen. Darin berichten die Autorinnen, wie ihre Welt unter den Taliban aus den Fugen gerät. Überhaupt: Das Internet ist für Mädchen und Frauen laut ARD-Korrespondent Peter Hornung oft das einzig verbliebene „Fenster zur Welt“, so nutzen sie dort unter anderem internationale Bildungsangebote. Doch die Taliban schränken die Nutzung immer weiter ein und sperren das Netz teilweise ganz.
Verzerrtes Islambild der Taliban
Die Unterdrückung der Frauen in Afghanistan lässt sich nach der Meinung von Islamwissenschaftlern wie Ahmad Milad Karimi nicht mit dem Koran begründen: „Dieses Frauenbild stellt in religiöser Hinsicht eine Perversion dar. Denn ob religiös, ethisch oder geistig – der Koran macht keinen Unterschied zwischen Mann und Frau.“ Vielmehr wurzelt sie in der Stammestradition der Paschtunen, einer afghanischen Volksgruppe, der viele Taliban angehören. Die ungeschriebenen Regeln dieser Tradition gelten für die Taliban als verpflichtend.
Die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) hat die Behauptung der Taliban zurückgewiesen, dass ihr Umgang mit Frauen und Mädchen im Einklang mit der Scharia steht.
Frauenrechte als politisches Druckmittel
Frauenrechte dienen den Hardlinern aus der Führungsriege um Mullah Haibatullah Akhundzada in Kandahar als ideologisches Faustpfand im diplomatischen Poker um internationale Anerkennung und das Aufheben von Sanktionen. Die Dekrete wirken in den Augen von Beobachtern wie eine Drohung, was noch passieren kann, wenn die Sanktionen nicht aufgehoben werden.
Mit ihrem Vorgehen gegen die Frauen wollen die Taliban aber offenbar auch innerhalb der islamischen Welt Stärke beweisen. Das Emirat soll ein Vorbild werden. Ahmad Wali Haqmal aus dem Finanzministerium der Taliban sagte 2023 im Deutschlandradio: „Unter den 50 Staaten der islamischen Welt gibt es bisher nicht einen einzigen vollständig islamischen Staat. Deshalb glauben wir, dass wir zu einem Modell für die gesamte Welt werden, vor allem für die islamische Welt."
Onlinetext: Philipp Jedicke


















