
Lange war es in Deutschland gang und gäbe, dass Menschen im Pflegeheim mindestens zu zweit im Zimmer waren. Inzwischen ist das Einzelzimmer der Standard.
Doch der Pflegenotstand könnte zu einem Comeback des Doppelzimmers führen. Ob das wirklich Kosten spart, ist unklar. Aber dafür hat eine Zimmernachbarin im Heim womöglich andere Vorteile.
Regelfall Einzelzimmer
Der Großteil der Pflegeheimbewohner in Deutschland lebt heute im Einzelzimmer. Ältere Menschen sollen auch im Pflegeheim einen Raum für sich haben – als Rückzugsmöglichkeit oder um Besuch zu empfangen.
Viele Bundesländer haben verbindliche Einzelzimmerquoten für den Neu- und Umbau von Pflegeheimen eingeführt: In Brandenburg oder Baden-Württemberg etwa liegt sie bei 100 Prozent, in Nordrhein-Westfalen bei 80 Prozent, in Niedersachsen bei 70 Prozent. Allerdings sind die Quoten längst nicht überall erreicht.
Fehlende Plätze, steigende Kosten
Bereits heute gibt es zu wenige Pflegeplätze. Laut Schätzung des Arbeitgeberverbands Pflege fehlen rund 60.000 Plätze. Der Bedarf wird in den kommenden Jahren weiter steigen.
Derzeit leben rund 800.000 bis 900.000 Menschen im Pflegeheim. Das entspricht rund 15 Prozent der 5,7 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland. Bis 2055 könnte die Zahl der Pflegebedürften laut Berechnungen des Statistischen Bundesamts auf etwa 7,6 Millionen anwachsen. Bleibt der Anteil der Menschen im Heim konstant, bräuchte es dann mehr als eine Million stationäre Pflegeplätze.
Verbände wie der Arbeitgeberverband Pflege schätzen, dass Deutschland jährlich 17.000 zusätzliche Pflegeplätze benötigt. Doch teure Grundstücke, Vorschriften und hohe Baukosten bremsen den Neubau von Pflegeheimen aus. 2025 ist laut dem Verband kein einziges neues Heim in Deutschland entstanden. Es wurden lediglich rund 700 zusätzliche stationäre Pflegeplätze geschaffen.
Durch den Umbau von Doppel- in Einzelzimmer könnte auch eine erhebliche Zahl an Pflegeplätzen verloren gehen. Das Netzwerk „Alter und Pflege“ der katholischen Altenhilfeträger in Baden-Württemberg spricht von bis zu 5000 Plätzen.
Außerdem könnten durch solche Umbauten die Kosten für einen Pflegeheimplatz steigen, warnen Pflegeheimbetreiber: Die Baukosten könnten auf die Bewohner umgelegt werden, zusätzlich zu den ohnehin schon hohen Eigenanteilen für einen solchen Platz. Die liegen in Großstädten bereits jetzt bei 3500 bis 4000 Euro – Tendenz steigend.
Ausreichend Pflegeplätze zu schaffen, zugleich die Einzelzimmerquoten zu erfüllen und die Kosten bezahlbar halten, ist eine Herausforderung.
Was gegen die Abschaffung von Einzelzimmern spricht
Einzelzimmer im Pflegeheim seien kein Luxus, betont die Juristin Ulrike Kempchen von der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA). Sie erfüllten legitime Bedürfnisse etwa nach Intimsphäre und Selbstbestimmtheit.
Kempchen kritisiert etwa die Abschaffung der Einzelzimmerquote von 75 Prozent in Bayern zu Jahresbeginn 2025. Es werde so getan, „als wolle man etwas Gutes tun, damit möglichst viele Leute schnell einen Platz bekämen und von der Warteliste weg sind“. Tatsächlich gehe es jedoch um etwa wirtschaftliche Gründe.
Bei Menschen, die aus Spargründen in Doppelzimmern untergebracht werden, höre sie ganz häufig in der Beratung Klagen über große Unterschiedlichkeiten, die auf engstem Raum zusammenprallen. Erste Sozialhilfeträger verweigerten Sozialhilfeempfängern Einzelzimmer, bemängelt die Juristin.
Ob Doppelzimmer tatsächlich die Kosten senken, bezweifelt Gesine Marquardt, Professorin für Sozial- und Gesundheitsbauten an der Technischen Universität in Dresden. Es könnten Situationen eintreten, in denen die Zimmer nicht mehr doppelt belegbar sind, so wie etwa in der Corona-Pandemie. Auch durch die Zunahme multiresistenter Keime komme es immer wieder dazu.
Doppelzimmer im Pflegeheim: Vorteile beim Eingewöhnen
Doch Doppelzimmer können für Bewohnerinnen und Bewohner auch Vorzüge gegenüber Einzelzimmern haben. Etwa für Neuankömmlinge im Pflegeheim könne eine Mitbewohnerin von Vorteil sein, sagt Stephanie Decker, die in einem Seniorenzentrum in Frankfurt am Main für den sozialkulturellen Dienst zuständig ist.
Diese Mitbewohnerin könne der neuen Person Informationen geben und beispielsweise ein Gefühl der Sicherheit durch ihre Anwesenheit in der Nacht. Als Voraussetzung sieht Decker „eine Form von ansatzweise gleicher Wellenlänge“.
Mehr Flexibilität beim Bau von Pflegeheimen
Um mehr Pflegeheimplätze zu schaffen, gibt es auch andere Möglichkeiten, als Einzelzimmer durch Doppelzimmer zu ersetzen. Nämlich an anderen Flächen zu sparen. Architektur-Professorin Gesine Marquardt nennt als Beispiel das Pflegebad. Diese Bäder seien in manchen Bundesländern gesetzlich vorgeschrieben. Sie würden wegen des chronischen Zeitmangels beim Personal jedoch kaum genutzt. Daher brauche es flexiblere Bauvorgaben.
Onlineartikel: Annette Bräunlein; Radiobeitrag: Milena Feldmann











