
In einer geriatrischen Rehaklinik sollen ältere Menschen wieder zu Kräften kommen, zum Beispiel nach Operationen. Doch eine Recherche des Bayerischen Rundfunks wirft die Frage auf, wie gut die Patienten in solchen Einrichtungen tatsächlich versorgt werden. Die Vorwürfe gegen eine Einrichtung in Bayern stehen exemplarisch für Probleme, über die im Gesundheits- und Pflegesystem seit Jahren geklagt wird. Vieles deutet darauf hin, dass die Ursachen struktureller Natur sind.
Konkrete Missstände: Beispiele aus Bayern
An einer geriatrischen Rehaklinik in Bruckmühl in Bayern beschweren sich laut einer Recherche des Bayerischen Rundfunks zahlreiche Patienten und Angehörige über die dortigen Zustände. Sie kritisieren etwa Mängel bei der Versorgung von Wunden, fehlerhafte oder ausbleibende Medikamentengabe sowie zu wenig und qualitativ schlechtes Essen. Zudem habe das Klinikpersonal auf Klingeln teils sehr spät reagiert.
Es ist nicht das erste Mal, dass es Vorwürfe gegen den Betreiber gibt: Das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen hat die andere geriatrische Rehaklinik der Betreiber in Lenggries im Frühjahr 2026 bereits zum zweiten Mal schließen lassen. Laut der Leiterin des Gesundheitsamtes Julia Trempetic gab es dort zu wenig Personal, Patienten wurden nicht vernünftig versorgt und Medikamente falsch gegeben.
Eine ehemalige Mitarbeiterin, die beide Kliniken kennt, berichtet anonym, „dass man eher das Gefühl hatte, dass die Patienten Gelddruckmaschinen sind“. In Lenggries sei „der maximale Gewinn“ das Ziel gewesen.
Die Betreiber der Rehakliniken haben die Vorwürfe über eine Agentur zurückweisen lassen, insbesondere zum Umgang mit Medikamenten und zu überlangen Reaktionszeiten. Patienten seien weder in Lenggries noch in Bruckmühl gefährdet gewesen. Der Hauptgesellschafter, der Finanzinvestor Auctus, betont außerdem, zu keinem Zeitpunkt Gewinn- oder Renditeziele vorgegeben zu haben.
Einzelfälle oder ein Fehler im System?
Die aktuellen Vorwürfe werfen die Frage auf, wie verbreitet solche Missstände wirklich sind. Für Stefan Sell, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler an der Universität Koblenz mit Schwerpunkt Pflege und Soziales, handelt es sich nicht um Einzelfälle. Derartige Berichte seien bislang eher aus Pflegeheimen bekannt geworden. Die Gemeinsamkeit: „Immer sind die Ältesten von diesen Problemen betroffen“, sagt Sell.
Wie häufig das Wohl und die Gesundheit von Patienten und Pflegeheimbewohnern in Deutschland durch solche Missstände gefährdet werden, lasse sich aber nicht beziffern, so der Gesundheitsökonom. Bundesweite Zahlen existieren nicht.
Warum Missstände oft unentdeckt bleiben
Dass es keine bundesweiten Statistiken zu solchen Fällen gibt, hängt mit dem zweigeteilten Kontrollsystem zusammen. Auf der einen Seite stehen die Medizinischen Dienste der Krankenkassen, auf der anderen die Heimaufsichten der Landkreise und kreisfreien Städte. „Beide haben Kontrollaufgaben, sollen also uns und die Bewohner schützen, aber sie arbeiten völlig nebeneinanderher“, kritisiert Stefan Sell. „Sie dürfen auch keine Daten austauschen.“
Dazu kommen weitere Faktoren, die laut dem Experten in die mangelnde Kontrolle von Einrichtungen münden: Unterbesetzte Heimaufsichten führen zu weniger und oberflächlicheren Kontrollen. Auch werden viele Prüfungen vorab angekündigt. Die Kontrollen beschränken sich zudem oft auf die Akten, statt auf das Wohl der Menschen in den Betten zu schauen.
Rendite vor Patientenwohl
Wenn eine ehemalige Mitarbeiterin von Patienten als „Gelddruckmaschinen“ spricht, wie in dem aktuellen Fall in Bayern, illustriert das deutlich: Die Absicht, Gewinne zu erzielen, kann bei Missständen ebenfalls eine Rolle spielen. Es spreche zwar nichts gegen eine Rendite im Gesundheitswesen, sagt der Gesundheitsökonom Andreas Beivers, Professor an der Hochschule Fresenius in München: „Fraglich ist nur, inwieweit dann irgendwann einmal Einsparungen zu Lasten des Personals und der Patienten gehen.“ Dies müsse auf alle Fälle vermieden werden.
Speziell Private-Equity-Gesellschaften verfolgten jedoch im Gesundheitswesen eine Strategie, die Stefan Sell von der Universität Koblenz als problematisch beschreibt: Solche Finanzinvestoren kaufen Einrichtungen wie Rehakliniken und strukturieren diese nach Effizienzkriterien neu, um sie später gewinnbringend weiterzuverkaufen. Man dürfe trotzdem auf keinen Fall glauben, dass es nur in gewinnorientierten Einrichtungen Missstände gebe, betont Sell.
Was sich in der Patientenversorgung ändern müsste
Was könnte helfen, eine gute Pflege und Patientenversorgung zu sichern? Andreas Beivers von der Hochschule Fresenius hält eine Zusammenarbeit von Behörden und Medizinischem Dienst für notwendig. Außerdem sollten Rehakliniken, genau wie Krankenhäuser, von Bundesländern geplant und gesteuert werden. Der Reha-Markt stünde so stärker unter staatlicher Aufsicht.
Stefan Sell von der Universität Koblenz betont, dass Missstände durch die offiziellen Prüfungen momentan eher nicht aufgedeckt würden. Stattdessen sind es Mitarbeiter, Angehörige oder Journalisten, die Hinweise liefern und Fälle öffentlich machen.
Onlineartikel: Juliane Frisse











