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StartseiteRock et ceteraLangfinger am Puls der Zeit 27.09.2020

Alternative Rock-Band Nothing but ThievesLangfinger am Puls der Zeit 

Nichts als Diebe: Der Name klingt fast wie ein Geständnis. Andere Bands erfinden sich mit jedem Album neu, Nothing But Thieves tut es mit jedem Song - auf dem neuen Album mehr denn je. Musik, die in keine Schublade passt.

Von Kai Löffler

Fischaugenfoto einer Gruppe von fünf jungen Männern, die zum Teil in die Kamera gucken. (Jack Bridgeland)
Noch mehr Geheimtipp als etablierte Größe: die Band Nothing but Thieves (Jack Bridgeland)

Musik: "Soda"

Musik: "Is Everybody going Crazy"

Modern produzierter souliger Rock mit einem Hauch Nostalgie... "Is Everybody Going Crazy" ist einer von vier vielversprechenden Vorboten des neuen Albums von Nothing but Thieves. Die Band ist jung; Sänger Conor Mason ist 27, wirkt aber durch seinen ansteckenden Enthusiasmus nochmal deutlich jünger. Dabei gibt es Nothing But Thieves seit acht Jahren, die Band hat zahlreiche EPs und zwei Alben veröffentlicht, das dritte erscheint dieser Tage. An der Besetzung hat sich seit dem ersten Album nichts geändert, alle Fünf waren schon lange vorher Freunde. Neben Mason sind die zwei Gitarristen Dominic Craik und Joe Langridge-Brown das kreative Herz der Band.

Conor Mason: "Ich hab Joe in der Schule kennengelernt. Er war in meiner High School. Ich war im ersten Jahr, und ich bin jetzt klein, aber damals war ich winzig. Seine Band hat mich gefragt, ob ich nicht für sie singen will. Die waren etwas älter, und ich war damals in so einer Funk-Rock-Psychedelic Band. Und Dom ging auf die Schule gegenüber. Die hatten kein Musik-Programm, dafür ist er also immer in unsere Schule gekommen. Wir haben irgendwann gejammt, und dann ein paar schreckliche Songs geschrieben. Die anderen beiden waren auch Freunde von früher; Phil, unser Bassist, ist Doms Cousin und der Schlagzeuger James Price ist ein Kumpel aus Southend, mit dem wir früher viel rumgehangen haben. Perfekt also. Deshalb vertragen wir uns auch so gut, wir sind Freunde und Familie."

Musik: "Graveyard Whistling"

Plötzlich haben sich sechs Labels auf einmal gemeldet. Als Berufsmusiker zu leben ist und war, schon vor der Pandemie zunehmend schwierig. Das war auch Conor Mason von Nothing But Thieves in den Anfangstagen der Band nur allzu bewusst. Mit einem Fuß stand er im Musikbusiness, mit dem anderen an der Universität. Genug Zeit war nur für eines von beidem, und obwohl die junge Band voller Energie steckte, war die Sicherheit für einen kompletten Absprung einfach nicht gegeben. Glücklicherweise musste diese Entscheidung nicht direkt fallen.

Kultur-Hotspot der Region

Conor Mason: "Die Uni hat gesagt: "Nehmt euch ruhig zwei Jahre, und wenn es nichts wird, wartet euer Studienplatz auf Euch." Ich wollte eigentlich Literatur studieren, ich liebe Bücher und wusste nicht, was ich sonst machen sollte, außer natürlich Musik. Und es war fast am Ende der zwei Jahre, im letzten Monat. Da hab ich mit meinem Vater gesprochen, damals, als Eltern noch Authorität hatten und der meinte: Okay, was machen wir? Es wäre sinnvoll, zurück an die Uni zu gehen, oder?  Und ich dachte: Stimmt wahrscheinlich. Und dann haben sich plötzlich sechs Labels auf einmal gemeldet, was echt seltsam war. Es gab also diesen Punkt, wo wir fast wieder an die Uni gegangen wären."

Musik: "Sorry"

Heimatstadt der fünf Musiker von Nothing but Thieves ist Southend-on-Sea, eine kleine, malerische Stadt im Osten Englands. Hier wurden alle fünf Musiker geboren, hier wuchsen sie auf und gründeten ihre Band. Ohne das blühende kulturelle Leben in Southend-on-Sea, das als Kunst- und Kultur-Hotspot der Region gilt und gerade dessen Clubs, würde es Nothing but Thieves wahrscheinlich nicht geben.

Spektakuläre Lügengeschichten

Conor Mason: "Die Musikszene ist so gut, und ich schwöre, das liegt nur an einer Handvoll Läden. Wir sind da als Jugendliche immer hingegangen, um lokale Bands zu sehen, aber nicht nur. Vor allem im Chinnerys. Wenn der Laden jemals pleitegeht. Ich glaube ich würde mein Haus verpfänden. Das ist einfach der Ort, da kommen wir her. Es haben auch wirklich bekannte Bands da gespielt, von Rock bis Pop, zum Beispiel The 1975 sind da aufgetreten. Es ein super Club, auch wenn nur vier- oder fünfhundert Leute reinpassen. Es ist schmutzig und stickig, ziemlich runtergekommen - aber es ist gleichzeitig der beste Laden der Welt."

Musik: "Wake Up Call"

"Wake Up Call" von Nothing But Nothing But Thieves' erstem Album mit seiner pulsierenden Basslinie und Conor Masons Kopfstimme ist ein dicht produzierter, schnörkelloser Song, mitreißend und nicht eine Sekunde zu lang. Nichts als Diebe: Der Bandname klingt fast wie ein Geständnis. Auf die Frage nach seinem Ursprung hat Conor Mason immer eine gute Geschichte parat.

Conor Mason: "Ein Freund von uns, Ben, hat Pizza ausgeliefert. Und er hat immer den Belag von der Pizza geklaut. Deshalb haben wir ihn "nichts als ein Dieb" genannt. Und das war dann der Bandname... "

Das stimmt genauso wenig wie Geschichte, dass die Fünf sich im Jugendstrafvollzug kennengelernt haben; eine andere Version, die die Band schon oft von sich gegeben hat. Die wahren Inspirationen sind deutlich weniger spektakulär.

Conor Mason:... "wir erzählen immer alle möglichen Lügen über den Namen. Aber in Wirklichkeit war es einfach ein Songtext, den wir vor langer Zeit gehört haben: ein alter Song von einer Band namens Steel Train. Der Name ist einfach hängen geblieben." 

Musik: "Broken Machine"

Nothing but Thieves hatte früh Erfolg, stand schon als Opener für Bands wie Muse und Arcade Fire auf der Bühne, bevor überhaupt das erste Album erschienen war. Einen riesigen Hit hatte die Band bis heute nicht, dafür aber eine treue und stetig wachsende Fangemeinde. Zwei Songs sind bei den Fans so beliebt, dass sie bei Konzerten nicht fehlen dürfen. Der erste ist das groovige "Trip Switch" vom ersten Album.

Conor Mason: "'Trip Switch' war riesig für uns, wir wissen auch nicht, warum. Der Song war ziemlich Avantgarde für unsere Verhältnisse, und der Bass klang nach Hip Hop. Das hat zusammen gut funktioniert, wir mochten den Song. Und in Amerika war er ein Hit, er war plötzlich überall, und das hat uns natürlich bekannter gemacht. Und dann war er auf dem Soundtrack vom Fifa-Game, und dann überall im Radio. Deshalb können wir es uns nicht leisten, den Song nicht zu spielen."

Musik: "Trip Switch"

Auch auf dem zweiten Album von Nothing But Thieves ist ein Song, der bei jedem Konzert zum Pflichtprogramm gehört: Der Uptempo-Kracher "Amsterdam" ist ein gnadenloser Ohrwurm und einer der rockigsten Songs der Band, der gerade im Refrain durch gut eingesetzte Powerchords ordentlich Druck entwickelt. Und auch das Arrangement stimmt: Im Mittelteil nach dem vorletzten Refrain bleiben zur Abwechlsung die Gitarren auf einem Akkord stehen, während der Bass darunter Fahrt aufnimmt. Es folgt eine ruhigere Phase, die im letzten Doppel-Chorus nochmals gesteigert wird. Auch Conor Masons Gesang klingt bei diesem Song besonders kraftvoll. Trotzdem war die Band sich nicht sicher, wie er aufgenommen würde, als sie "Amsterdam" zum ersten Mal bei einem Gig gespielt hat - nur vier Tage nach Erscheinen der Single.

Ein gutes Gefühl

Conor Mason: "Wir hatten keine Ahnung, ob den Song überhaupt jemand kennen würde, und es war vollkommen absurd: Alle haben mitgesungen, gemosht... es war verrückt. Im Studio dachten wir: Ja, der Song ist okay. Ordentlicher Rocksong. Es ist der erste Song, den wir aufgenommen haben, und ich hab alles gegeben, was ich hatte, ich hab meine ganze Seele in den Song reingesteckt. Und danach meinte ich: Yeah, das wird die erste Single! Und die anderen meinten erstmal: Naja, mal sehen. Es hat gedauert, bis er gezündet hat. Aber ich hatte ein gutes Gefühl."

Musik: "Amsterdam"

Die Songs von Nothing But Thieves stammen größtenteils aus der Feder von Conor Mason und den zwei Gitarristen Joe Langridge-Brown und Dominic Craik; letzterer produziert auch. Die stilistische Breite der Band reicht von Alternative bis zu Electro-Pop, R&B und knalligem, Riff-betontem Rock. Dass diese Melange nicht völlig zerfasert klingt, liegt an Conor Masons charakteristischer Stimme, die alles verbindet und an einer Handvoll Vorbilder, deren Einfluss nicht abzustreiten ist.

Musik: "Excuse Me"

Conor Mason: "Unsere Gemeinsamkeiten sind Radiohead, Jeff Buckley, Queens of the Stone Age. Ansonsten haben wir sehr unterschiedliche Geschmäcker. Ich bringe eher die Pop und R&B-Elemente mit meinem Gesang. Mir gefallen die Reime und Melodien; ich höre im Moment so viel Hip-Hop, dass das alles prägt was ich mache. Rock-Melodien klingen sonst manchmal so eintönig, und der Einfluss tut wirklich gut. Und Dom ist ein unglaublicher Produzent. Er erzeugt alle möglichen Sounds und versucht immer, ganz vorne mit dabei zu sein, neue Sounds zu finden und die in den Rock einzubauen."

Musik: "Impossible"

Conor Mason: "Joe ist dagegen ein ganz klassischer Songwriter, ähnlich wie ich..."

Mit seinen langen blonden Haaren und seiner Vorliebe für Jeans und offene Hemden könnte man Gitarrist Joe Langridge-Brown auf den ersten Blick mit Kurt Kobain verwechseln...

Joni Mitchell und Hip-Hop

Conor Mason: "...wir lieben beide Nick Cave, und bei ihm kommt dann noch Tom Petty dazu, bei mir eher Joni Mitchell und Nick Drake. Das ist das Fundament der Musik, und darauf bauen wir auf, mit Pop, R&B, neuen Sounds und Hip-Hop. Das macht Nothing But Thieves interessant, dass es wirklich ein Schmelztiegel ist."

Musik: "Take this Lonely Heart"

Ende Oktober erscheint "Moral Panic", das dritte Album von Nothing But Thieves, aufgenommen in LA, noch vor dem Lockdown. Vier sehr unterschiedliche Songs daraus hat die Band schon veröffentlicht, und vor allem die dritte Single Unperson klingt anders als man es von der ohnehin sehr vielseitigen Band erwartet: Elektronisch und unerwartet schroff, mit Breakbeats und einem klaren Einschlag von The Prodigy.

Conor Mason: "Das war der letzte Song, den wir für das Album geschrieben haben. Wir hatten schon viele Midtempo-Songs und ein paar langsame, wir brauchten aber noch etwas wirklich Schnelles. Und bei einem der letzten Konzerte im Sommer letzten Jahres ist Dom Backstage dieses Riff eingefallen. Als wir zurück nach London gefahren sind, haben wir gesagt: Okay, arbeiten wir daran. Ich weiß noch, dass mir der Jack White-und-Beyoncé-Song von ihrem Album Lemonade durch den Kopf ging..."

Musik: "Don't hurt yourself"

Conor Mason: "...mir gefällt, wie der Rhythmus fließt, es ist wie eine rhythmische Deklaration. Das hat mich inspiriert, mir diese Phrasen auszudenken. Und dann haben Joe und ich darüber geredet, wie hässlich das Internet ist, wie es Menschen verformt, und wie sie mit dem Internet verschmelzen und alle Individualität stirbt. Wie es deine Seele zerstören kann. Darum geht es in dem Song. Wir wollten, dass er abgehackt klingt, und ungemütlich, und wütend, und sehr rau. Und dann gibt es natürlich in der Mitte diese Stelle zum Durchatmen, einen befreienden Moment."

Musik: "Unperson"

Im Roman "1984" ist eine "Unperson" jemand, der hingerichtet oder wenigstens gächtet und somit aus der öffentlichen Wahrnehmung ausgelöscht wurde. Anders als das totalitäre System in George Orwells Dystopie ist Nothing But Thieves komplett demokratisch. Sowohl auf den EPs als auch den ersten beiden Alben hört man, dass keine starke Hand die Band in "geordnete" kreative Bahnen lenkt.

Conor Mason: "Wir haben uns also zusammengesetzt und diskutiert: Müssen wir uns jetzt etwas klarer definieren? Und unsere Antwort war, nein, wir definieren gar nichts, wir schreiben einfach drauf los. Das ist es, was uns ausmacht: dass wir drei musikalisch so unterschiedlich sind, es aber trotzdem eine Verbindung gibt. Und meine Stimme verbindet die Songs natürlich sowieso. Das ist super, jetzt fühlen wir uns frei, einfach loszulegen und zu sagen: Mal sehen, was passiert. Wir müssen jetzt nur manchmal aufpassen, dass es nicht zu sehr aus dem Ruder läuft: also nicht zu extrem nach Hip Hop, oder zu finster oder nach was auch immer klingt. Das neue Album geht von Marilyn Manson über Drake, bis Joni Mitchell, George Michael... oder Take That."

Verdienter Erfolg

Nothing But Thieves hat sicher viel Glück gehabt - nicht jede Band landet direkt auf einem Major-Label und teilt noch vor dem ersten Album die Bühne mit Bands wie Muse. Verdient ist der Erfolg aber allemal. Conor Masons Gesang trägt mühelos die verschiedensten Stimmungen; Songwriting und Produktion waren von Anfang an auf einem hohen Niveau und sind seitdem nur besser geworden. Andere Bands erfinden sich mit jedem Album neu, Nothing But Thieves tut es mit jedem Song - auf dem neuen Album mehr denn je, sagt Conor Mason. Eine passende musikalische Schublade mag es für das britische Quintett nicht geben, wohl aber eine Bühne, auf der es gerne mal stehen würde - und wenn man die Geschichte der Band verfolgt hat, weiß man - es ist nur eine Frage der Zeit.

Conor Mason: "Der größte Traum für mich und für die Band ist, Headliner in der O2 Arena zu sein. Das war ein derart wichtiger Ort für uns als Jugendliche. Dort zu Konzerten zu gehen hat sich gewaltig, überlebensgroß angefühlt. Und dort als Headliner zu spielen wäre das Beste überhaupt!"

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